HOME
Neon-Logo
Interview

Neues Album "True Colours": Fritz Kalkbrenner: "Singen und Schreiben sind für mich ein innerer Antrieb"

Spätestens der Hit "Sky & Sand" zeigt, dass Fritz Kalkbrenner ein Allround-Talent ist. Der Berliner schreibt, produziert und singt seine Songs selbst. Nun erscheint sein neues Album "True Colours". 

Fritz Kalkbrenner im Interview über sein neues Album "True Colours"

Fritz Kalkbrenner veröffentlicht sein neues Album "True Colours" am 13. März 2020

Den Namen Kalkbrenner umgeben die Aura von wummernden Bässen sowie Erinnerungen an durchtanzte Nächte – doch Fritz Kalkbrenner ist nicht bloß irgendein ein Techno-DJ. Sein Sound ist harmonisch und atmosphärisch. Kalkbrenner ist ein Allrounder und zugleich Songwriter, Produzent und Sänger seiner Songs. Nach seinem instrumentalen und technolastigen Album "Drown", das 2018 erschien, kommt der Berliner nun mit seinem neuem Album "True Colours". Die Vorabsingle "Kings & Queens" ist im vergangenen Oktober erschienen und kündigte bereits die Rückkehr zu Kalkbrenners charakteristischem Gesang an. "True Colours" wird am 13. März veröffentlicht. Der stern hat mit Fritz Kalkbrenner über seinen musikalischen Werdegang und das neue Album gesprochen.

Fritz, du kommst aus Ost-Berlin. Wie hat sich der Berliner Techno seit deiner Kindheit verändert?
Er hat sich erheblich verändert, das gilt für die Musikrichtung im Allgemeinen. Die späten 80er und frühen 90er waren Sturm und Drang, da wurde musikalisch alles ausgetestet. Damals war ich noch ein Zwerg und mischte noch nicht mit. Per se kann man sagen, dass es heute gediegener zugeht. 140 beats per minute ist nicht mehr angesagt, das ist wirklich sehr flott. Heute ist Techno teilweise massentauglich. Es gibt Tracks, die man sogar den eigenen Eltern unterschieben könnte.

Gilt das auch für deine Stilrichtung?
Auch meine Stücke können beim unbedarften Hörer funktionieren – das ist aber überhaupt nicht schlimm.

Albumcover mit Fritz Kalkbrenner hinter verregneter Fensterscheibe

"True Colours" von Fritz Kalkbrenner, Nusa Music, CD 16,99 Euro, Vinyl 18,99 Euro, erscheint am 13.3.2020, hier bestellbar

Spulen wir mal ein paar Jahre zurück. Durch den Song "Sky & Sand" gab es einen richtigen Hype um dich und deinen vier Jahre älteren Bruder Paul. Wie bleibt man da auf dem Boden?
Das war schwierig. Paul war damals schon im Geschäft. Ich habe das nebenberuflich gemacht und hauptberuflich als Journalist gearbeitet. Glücklicherweise waren wir schon ein Stückchen älter. Ich glaube, dass es Jüngere viel schwerer haben. Die wissen noch nicht, wie tief man im Leben fallen kann. Trotzdem hatte ich Schwierigkeiten, alles einzuordnen. Der Erfolg und meine Wirkungskreise vergrößerten sich immer weiter. Ich spielte nicht mehr 300-Mann-Shows, sondern musste Nullen dranhängen. Ich lief Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren, das hat sich zum Glück in Wohlgefallen aufgelöst.

Aber wie geht das?
Am ehesten mit Demut. Man ist nicht das Gelbe vom Ei, man macht einfach die beste Musik, die man kann. Aber es gibt hunderttausende Künstler, die viel besser sind. Man darf sich nicht zu einem Halbgott krönen.

Hattest du damals Zeit für dein Privatleben?
Ich habe 120 oder 130 Shows im Jahr gespielt. Ich war mehr unterwegs als zu Hause, es existierte kein Privatleben. Irgendwann fing ich an, mit meinen Kräften und meiner Zeit hauszuhalten. Ich habe mir Freiräume geschaffen. Die Agentur könnte mir das so Jahr vollbuchen, dass ich eher Klamotten kaufen müsste, als ich zum Waschen käme. Aber was ist damit auf Dauer gewonnen? Deswegen sage ich: Lass uns mal hier und da ein bisschen weniger machen, das ist schon in Ordnung.

Man darf sich nicht zu einem Halbgott krönen

Wie kann man so ein hohes Erfolgslevel halten?
Der schöne Spruch geht ja so: Für das erste Album hat man das halbe Leben Zeit, fürs zweite Album ein Jahr. Man muss Fleißarbeit leisten, dann kann man den Erfolg in gewisser Form aufrechterhalten. Trotzdem ist Erfolg eine vergängliche Blume. Man sollte ihn nicht für selbstverständlich halten. Zumindest sollte man darauf vorbereitet sein, wenn er schwindet, denn am Ende schwindet er sowieso. Es ist wie eine Schaumkrone auf einer Welle – vielleicht wird sie mit der Zeit kleiner, vielleicht aber auch größer.

Vor zehn Jahren kam dein erstes Album raus. Jetzt erscheint dein sechstes, "True Colours". Wie hat sich deine Musik verändert?
Natürlich erkennt man eine Entwicklungskurve. Das erste war ein Single-Bedroom-Producer-Album – ich hatte eine eigene Vision, wie es aussehen sollte. Beim zweiten Album ging ich einen Schritt weiter. Ich wurde mutiger, lud Studiomusiker ein, dafür wäre ich vorher nicht bereit gewesen. Beim dritten und vierten Album lebte ich den Drang aus, mich noch mehr zu verwirklichen und opulenter zu werden. Das fünfte Album war dann rein instrumental. Es war eine Kontra-Antwort auf die Breitenwirksamkeit, es sollte nicht mehr auch der Schwiegermutter gefallen.

Auf deinem neuen Album singst du wieder, das war auf dem letzten anders.
Das reine Produzieren repräsentiert nur einen Teil meiner Arbeit. Singen und Schreiben sind für mich ein innerer Antrieb. Ich möchte das machen und bin mit dem neuen Album dahin zurückgekehrt. Es ist nicht einfach, ein Sound-Update hinzukriegen. Ich kann nur durch mein eigenes Augenpaar gucken und die Musik so gestalten, wie ich das kann. Deswegen sind externe Einflüsse eine gute Sache. Ich wusste beim neuen Album schon frühzeitig, dass ich mit jungen, frischen Produzenten zusammenzuarbeiten möchte. Die Zusammenarbeit ist wie Ping Pong spielen, man steht im ständigen Austausch miteinander. Sie läuft zusammen wie ein Reißverschluss.

Würdest du sagen, dass du deinem Stil treu geblieben bist?
Natürlich habe ich ein Signum und eine Handschrift. Die versuche ich, in die neuere Zeit zu überführen – aber nicht zwanghaft. Ich werfe mir jetzt keine Federboa um und spiele eine Rolle. Es hat ja schon Künstler gegeben, die eine absolute Metamorphose gemacht haben. Das ist mir aber viel zu riskant. Ich halte den roten Faden in meiner Musik, aber frische sie trotzdem auf.

Cyndi Lauper

Du singst bei deinen Auftritten auch live. Wie kam es dazu?
Wie die Jungfrau zum Kinde – ein Unfall. Nee, die echte Urgeschichte ist, dass mein musikalischer Mentor, DJ Zky, mich quasi dazu genötigt hat. Ich habe auf einer Platte von ihm gesungen – und dann bin ich fast auf die Bühne geschubst worden. Das war ganz schwierig, es wird grottig gewesen sein. So wie auch die darauffolgenden Male. Ich musste mich erst mal mit der neuen Materie vertraut machen. Aber man wächst an seinen Aufgaben und irgendwann tut es gar nicht mehr weh. Und dann ist es gut.

Gibt es Unterschiede beim Publikum, wenn du in verschiedenen Städten spielst?
Auf großen Bühnen sehe ich das Publikum nicht gut, da ist es schwierig wegen des Bühnenaufbaus. Da bekommt man Frontlicht. Ich sage dann dem Lichtmann, er möge doch mal das Licht ausmachen. Bei kleineren Bühnen kriegt man mehr vom Publikum mit. International gesehen gibt es schon Unterschiede. Die Schweizer sind ein bisschen verhaltener, das aber heißt nicht, dass sie sich weniger freuen. Bei den Italienern bricht ganz viel raus. Als ich mal in Rom gespielt habe, unterschrieb ich nach dem Auftritt auf Schuhen, Führerscheinen und auf einer Stirn. Es war wirklich Land unter, war aber auch nicht schlimm.

Der Festivalsommer steht vor der Tür. Auf welche Festivals freust du dich besonders?
Ich weiß gar nicht, ob ich schon verraten darf, auf welchen Festivals ich spielen werde. Wir können ja ganz generell darüber reden. Es gibt ein niederländisches Festival in Amsterdam, Pleinvrees, das ist sehr elektrobezogen. Ein schönes Festival ist in Genf, am Genfer See, steht schon fest, da freue ich mich drauf. Es gibt auch tolle Festivals in Deutschland. Man stelle sich vor, man würde zum Beispiel ein Special bei Rock am Ring spielen. Das wäre natürlich ganz toll.

Letzte Frage: Wie sieht dein Alltag aus, wenn du keinen Auftritt hast?
Da bin ich zu Hause und wenn's gut läuft, mache ich Musik oder treffe Freunde. Eigentlich ist es alles ziemlich gediegen. Meine Arbeit komprimiert sich oft aufs Wochenende, dann ist sie aber sehr intensiv. Unter der Woche kann ich die Zügel lockerer lassen. Nicht klassisch neun bis fünf, es stellt sich wenig Monotonie ein. Aber auch ich wasche Socken, keine Sorge.


Dieser Artikel enthält sogenannte Affiliate-Links. Mehr Informationen dazu gibt es hier.