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Grammys im Zeichen von Whitney Houston und Adele: Eine Stimme geht, eine Stimme lebt auf

Mit einem Gebet für die verstorbene Whitney Houston begann die Grammy-Verleihung in Los Angeles. Dann triumphierte Adele. Sie heimste die wichtigsten Preise ein.

Von Ulrike von Bülow

Es war nicht so, dass alle schwarz trugen. Paris Hilton zum Beispiel erschien in einem Gänseblümchen-weißen Kleidchen mit Goldapplikationen auf den Schultern. Katy Perry kam in einem hellbläulichen Plüschdress und mit hochgesteckten Haaren, die sie himmelblau gefärbt hatte. Um Fergies Figur schmiegte sich ein puffärmeliges Teil, das so rot war wie der Teppich, über den sie alle liefen. Auf dem Weg zur 54. Grammy-Verleihung, die in der Nacht zum Montag europäischer Zeit im "Staples Center" in Los Angeles stattfand, und die aber trotz all der bunten Farben ganz im Zeichen der Trauer um Whitney Houston stand: Schon auf dem roten Teppich wurde überall nach der am Samstag verstorbenen Sängerin gefragt, die während ihrer einst großen Karriere sechs Grammys gewann; Trophäen in Form eines goldenen Grammophons, die so etwas wie die Oscars der Musikindustrie sind. "Ich liebe sie, ich werde Whitney vermissen", sagte nun Kelly Rowland. "Sie hat uns alle beeinflusst", sprach Corinne Bailey Rae.

Dann wurde die Grammy-Verleihung eröffnet – von Bruce Springsteen, der wie Whitney Houston aus New Jersey kommt, dem kleinen Bundesstaat an der amerikanischen Ostküste, dessen ganzer Stolz er ist. Springsteen trat mit seiner E-Street-Band auf, er präsentierte seine neue Single "We Take Care Of Our Own" und fragte in die Kamera: "Amerika, lebst du da draußen?" Was am Tag nach Whitney Houstons Tod "vielleicht nicht die smarteste aller Fragen" war, wie Sekunden später die Grammy-Blogger der "New York Times" bemerkten.

"Ein Todesfall in unserer Familie"

Dafür lobten sie den Gastgeber des Abends, den Rapper LL Cool J., der im schwarzen Samtjackett und mit schwarzer Kutschermütze die Bühne betrat und die Musikgemeinde mit den Worten begrüßte: "Es gab einen Todesfall in unserer Familie. Lasst uns mit einem Gebet beginnen für eine Frau, die wir geliebt haben. Whitney Houston." Händefalten, Stille im Publikum, als LL Cool J ein Gebet für "unsere gefallene Schwester" sprach. Dann sagte er: "Und jetzt feiern wir die größte Musiknacht, die es geben kann." LL Cool J präsentierte einen rührenden Videoausschnitt von Whitney Houston, der sie bei der Grammy-Verleihung 1994 zeigte, wo sie "I Will Always Love You" sang, mit ihrer kraftvollen Stimme, die sie unverwechselbar machte.

Erinnerung an Etta James

Doch Houston war nicht die einzige, der es an diesem Abend zu gedenken galt: Auf der Bühne erschienen Alicia Keys und Bonnie Raitt, die zwar zunächst "wir lieben Whitney" sagten, dann aber Etta James ehrten, die große, alte Dame des Rhythm'n'Blues, die im Januar verstarb. Keys and Raitt sangen James' "Sunday Kind Of Love", es war ein schöner Gänsehaut-Moment.

Anschließend vergaben die beiden Damen den ersten Preis des Abends – an "someone like you", wie Alicia Keys sagte: "Adele!" Die gewann in der Kategorie "Best Pop Solo-Performance" mit ihrem Song "Someone Like You". Und sah sehr erfrischend aus – Adele mit ihren runden Kurven im herunter gehungerten Hollywood! Sie trug eine schwarze Glitzerrobe und funkelte wie ein frisch erleuchteter Weihnachtsbaum.

Jennifer Hudson singt "I Will Always Love You"

Adele war für sechs Grammys nominiert, nur übertroffen von Kanye West mit sieben Nominierungen. Der gewann auch gleich einen Preis – gemeinsam mit seinem Kollegen Jay-Z - für die "Beste Rap-Performance" und den Song "Otis". Doch die Herren waren leider abwesend. Dafür gab es ein nettes Duett von Rihanna und Coldplay, die sich für den Coldplay-Song "Paradise" vereinigten, den Rihanna mit den Worten "Make some noise für Whitney!" unterlegte. Danach ging es um die "Beste Rock Performance", und da ging der Preis an die Foo Fighters und ihren Song "Walk", den sie, so rühmten sich die Herren, "in einer Garage erfunden haben, mit einem Aufnahmegerät". Voll old school. Cool!

Dann war wieder Whitney-Houston-Zeit: Stevie Wonder betrat die Bühne und hielt eine kleine Ansprache an "Whitney oben im Himmel. Wir alle lieben dich, Baby Houston!" Dann kam eine Frau, deren Stimme mindestens so stark ist wie die von Whitney Houston einmal war – Adele, deren "Rolling Into Deep" den Preis in der Kategorie "Best Song Of The Year" gewann. Adele dankte "meinem Arzt, der meine Stimme gerettet hat", nach ihrer Stimmenbandoperation. Und dann zeigte sie, wie gut die Stimme wieder funktioniert: Sie sang "Rolling Into Deep", kraftvoll und unverwechselbar – und bekam den längsten Applaus des Abends. Im Publikum konnte man auf den Lippen von Rihanna oder Paul McCartney ein Wort ablesen: "Wow!". Und die Wow-Momente gingen weiter. Jennifer Hudson betrat die Bühne und sang "I Will Always Love You" – in Gedenken an Whitney Houston. Es war ein großer, ein mutiger Auftritt, den man sich erst einmal trauen muss: So eine Stimme auszufüllen. Gerührte Tränen im Publikum, aber dann war wieder Adele-Zeit, die all die sechs Preise gewann, für die sie nominiert war – sie war der Hit des Abends.

"Oh my God!" Das beste Album ist "21"

Adele siegte in der Kategorie "Record Of The Year" ("Rolling Into Deep") und "Album Of The Year" ("21"). Letztere Auszeichnung brachte sie aus der Fassung: Adele weinte, als sie ihren größten Preis entgegen nahm. "Oh my God!", schluchzte sie. "Danke. Danke! Dieses Album war inspiriert von einer schlechten Beziehung. Es hat mein Leben verändert." Die Grammy-Nacht war ein angemessener Abend und eine von Frauen bestimmte Angelegenheit: Eine starke Stimme war gegangen – die von Whitney Houston. Eine andere lebte wieder auf – die von Adele.

Das Finale - Paul McCartney mit Bruce Springsteen und den Foo Fighters auf der Bühne - brauchte kein Mensch mehr.