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Album "Faith" Hurts-Sänger Theo Hutchcraft: "Ich konnte nicht mehr klar denken"

Hurts
Theo Hutchcraft (l.) und Adam Anderson bilden die Band Hurts
© The Orchard GmbH
Das Synthie-Pop-Duo Hurts veröffentlicht nach einer Durststrecke sein neues Album "Faith". Im NEON-Interview spricht Sänger Theo Hutchcraft über seine Tiefen, das modische Auftreten der Band und ihre Verbindung zur deutschen Musik.

Der Song "Wonderful Life" machte sie bekannt, doch nach dem 2017 erschienenen Album "Desire" war nur noch wenig von Hurts zu hören. Das Synthie-Pop-Duo aus Manchester, bestehend aus Theo Hutchcraft und Adam Anderson, musste sich eine Pause nehmen. "Ich war körperlich und psychisch völlig erschöpft", ließ Sänger Hutchcraft nach der letzten Tournee der Band im Jahr 2018 durchblicken.

Auch Hutchcrafts Bandkollege Anderson hatte schon Jahre zuvor über mentale Probleme gesprochen. Diese Erfahrungen prägen das neue Album "Faith". Im Gespräch mit NEON spricht Theo Hutchcraft über seine Tiefen, das modische Auftreten der Band und ihre Verbindung zur deutschen Musik.

Hurts-Sänger Theo Hutchcraft im Interview: "Flip Flops würde ich nicht tragen"

Theo, stimmt die Geschichte, dass ihr euch bei einer Schlägerei kennengelernt habt?
Das stimmt. Es war vor einem Nachtclub, um ungefähr vier Uhr morgens, und meine Freunde haben sich mit seinen Freunden geprügelt. Wir hatten aber keine Lust, uns zu schlagen, und haben einfach über Musik geredet. Zufällig waren wir beide gerade auf der Suche nach einer Band. Da haben wir dann entschieden, zusammen Musik zu machen. Das ist jetzt so 15, 16 Jahre her.

Jetzt veröffentlicht ihr euer fünftes Studioalbum mit dem Titel "Faith". Im Deutschen kann das sowohl "Glaube" als auch "Vertrauen" bedeuten. Welche Bedeutung hattet ihr im Sinn?
Eigentlich passen beide Bedeutungen ziemlich gut. Nach unserem letzten Album und der Tour waren wir so erschöpft, dass wir erst einmal Abstand von allem brauchten. Aber dann haben wir wieder das Vertrauen in uns selbst gefunden und den Glauben an die Musik, an das, was wir machen. Wir sind auf diesem Album so ehrlich wie nie zuvor.

Die Single "Voices" hast du in der Ankündigung mit Worten wie "Isolation" oder "Verzweiflung" beschrieben. Klingt wie der Soundtrack für eine Pandemie. 
Es ist wirklich ein komischer Zufall. Den Song habe ich geschrieben, als ich mich genau so gefühlt habe. Am Anfang der Pandemie mussten wir dann entscheiden, ob er veröffentlicht wird. Und ich hatte das seltsame Gefühl, dass es wahrscheinlich vielen Menschen gerade genauso geht. Vielleicht können sie sich jetzt besser darin hineinversetzen.

Du hast bereits die harte Zeit angesprochen, die du in den vergangenen Jahren hattest. Was genau ist da passiert?
Ich war einfach erschöpft und depressiv. Wir hatten zwei Alben kurz nacheinander gemacht, waren um die Welt getourt und hatten zwei, drei Jahre lang so gut wie keinen freien Tag. Irgendwann bin ich an einen Punkt gekommen, wo ich nicht mehr funktionieren konnte. Ich konnte nicht mehr klar denken.

Was hat dir geholfen?
Ich brauchte Ruhe und musste dann ganz langsam und natürlich wieder zur Musik zurückkommen. Ganz ohne Stress, so dass die Musik Teil der Heilung sein konnte. 

Hast du dir professionelle Hilfe geholt?
Nein, aber ich habe eine Meditationsart gemacht, bei der man sich die Augen verbindet, damit die anderen Sinne stärker stimuliert werden. Zuerst 15 Minuten lang, dann eine Stunde, dann mehrere Stunden, und wenn man die Augenbinde abnimmt, fühlt man sich viel kraftvoller. Das hat mir geholfen, wieder kreativ zu sein.

Dein Bandkollege Adam hat schon vor einigen Jahren ebenfalls öffentlich über psychische Probleme gesprochen. Wie oft redet ihr darüber und wie unterstützt ihr euch gegenseitig?
Schon ziemlich oft. Wir haben viele gemeinsame Erfahrungen in den vergangenen 15 Jahren gemacht. Wir verbringen viel Zeit zusammen, wir reden viel miteinander und wir unterstützen uns bei der Arbeit. Wenn einer von uns Probleme hat, arbeitet der andere härter.

Vor eurer Musik-Karriere wart ihr beide über längere Zeit arbeitslos. Fragst du dich manchmal, was aus dir geworden wäre, wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte?
Ich habe mich immer für Naturwissenschaft interessiert und habe an der Uni Physik studiert. Vielleicht wäre ich also Wissenschaftler geworden. Das interessiert mich immer noch, ich lese auch viel.

Auf der Bühne tretet ihr immer in Anzügen auf. Wie wichtig ist euch euer äußeres Erscheinen?
Das kommt auch aus der Zeit, als wir arbeitslos waren. Wir sind damals in Anzügen zu den Treffen mit Plattenfirmen gegangen, weil wir schlau aussehen wollten – sonst hatten wir ja nichts. Also haben wir uns diese Second-Hand-Anzüge gekauft, damit uns jemand ernstnimmt. Mode ist aber ein großes Thema für mich, ich mag Kleidung.

Gibt es für dich ein modisches No-Go?
Flip Flops würde ich nie tragen. Ansonsten kaufe ich eigentlich kaum neue Kleidung, sondern vor allem Vintage-Teile.

Ihr habt zum Beispiel das Lied "Ohne Dich" von der deutschen Band Selig gecovert, für Rammstein habt ihr mal einen Remix beigesteuert. Woher kommt die Verbindung zur deutschen Musik?
Ich habe Deutsch in der Schule gelernt, bis ich 18 war. Da hatte ich eine Lehrerin, die aus Deutschland kam, und die hat uns ständig Musik vorgespielt. So habe ich Selig und viele andere deutsche Bands kennengelernt. Deshalb war ich sehr froh, als wir die Möglichkeit hatten, diesen Song zu machen.

Hast du eine Lieblingsband oder einen Lieblingsmusiker aus Deutschland?
Wahrscheinlich Rammstein, die habe ich schon als Kind geliebt. Und ich finde Casper, den Rapper, richtig gut. 


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