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Konzertveranstalter Siebeth Darm "Wir sind genauso wichtig wie die Lufthansa – und Kultur, das ist nicht nur das Deutsche Schauspielhaus"

Siebeth Darm, Veranstalter der "Acoustics"-Konzertreihe
Siebeth Darm, Veranstalter der "Acoustics"-Konzertreihe
© Marco Drews / Philipp Szyza / Picture Alliance
Siebeth Darm aus Hamburg veranstaltet seit 2010 die Konzertreihe "Acoustics". Ihm geht es damit besser als vielen Kollegen, dennoch litt auch er unter Lockdown und Corona-Regeln. Doch er sieht auch das Positive an der Krise.

Der Hamburger Siebeth Darm, 52, hat sozusagen Glück im Unglück. Er ist Konzertveranstalter – seit dem Frühling 2020 wegen der Corona-Pandemie und des Lockdowns ein mehr als undankbarer Job. Aber die Besonderheit der Konzertreihe, die er veranstaltet, ist seit jeher, dass sie draußen und in kleinem Rahmen stattfindet. Das ist ein unverhoffter Bonus in Zeiten, in denen Konzerte auf keinen Fall drinnen und mit Tausenden, dicht gedrängten Fans vonstatten gehen dürfen.

Die "Acoustics" rief er im Sommer 2010 in Hamburg ins Leben. Im Innenhof vor dem Musikclub Knust spielten drei bis vier verschiedene Künstler an einem Abend, manche namhaft, manche Newcomer. "Ich habe so ein Näschen für Entdeckungen", freut sich Siebeth Darm. Es gibt einen kleinen Leitfaden für die "Acoustics"-Konzerte: E-Gitarren sind verboten, die Bands müssen tatsächlich akustisch spielen. "Es ist immer interessant, was jemand daraus macht. Besonders bei Punkbands bin ich immer gespannt, wie sie an das Format herangehen." Zudem soll es ein schöner Abend für alle Beteiligten werden, aber wenn Bands oder deren Management mit absurden Backstage-Wünschen kommen, lehnt er dankend ab: "Bei uns gibt es kein Chichi."

Draußen, klein – und ohne Chichi

Das Format der "Acoustics" funktionierte in Hamburg so gut, dass Siebeth Darm es inzwischen auf zahlreiche andere deutsche Städte ausgeweitet hat. Die Reihe findet seit einigen Jahren auch in Berlin und Hannover statt, in Essen, Dresden, Nürnberg, Offenbach und Magdeburg. Anfangs nahm er lediglich fünf Euro Eintritt, die Shows finanzierten sich vor allem über Getränkeverkauf und Hutspenden für die Musiker. "Aber da wurde dann in der ersten Reihe schon relativ oft gequatscht, während der Künstler spielte, und man musste hingehen und die Leute freundlich drauf hinweisen." Auf Anraten von Freunden erhöhte er die Ticketpreise inzwischen auf 15 bis 18 Euro, zuerst mit Sorge und Kopfschmerzen. "Aber jetzt kommen die Leute, die wirklich Lust auf Musik haben." Voll ist es trotzdem jedes Mal.

Dabei war der Hamburger im Herbst 2020 kurz davor gewesen, alles hinzuschmeißen, zumindest für eine Weile. "Ich habe im September gedacht: Ich mache das jetzt seit zehn Jahren, ich brauch' eine Pause. Ich hab' keinen Bock mehr." In diese Entscheidung spielte vielleicht auch die fordernde Konzertsaison 2020 hinein, die für Darms "Acoustics" zwar viel besser lief als für zahlreiche große Veranstalter – allein in Hamburg gab es zehn Shows, davon waren sieben komplett ausverkauft – aber aufgrund der Corona-Pandemie und der sich oft ändernden Vorsichtsmaßnahmen und Regeln fast über Nacht auf die Beine gestellt werden musste.

Eine Konzertsaison, in ein paar Tagen geplant

"Das war wirklich mit heißer Nadel gestrickt," sagt der 52-Jährige. "Ich hatte vielen Bands gesagt: Wartet ab, vielleicht kriegen wir da was hin." Und diese Spontanität, die früher wegen streng getakteter Tourneepläne und Termine niemals funktioniert hätte, funktionierte im Sommer 2020. "Die meisten Künstler waren einfach sehr glücklich. 'Oh geil, Hauptsache im Sommer spielen!'" Er sei oft beseelt nach den Konzerten nach Hause gekommen, sagt Siebeth Darm. "Das war wahnsinnstoll. Aber ich war im August schon völlig platt."

Als er fast schon beschlossen hatte, die "Acoustics" für eine Weile pausieren zu lassen, traf er jedoch zufällig einen alten Bekannten aus Berlin wieder. Einen Booker, der direkt Lust hatte, das Projekt mit ihm gemeinsam weiterzuführen. Mit neuer Unterstützung und neuer Inspiration ging es dann also doch ohne Unterbrechung weiter. Wobei auch im vergangenen Winter dank der Coronapandemie die Zukunft der Konzertbranche mehr als unsicher schien. "Ich hatte Angst, aber irgendwann kriegst du eine Egalhaltung. Ich hab mich öfter über die Regierung geärgert und bin manchmal in ein richtiges Loch gefallen."

Doch, wenn auch spät und mit enormem bürokratischen Aufwand verbunden – schließlich kamen finanzielle staatliche Hilfen auch bei ihm an. Das nahm für die "Acoustics"-Macher einigen Stress aus den Wintermonaten. Und inzwischen sieht der Hamburger auch Gutes in den Auswirkungen des Lockdowns. "Ich will nicht nur jammern. Für viele Clubs etwa gab es dank der Förderungen eine Chance, ein bisschen aus dem Muff rauszukommen. Renovieren, neue Anlagen besorgen, neue Möglichkeiten für Außengastro auf die Beine stellen."

Viele Clubs nutzten die staatlichen Hilfen klug

Er sieht auch, dass Live-Musik, nachdem sie monatelang nicht stattfinden konnte, generell mehr gewürdigt wird. In Hamburg etwa gibt es eine neue gesetzliche Regelung: "Ein Nachbar kann einen Club jetzt nicht mehr einfach so rausklagen, weil es ihm zu laut ist." Und auch innerhalb der Szene ist viel passiert: "Wir sind enger zusammengerückt und bekommen es jetzt vielleicht ja auch mal hin, Lobbyvertreter zu ernennen, die der Politik klarmachen: Wir sind genauso wichtig wie die Lufthansa. Und Kultur, das ist nicht nur das Deutsche Schauspielhaus. Wir wollen kreativ sein – und Kreativität hat bekanntlich viel mit Geld zu tun."

Der Sommer 2021 jedenfalls wird für Siebeth Darm kreativ und musikalisch: Am Mittwoch, 23. Juni, feiern die "Acoustics" ihren Auftakt vor dem Knust in Hamburg. Auf der Bühne stehen an diesem Abend Elena Steri, Lukas Droese und Jenobi. In den kommenden Wochen werden außerdem Künstler wie Maxim, Nneka, Tiemo Hauer, Kytes oder Moritz Krämer zu Gast sein. Alle Termine, Künstler und die Möglichkeit zum Ticketkauf gibt es unter www.acousticsconcerts.com.


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