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Pet Shop Boys im Interview: "Da werden wir intolerant!"

In der aktuellen Ausgabe von NEON sprechen die Pet Shop Boys über ihre Sehnsucht nach der Rückkehr echter Subkulturen.

Kalt hier. Obwohl Sommer ist. Frieren Sie nicht?

Tennant: Kalt?
Lowe: Ich glaube, er meint: cool.

Nein, meine ich nicht.

Lowe: Kalt und cool sind zwei Worte, die sich nicht nur vom Klang her ähneln. Weil alle cool sein wollen, leben wir in einer völlig idiotischen Zeit: Jeder möchte sein Erscheinungsbild einer Vorstellung von Coolness anpassen, die langweilig ist.

Sie meinen: Jeder möchte hip sein, auf dem Laufenden, wissen, was geschieht?

Tennant: Nein. Jeder möchte gelangweilt wirken, uniforme Kleidung tragen und tolerant sein. Popmusik ist Fahrstuhlmusik geworden. Unser Leben ist seicht. Sämtliche Musiker haben sich arrangiert, abgefunden mit der Maschinerie, die sie vermarktet.
Lowe: Wir hören uns an wie sehr alte Männer.
Tennant: Ja, aber unsere Kultur erfriert doch an den Dingen! Und es ist ein langsamer, ein müder Tod. Womit wir wieder bei der Toleranz wären. In einer Demokratie ist Toleranz von hohem politischen Wert. Aber kulturell? Nehmen Sie etwa die Sängerin Dido. Sie macht nette Alben. Die verkaufen sich auf der ganzen Welt wie Brot.

Und was stört Sie daran?

Lowe: Wir möchten die Tage des Punk zurück. Früher konnten Sie auf der Straße, auf den Märkten junge kreative Menschen sehen. Diese Menschen wollten die Welt verändern, von den 60ern bis hin zu den sogenannten New Romantics, einer Bewegung der 80er Jahre. Und heute? Heute hängen die Leute bei Marks&Spencer herum und bei GAP.

Sie verteufeln mit Ihrer Musik auch nicht gerade die Freuden von Karrierismus und Konsumgesellschaft.

Tennant: Das war irgendwann einmal eine Reaktion auf die Lethargie der Hippies. Dass man gesagt hat: Einkaufen gehen macht genauso viel Spaß wie Kaufhäuser anzünden. Es war eine Provokation. Wir waren allerdings eher die, die einkaufen gegangen sind. Lowe: Ich sehe heute keine neue Subkultur. Als ich aufwuchs, gab es Skinheads, Punks, Mods und Casuals. Heute gibt es nichts, was anregend wäre.

Woran liegt's?

Lowe: Früher waren die Leute sehr glücklich mit ihren Obsessionen. Sie haben sich unglaublich viele Gedanken darüber gemacht, was für Musik sie hören und warum. Heute können Sie Dido gut finden und die Red Hot Chili Peppers und Hardcore-Hip-Hop. Das ist völlig egal. Die Abgrenzung ist weg. Aber mit ihr ist auch das Talent verschwunden. Da war mal ein Aufruhr, war mal eine schöne Wut. Die Wut der Sex Pistols, zum Beispiel.
Tennant: An die Stelle dieser Wut trat die totale Toleranz.
Lowe: Und dass jetzt gerade, in diesem selben Moment, ganze Stadtkerne zerstört und durch gigantische Starbucks-Filialen ersetzt werden, das tolerieren wir selbstverständlich auch gleich noch mit.

Möchten Sie unbedingt in einer intoleranteren Welt leben, nur weil das interessanter erscheint?

Lowe: Vorsicht. Unsere Intoleranz bezieht sich auf langweilige, überflüssige, schreckliche Songs. Sie ist nicht politisch. Eine Intoleranz, die Kindern ein besseres Leben nach dem Tod verspricht, wenn sie sich in die Luft bomben, tolerieren wir nicht.
Tennant: Es gibt bei uns einfach keine Ideologien mehr. Nik Kershaw machte eine Religion aus der Art, wie er Hüte trug. Die Stones sind für ihre Überzeugungen ins Gefängnis gegangen. Als das "White Album" der Beatles auf den Markt gebracht wurde, kam es zu Ausschreitungen. Das ist Wärme. Eine Subkultur kann Menschen unterschiedlichster Art zusammenführen, das ist richtig. Wenn aber jeder jeden auf oberflächlichste Art toleriert, verschwindet zuerst die Subkultur. Aufgrund der so entstehenden Gleichgültigkeit verschwindet auch die Solidarität. Dann wird es kalt.

Das vollständige Interview ist in der aktuellen Ausgabe von NEON nachzulesen, dem jungen Magazin vom stern