HOME

One Direction-Sänger: Eine Begegnung mit Harry Styles - ganz ohne Gekreische

Harry Styles wurde erwachsen unter dem grellen Licht der Scheinwerfer – als Teil von One Direction jubelten ihm Millionen Teenies zu. Jetzt will er zeigen, wie viel Mann in ihm steckt. Eine Begegnung – ganz ohne Gekreische.

Harry Styles von One Direction ist jetzt solo unterwegs

Harry Styles bei einem Auftritt der NBC-Show "Today" im Rockefeller Center in New York City am 9. Mai 2017. 

Die ersten Worte, mit denen sich Harry Styles seinem Publikum vorstellte, lauteten: "Ich bin Harry Styles, ich bin 16 Jahre alt, samstags arbeite ich in einer Bäckerei, im September werde ich aufs College gehen."

Das war 2010. 2017 sitzt Harry Styles in der Suite eines Fünfsternehotels in der Londoner Innenstadt und gibt ein Interview, weil sein erstes Soloalbum erscheint. Vor der Zimmertür wacht ein Bodyguard. Styles ist nicht, wie vor sieben Jahren bei seinem ersten Fernsehauftritt angekündigt, aufs College gegangen. Er ist stattdessen mit der Boyband One Direction zu einem der größten Popstars und Mädchenschwärme der Gegenwart aufgestiegen.

"Pretty amazing", ziemlich super, findet Harry, habe sich sein Leben bisher entwickelt. Anfang April ist die erste Single des Albums erschienen, "Sign of the Times", der Song hat es geschafft, den omnipräsenten Ed Sheeran in Großbritannien nach 13 Wochen von Platz eins der Charts zu stoßen. Die amerikanische Ausgabe der Musikzeitschrift "Rolling Stone" druckte im April Styles' Gesicht aufs Cover.

Dass das Teenie-Idol auch als Solokünstler viel Aufmerksamkeit bekommen würde, war keine Überraschung. Überraschend aber ist schon, welche musikalische Richtung Harry Styles seinen Songs gegeben hat. "Sign of the Times" ist eine opulente Rock-Pop-Piano-Ballade, die eher nach einer Mischung aus psychedelischem Seventies-Glamrock und den Britpop-Hymnen der Neunziger klingt als nach leichtem Boyband-Pop. Die Musikkritiker überboten sich mit Referenzen, die sie in dem Song entdeckten: Queen, Prince, Kings of Leon, Snow Patrol, David Bowie, Suede, Pink Floyd, Elton John, Oasis.

Mit welpenhafter Tapsigkeit war Harry Styles 2010 auf die Bühne von "The X Factor" gekommen

"Das sind Musiker, mit denen ich aufgewachsen bin", sagt Styles. "Es ist ein riesiges Kompliment, mit ihnen verglichen zu werden. Aber ich hoffe natürlich trotzdem, dass das Album in erster Linie nach mir selbst klingt."

Styles sagt, er habe am Anfang keinen richtigen Plan gehabt, wohin er sich als Solokünstler entwickeln würde. "Der ganze Entstehungsprozess des Albums war auch ein Erforschen, wer ich bin und wie ich klingen werde." Am 12. Mai erscheint das Werk, es heißt schlicht: "Harry Styles".

Styles ist erwachsen geworden, und wie bei jedem jugendlichen Star hat die Welt ihm dabei zu geschaut. Wie die dichten dunklen Locken erst immer länger und schließlich wieder kürzer wurden. Wie das Gesicht die runde Kindlichkeit verlor und kantiger, fragender wurde. Wie eine Tätowierung nach der anderen auf Armen und Oberkörper entstand. An dem 23-jährigen Popstar, der in der Londoner Hotelsuite sitzt, weißes T-Shirt, die Finger voller Ringe, und höflich und ernsthaft Fragen beantwortet, erinnert nicht mehr viel an den 16-jährigen Schüler, der in einer britischen Castingshow entdeckt wurde.

Mit welpenhafter Tapsigkeit war Styles 2010 auf die Bühne von "The X Factor" gekommen. Er sei hier, weil seine Mutter finde, dass er gut singen könne, hatte er vorher in einem Einspieler erzählt. Seine Familie begleitete ihn zum Casting. Er sang a cappella "Isn’t She Lovely" von Stevie Wonder. Seine Mutter hatte Tränen in den Augen. Juror und Produzent Simon Cowell urteilte: "Mit ein bisschen Gesangsunterricht könntest du richtig gut sein." Mit diesem Satz begann Styles' Karriere.

"Auf der Bühne zu stehen, ist wie ein Rausch"

Die Juroren entschieden im Laufe der Staffel, ihn und vier andere Jungs als Band zusammenzubasteln. One Direction wurde eine der erfolgreichsten Boybands: über 20 Millionen verkaufte Alben, Hits wie "What Makes You Beautiful" und "Story of My Life" hielten sich wochenlang in den Charts. Und Harry, aufgewachsen im Dörfchen Holmes Chapel in der Nähe von Manchester, verbrachte den Rest seiner Jugend auf den Bühnen ausverkaufter Hallen rund um die Welt, angehimmelt von kreischenden Teenagern.

Styles sagt: "Es ist unmöglich, das Gefühl zu beschreiben, wenn man da oben steht. Es gibt nichts Vergleichbares. Ich würde gern jeden Menschen, den ich mag, mit auf die Bühne nehmen, damit er das auch erleben kann. Es ist ein Rausch."

Ein Rausch, der besonders in diesem Alter gefährlich sein kann. Aber Styles scheint den frühen und schnellen Ruhm gut verkraftet zu haben, bislang ist er noch nicht mit größeren Skandalen aufgefallen. Freunde und Familie hälfen ihm, auf dem Boden zu bleiben, sagt Styles – eine klassische Promi-Floskel. Aber dass er in recht stabilen und liebevollen Verhältnissen aufgewachsen ist, könnte tatsächlich geholfen haben. Seine Eltern ließen sich scheiden, als Harry sieben Jahre alt war, aber er hat zu beiden ein gutes Verhältnis. "Ich hatte eine großartige Kindheit", sagt er.

In der Klatschpresse taucht Harry meist nur wegen seines Liebeslebens auf. Mit 17 hatte er eine Affäre mit der 32-jährigen Moderatorin Caroline Flack, später wurde viel über Beziehungen zu Popstar Taylor Swift und zur Kim-Kardashian-Schwester Kendall Jenner spekuliert. Auch das Gerücht, er habe ein Verhältnis mit seinem Bandkollegen Louis Tomlinson gehabt, hält sich hartnäckig.

Offiziell macht One Direction eine Pause

Styles lacht über die Frage, mit wem er gerade zusammen sei. "Lass uns lieber über Politik reden!" Ein Scherz, denn natürlich wird er sich politisch nicht positionieren. Er will eine Projektionsfläche für möglichst viele bleiben, unbestimmt, geheimnisvoll. Er überlegt sich genau, was er sagt, bleibt unkonkret, diplomatisch, vorsichtig, gibt sich bescheiden. Die unbekümmerte Schalkhaftigkeit, die den 16-jährigen Harry auszeichnete, gibt es nicht mehr. Seinen Charme setzt er gezielt ein, ein Blick leicht von unten, aus graublauen Augen zwischen in die Stirn fallenden Locken hindurch, ein Grinsen dazu. Wer in der Öffentlichkeit erwachsen wird, lernt, wie er wirkt auf die Öffentlichkeit. Und er lernt auch, dass jede klare Meinung, jede Positionierung zum Verlust von Fans führen kann.

Über One Direction redet er nur freundlich. Offiziell macht die Band eine "Pause", alle fünf Bandmitglieder gehen Soloprojekten nach. Von Trennung will Styles trotzdem nicht sprechen. Nur Zayn Malik hat endgültig mit der Boyband gebrochen, er macht jetzt R'n'B und ist mit dem Model Gigi Hadid zusammen. Styles sagt: "Die Band ist das Beste, was mir je passiert ist. Ich will da keinen Schlussstrich drunterziehen." Eine Antwort, die wohl vielen Fanmädchen durchheulte Nächte erspart.

Noch ist der Musiker hauptsächlich "der von One Direction". Vielleicht aber schafft er es und wird in Zukunft ganz zu Harry Styles. Die Emanzipation aus einer gecasteten Gang haben Kollegen wie Justin Timberlake und Robbie Williams schließlich auch geschafft.

Kinotrailer: "One Direction: This is us"