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Konzertkritik: Nick Cave in Hamburg: Wie der Tod seines Sohnes ihn verändert hat

Nick Cave, der ehemalige Fürst der Finsternis der Rockmusik, hat sich nach einem Schicksalsschlag in einen Mann verwandelt, der die Nähe seiner Fans sucht. Dies zeigte der Auftakt seiner Deutschland-Tournee in Hamburg.

Von Oliver Creutz

Nick Cave

Der Mann in Schwarz trägt heute Grau: Nick Cave 

Picture Alliance

Im Juni 1990 kurvte ich in einem weißen Kleinwagen durch die rheinische Tiefebene nach Bonn. Es war die Zeit, als große Musiker noch in der damaligen Bundeshauptstadt Station machten. Und so kam Nick Cave in die Biskuithalle. Der Ticketpreis dürfte bei um die 35 Mark gelegen haben; für einen Oberstufen-Schüler, der gerade seinen Führerschein gemacht hatte, recht viel Geld. Ich hatte einen Freund mitgenommen, ihm erzählt, wie magisch toll dieser Nick Cave auf der Bühne sein sollte, galt dieser doch als Fürst der Finsternis, Heroin-Poet, als jemand, der mit Gott und Teufel in den Ring steigt. Doch Cave hatte an diesem Abend keine Lust, überhaupt gar keine Lust. Grußlos betrat er die Bühne, grummelte sich durchs Programm, verkündete schließlich, er habe irgendwie die Grippe, und verließ die Bühne wieder, grußlos. Ich meine mich zu erinnern: nach 50 Minuten. Mein Freund meinte mal: Das waren höchstens 20 Minuten. Das Publikum war Nick Cave so was von egal.

Nick Cave in Hamburg: Der Fürst der Finsternis

Im Mai 2019 kurve ich in einem weißen Kleinwagen durch das Hafengebiet von Harburg, jenen Teil von Hamburg, der südlich der Elbe liegt und der von Nordelbern selten bis nie besucht wird. Nick Cave hat sich angekündigt. Seine Station heute: die Friedrich-Ebert-Halle, die sich als Aula des gleichnamigen Gymnasiums herausstellt, einem trutzigen Backsteinbau inmitten einer roughen Nachbarschaft. Titel der Veranstaltung: "Conversations with Nick Cave", ein Abend voller Gespräche und Musik. Die Bühne wird gerahmt von einem üppigen Wandteppich und einer Orgel, deren Pfeifen so groß sind, dass mancher Kirchenkantor neidisch werden könnte. Auf der Bühne: ein Schulflügel, um den herum sich wenige Tische und Stühle gruppieren. Da sucht ein Künstler offenbar die Nähe seines Publikums. Insgesamt finden etwa 1000 Menschen Platz in diesem Schulsaal. Die Ticketpreise von bis zu rund 100 Euro dürften für die allermeisten Oberstufenschüler, nicht nur in Harburg, unerreichbar hoch sein.

Zwischen den Reihen stehen Ordner in weißen Westen mit blinkenden Leuchtstäben, deren Funktion bald schon klar wird. Cave, mittlerweile 61 Jahre alt, was man ihm aus der Ferne überhaupt nicht ansieht, will sich mit dem Publikum unterhalten. Will Fragen beantworten, und zwischen den Antworten setzt er sich immer mal wieder an den Flügel und singt ein Lied. Wer eine Frage hat, zeigt auf, ein Ordner kommt herbei, der Leuchtstab blinkt, und Cave nimmt den Fragenden dran – wie ein Lehrer im Gemeinschaftskunde-Unterricht. So geht das mehr als drei Stunden lang, und kaum eine Minute davon ist langweilig, denn Cave versteht es, selbst banalsten Publikumsäußerungen einen kleinen Witz abzuringen. Eine Frau, die keine Frage hat, aber umarmt werden will, darf nach vorne kommen – und wird von Cave umarmt. "That was easy", sagt Cave danach. Ein Mann, der umständlich erzählt, dass die Katze eines Kumpels ein Autogramm, das er von Cave vor vielen Jahren erhalten hatte, aufgefressen habe, darf nach vorne kommen – und bekommt ein neues Autogramm. Eine Frau, die noch umständlicher berichtet, dass sie auch Musikerin sei und dass sie beim Musizieren irgendwie von Monster verfolgt werde, darf nach vorne kommen und Cave eine CD mit ihrer Musik überreichen.

Etwas Tiefgreifendes ist mit dem Mann passiert

Das sind aber nur die Schaumkronen eines Abends, der lange in Erinnerung bleiben wird, denn Nick Cave liefert sich tatsächlich seinem Publikum aus, das er früher so kühl auf Abstand gehalten hatte. Etwas Tiefgreifendes ist mit dem Mann passiert, und sehr früh schon wird es ausgesprochen: Vor etwa vier Jahren stürzte Caves 15-jähriger Sohn Arthur von einer Klippe in den Tod. Die Trauer, der Kummer, sein Leiden, so sagt der Sänger, hätten aus ihm einen neuen Menschen gemacht. Es gebe einen Nick Cave vor Arthurs Tod und einen nach Arthurs Tod.

Er erklärt es so: Neben Beileidsbekundungen hätten seine Frau und er sehr viele Briefe von Menschen bekommen, die von ihrem eigenen Verlust berichteten, von ihrer Trauer. Diese Fan-Post, sagt Cave, habe ihm das Leben gerettet. Er wusste da: Ich bin nicht allein. Er habe sich als Teil eines "flood of suffering" gefühlt, einer Flut des Leidens, die früher oder später jeden von uns überspülen werde.

Verändert hat Cave sich auch optisch: Im hellen Sommeranzug ("für die Presse im Saal: Er ist grau", sagt er einmal), mit reichlich aufgeknöpftem Hemd könnte er auch als Late-Night-Moderator durchgehen, und seine Haare sind immer noch überraschend voll und ungrau. Ob es einen Dresscode für ihn und seine Band, die Bad Seeds, mit der er sonst auf Tournee ist, gebe, will ein Zuschauer wissen. Keinen, sagt Cave, nur bitte keine Shorts auf der Bühne. Man lernt auch: Ein Mann im Anzug und Lederschuhen sieht immer besser aus als ein Firmenlenker in Wollpulli und Turnschuhen.

Welche rasanten Wendungen solch ein Abend nehmen kann, zeigt sich gegen Ende der Veranstaltung. Eben noch erzählte Cave von seinen Amphetamin-Jahren ("Man schreibt viel und schnell, aber das Ergebnis taugt eher wenig"), dann meldet sich ein Mann zu Wort, der sagt: "Ich habe keine Frage an dich, Nick, sondern an meine Freundin, die Mutter meiner drei Kinder: Willst du mich heiraten?" Sie sagt ja, sie küssen sich, Cave spendet seinen Segen; eigentlich müsste dieser Akt schon als Trauung durchgehen. Kurz darauf erhebt sich eine blonde Dame zur Frage. Cave: "Kennen wir uns?" – Frau: "Ja." – "Bist du etwa meine Zahnärztin?" – "Ja." – "Aber wir reden jetzt nicht über meine Zähne, oder?" – "Du hast aber sehr schöne Zähne, Nick, wenn auch etwas kleine."

Es geht dann noch um Kleinigkeiten wie Gott ("Ich bin kein Atheist"), den Tod ("Ich fürchte mich nicht vor meinem Tod, aber vor dem Verlust geliebter Menschen"), die Liebe ("Ich bin ein Songwriter der Liebe"). Dazwischen Hits auf dem Klavier: "Into my arms", "The Mercy Seat", "Jubilee Street", "The Weeping Song”, als Zugabe "Papa won’t leave you, Henry” und zum Finale ein Lied von T. Rex – "Cosmic Dancer”. Danach tänzelt Cave in den Kosmos hinaus, in die Nacht von Harburg.

Weitere Deutschland-Termine: 15.05. Berlin, Admiralspalast 16.05. Düsseldorf, Tonhalle

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