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Nachruf

Aretha Franklin: Sie verband das Sündige mit dem Heiligen - und wurde zur Queen of Soul

Sie stammte aus einer Prediger-Familie und sang zunächst Gospel. Doch in den 60er Jahren wandte sich Aretha Franklin der weltlichen Musik zu. So wurde sie zur Queen of Soul.

Aretha Franklin

Aretha Franklin im Jahr 1970, auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft.

Picture Alliance

Hey, , sing one for me
Let him know our life's in misery
Will you sing a song that will touch his heart
And make him sorry that we are apart

(Cat Power: "Aretha, Sing One For Me", 2008)

Soul- kommt aus der Kirche. Ob Marvin Gaye, Stevie Wonder, Ray Charles oder später Whitney Houston: Fast alle großen Sänger dieser Kunstform haben ihre ersten musikalischen Erfahrungen in den amerikanischen Gotteshäusern gemacht und sind mit Gospel sozialisiert worden. 

Doch kein anderer Musiker wurde so stark von dieser Richtung geprägt wie Aretha Franklin. Die am 25. März 1942 in , Tennessee geborene Sängerin kam als Tochter eines Baptistenpfarrers auf die Welt und geriet bereits als Kind mit der sakralen Musik der afroamerikanischen Kirchen in Berührung. Zusammen mit ihren Schwestern Carolyn und Erma sang sie von klein auf im Chor der "New Bethel Baptist Church", wo ihr Vater auf der Kanzel donnernde Predigten hielt. 

Mit 14 nahm Aretha Franklin ein Gospelalbum auf

Schon früh wurde das außerordentliche musikalische Talent Arethas entdeckt, vor allem mit ihrer kraftvollen Stimme machte sie auf sich aufmerksam. Im zarten Alter von 14 Jahren nahm sie 1956 ein Gospelalbum auf, "The Gospel Soul of Aretha Franklin". Nur von einer Kirchenorgel begleitet singt sie darauf religiöse Lieder. 

Gospelmusik sollte sie für den Rest ihres Lebens prägen. Nicht nur als wichtige kreative Quelle, sie nahm auch immer wieder Songs oder ganze Alben mit Gospel auf. In den 60er Jahren begann sie jedoch, auch Popalben aufzunehmen - was zeitweise zu schweren Verwerfungen mit ihrem Vater führte. Der, wie viele Prediger damals, weltliche Musik als "sündig" verdammte.

Ihre in der ersten Hälfte der 60er Jahre aufgenommenen Alben waren jedoch nicht besonders erfolgreich. Was vor allem an dem lieblos zusammengestellten Material lag. Mal sang sie einfache Popsongs, mal kitschige Jazzballaden - niemand wusste so recht etwas mit ihrem gewaltigen Organ anzufangen.

Das änderte sich schlagartig, als sie der Produzent Jerry Wexler für das für seine Rhythm-and-Blues-Aufnahmen bekannte Label Atlantic Records unter Vertrag nahm. Wexler wusste sofort, welcher Sound zu ihrer Stimme passte: Southern Soul. Eine etwas rauere Musik, die anders als die poppigen Soul-Hits von Motown aus Ecken und Kanten hatte.

1967: Der erste Top-Ten-Hit

Und so beförderte Wexler die in Detroit aufgewachsene Aretha in den tiefen Süden, in die Fame Studios in Muscle Shoals, Alabama. Dort nahm sie im Januar 1967 den Song "I Never Loved a Man (The Way I Love You)" auf - es wurde der erste Top-Ten-Hit ihrer Karriere.

Die weiteren Lieder entstanden in New York - allerdings mit Musikern aus dem Süden. Denn Aretha hatte ihren Sound gefunden. Die zweite Single "Respect" war dann schon die Nummer 1 in den USA, das zugehörige Album erreichte Platz 2. Ein Star war geboren. 

Was nun folgte, war eine der längsten kreativen Hochphasen der Musikgeschichte. Wie die Rolling Stones, die zwischen 1967 und 1972 einen ähnlichen Lauf hatten, gelang Aretha Franklin in dieser Zeit künstlerisch alles. "Lady Soul" und "Aretha Now" (beide 1968), "Soul '69", "Spirit in the Dark" (1970) und "Young, Gifted & Black" und "Amazing Grace" (beide 1972) - was die Sängerin in jenen Jahren auch anfasste, es geriet zum Triumph. Künstlerisch wie kommerziell. 

Ihre in der Zeit entstandenen Alben wurden Klassiker und gelten bis heute als Höhepunkt des Genres. Was ihre Musik so besonders macht: Aretha Franklins Kunst speist sich aus verschiedenen Traditionen. Zum einen aus einer sehr alten, religiösen Linie, die um das Heilige weiß und vom Jenseits kündet. Sie ist aber zugleich fest im irdischen Jammer verhaftet. Ihren Texten ist nichts weltliches fremd. Vieles von dem, wovon sie erzählt, hat Franklin selbst erlebt. Sie singt von Liebe und Hass. Von Untreue, Sucht und Gewalt. Von der Diskriminierung der Schwarzen in den USA. Und der Rolle der Frau in einer von Männern dominierten Welt. Ihr von Otis Redding übernommener Song "Respect" wurde zu einer der Hymnen der feministischen Bewegung.

Der Aufstieg war steil

Innerhalb von nur wenigen Jahren wurde aus der jungen Pfarrerstochter ein Superstar, die "Queen of Soul". Ein rasanter Aufstieg, den Franklin nicht ohne Hilfsmittel verarbeitete. Sie suchte Zuflucht im Alkohol. Ihre Karriere litt, und auch ihr Privatleben, mehrere Ehen scheiterten.

Ihre Mitwirkung in dem Kultfilm "Die Blues Brothers" verhalfen Franklin in den 80er Jahren zu neuer Popularität. Duette mit George Michael, Annie Lennox, James Brown und Elton John katapultierten sie in die Hitparaden. 

Politisch unterstützte Aretha Franklin die Demokraten, 1994 trat sie für Bill Clinton im Weißen Haus auf, und 2009 sang sie bei der Amtseinführung von Barack Obama. Mit Politik kam sie schon frühzeitig in Kontakt: Ihr Vater C. L. Franklin war ein bekannter Bürgerrechtler. 

"Beste Sängerin aller Zeiten"

In den späteren Lebensjahren wurde Franklin mit Ehrungen überhäuft. Sie wurde 1987 als erste Frau in die Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen, erhielt in ihrem Leben 20 Grammy-Awards und wurde 2008 vom "Rolling Stone" zur besten Sängerin aller Zeiten gewählt. Sie gehört bis heute zu den Frauen, mit den meisten verkauften Tonträgern weltweit.

Aretha Franklin lebte die letzten Jahre zurückgezogen, nachdem 2010 bei ihr Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wurde. Am 16. August starb sie in einem Hospiz in Detroit im Kreis ihrer Familie. 

Aretha Franklin