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Michel van Dyke: Abschied vom Sommer

Fernab der öffentlichen Aufmerksamkeit hat der Songschreiber Michel van Dyke sein inzwischen sechstes Album vorgelegt: elf wunderschöne Songs, die eine sanft-melancholische Stimmung verströmen.

Von Carsten Heidböhmer

Sänger, Pianist, Songschreiber: Michel van Dyke, 43

Sänger, Pianist, Songschreiber: Michel van Dyke, 43

Es zählt zu den Unarten des Musikjournalismus, Neuerscheinungen häufig mit der Jahreszeit in Verbindung zu bringen. Das liest sich dann meist so: "Das ultimative Sommer-Album", oder "Musik für kalte Winterabende". Meist nicht mehr als leere Worthülsen, die über das Wesen der Musik nichts aussagen. Dennoch kann man "Bossa Nova", das neue Album von Michel van Dyke, mit Fug und Recht als Herbstplatte bezeichnen. Über dem ganzen Album liegt eine sanfte Melancholie, ein zarter Hauch von Abschiednehmen. Der Sommer ist vorbei, jetzt geht man in sich, lässt die schönen Tage der zurückliegenden Jahreszeit noch einmal Revue passieren, leckt die Wunden.

Gleich das erste, schlicht "Herbst" betitelte Lied bringt es auf den Punkt: "Ich werd' mich mal wieder an den Herbst gewöhnen", singt der gebürtige Niederländer. Dazu schmachtet ein Streichorchester, das dem Hörer gleich signalisiert, dass er es hier mit keiner Partyplatte zu tun bekommt.

Ein alter Hase im Musikgeschäft

Nur wenigen wird der Name Michel van Dyke bislang ein Begriff sein. Dabei ist der 43-Jährige ein alter Hase im Musikbusiness. "Bossa Nova" ist bereits seine sechste Album-Veröffentlichung. 1991 wählte die Musikzeitschrift NME seine Platte "One life" in die Liste der 50 besten internationalen Veröffentlichungen des Jahres. Derart angesagt, arbeitet er mit Produzenten wie Mike Hedges (U2, Manic Street Preachers, Travis) oder Midge Ure zusammen, schrieb Filmmusik für "Crazy" und "Anatomie" und begleitete 1996 Oasis auf ihrer Deutschlandtournee.

Der ganz große Durchbruch als Solokünstler gelang ihm jedoch nie. Mehr Erfolg war dem Kritikerliebling dagegen als Songschreiber beschieden. Der Flensburger Teenie-Band Echt schneiderte er Erfolgsstücke direkt auf den Leib, darunter den unvergesslichen Hit "Du trägst keine Liebe in Dir", der sogar den "Echo" gewann.

Keine brasilianische Tanzmusik

Nun hat Michel van Dyke also ein neues Album am Start. Wer aufgrund des Titels südamerikanische Musik in der Tradition des Brasilianers Antonio Carlos Jobim erwartet, liegt allerdings leicht daneben. Denn van Dyke versteht "Bossa Nova" nicht im engen, stilistischen Sinne, sondern abstrahiert die Elemente dieser Musik für seine Version von zeitlosem Pop. Dazu zählen Cool-Jazz, mäßig-beschwingtes Tempo, anschmiegsame Melodiebögen und eine transparente Orchestrierung, gewürzt mit dezenter Perkussion und viel Klavier.

Das alles dient dem Ziel, die wehmütige Stimmung der Platte zu verstärken, sie noch tiefer in die Melancholie zu treiben. Die Texte - soulig intoniert - drehen sich zumeist um Abschied oder gescheiterte Beziehungen. Bisweilen verstrahlen sie aber auch einen überraschenden Optimismus: "Kriegenwirschonwiederhin" ist die Single-Auskopplung des Albums betitelt, der mit seinem Bossa-Nova-Rhythmus echten Ohrwurmcharakter besitzt.

Leicht, aber nicht belanglos

Die Songs wandeln auf dem schmalen Grat zwischen gefühlsbetonter Poesie und Schlagerklischee. Manchmal geraten die Songs zwar ein wenig sehr schwülstig, schielen eine Spur zu stark aufs Mainstream-Radio. Doch trotz dieser gelegentlichen Ausreißer ist das Album in seiner Stimmung höchst homogen. Der Easy-Listening-Sound verleiht dem Album eine Leichtigkeit, die jedoch nie in Belanglosigkeit mündet. Auf diese Weise überdauert die Platte mühelos den Herbst und kann auch im kommenden Frühjahr noch gehört werden.

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