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Pet Shop Boys im stern.de-Interview: "Vielleicht hätten wir uns auflösen sollen"

"Yes" ist der schlichte Titel des neuen Albums der Pet Shop Boys, das diese Woche erscheint. Im stern.de-Interview sprechen Neil Tennant und Chris Lowe über Punkrock, den neuen US-Präsidenten und warum es besser gewesen wäre, getrennte Wege zu gehen. Zumindest kurzzeitig.

Von Ingo Scheel

Sie haben oft die fehlende Subversivität im Pop beklagt, speziell den anarchischen Gestus des Punkrock. Heute vor 30 Jahren starb Sid Vicious, die "Süddeutsche Zeitung" benennt jenes Datum als den Tag, an dem Punk starb. Wahr oder unwahr?
Tennant: Punkrock starb vor Sid Vicious. Möglicherweise bereits, als das erste Album der Sex Pistols erschien, wenn man es denn so puristisch sehen will. Gleichzeitig jedoch hat Punk bis heute überlebt. Nicht so sehr im Musikbusiness, aber in der Kunst im allgemeinen.

Gibt es Musiker, die für Sie immer noch "Punk" sind?
Tennant: Lily Allen zum Beispiel. Ein Journalist erzählte mir, sie erschien zu ihrem Interviewtermin mehrere Stunden zu spät, ließ die Schreiberlinge links liegen, setzte sich an den Computer, googelte sich selbst und fluchte unentwegt: "Fuck! I can't fucking believe it!" (Das kann verdammt noch mal nicht wahr sein)

Wieviel Punkrock steckt in den Pet Shop Boys?
Tennant: Wir sind insofern Punkrock, als dass wir immer das getan haben, was wir wollten. Songs wie "I'm with stupid" oder Zeilen wie "You've got the brain, I've got the looks" sind der reine Punk. Punk hatte immer auch Humor. Das wird heute kaum noch wahrgenommen. Unsere schlichten Albumtitel zum Beispiel - das ist die Attitüde des Punk.

"I'm with stupid" handelte vom Verhältnis Bush/Blair. Beide sind mittlerweile Geschichte. Wieviel "Change" fühlen Sie in diesen Tagen?


Tennant:

Wie wahrscheinlich jeder andere verspüre auch ich den Hauch der Geschichte. Was mich daran aber wirklich begeistert, ist die Tatsache: Dieser US-Präsident hat pure style quality. Vielleicht sollte er ein Album aufnehmen. (lacht)

Fast 30 Jahre ist es her, dass Sie sich kennengelernt haben. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?


Lowe:

(zitiert "Don't you want me", einen Song von Human League) I was working as a waitress in a cocktail bar. That much is true! (lacht)

Tennant:

Ich arbeitete für eine TV-Gesellschaft und war viel in der King's Road unterwegs. Überall Märkte, Künstler, Modefreaks. Ein völlig anderer Platz als heute. Ich wohne immer noch um die Ecke.

Lowe:

Designer, Plattenläden, merkwürdige Boutiquen. Du konntest einfach perfekt abhängen und dir die Leute anschauen. Ein ganz eigener Vibe lag über dem Viertel.

Tennant:

Die King's Road war eines der Epizentren des Punk. Malcolm McLaren (Sex-Pistols-Manager, Anm. der Red.) hatte dort seine Boutique "Sex", die Geburtstätte der Sex Pistols, Vivienne Westwood hat diesen Laden dort heute noch.

Sie haben damals sehr schnell begonnen, Musik zu machen. War die Formation des Duos von vornherein so geplant?
Tennant: Nicht wirklich, das ergab sich einfach so. Gott sei Dank. Als Trio zum Beispiel würde es die Pet Shop Boys heute ganz sicher nicht mehr geben.

Stattdessen gibt es die Band bis heute. Bei den Brit Awards gab es jetzt den "Outstanding Musical Contribution"-Award für die Pet Shop Boys. Fühlt man sich da ein wenig in die Jahre gekommen?


Lowe:

So richtig Punk ist das nicht, oder? (lacht)

Tennant:

Wir könnten den Preis akzeptieren und einfach nicht hingehen. Das wäre Punk. Nein, im Ernst: Du veränderst dich einfach über die Jahre, selbst die Pistols würden heute bei so etwas nicht wegbleiben. Guck' Dir Johnny Rotten an. Der war im Dschungelcamp und macht jetzt TV-Werbung für Butter.

Mit "Yes" erscheint das zehnte reguläre Album - wie sehr ist das nach 30 Jahren zur Routine geworden?
Tennant: Es sind die Routinen, die dich erst dazu befähigen, etwas Neues zu versuchen. Natürlich greifen wir auf Routine und Erfahrung zurück, aber das darf man nicht übertreiben. Das hier ist kein Nine-to-Five-Job.
Lowe: Der beste Zeitpunkt, um Songs zu schreiben, ist nach dem Dinner.
Tennant: Oder wenn man betrunken ist .
Lowe:Genau das meine ich. Gutes Essen, und danach betrinken. Dann hat man die besten Ideen.

Haben Sie jemals an Ihrer Kunst gezweifelt? Waren Sie unsicher vor der Veröffentlichung eines neuen Albums?


Tennant:

Na klar hoffe ich, dass die Leute es gut finden. Aber ich werde nicht durchdrehen, falls das nicht der Fall ist. Ich finde, es ist eine sehr gute Platte. Das zählt erst einmal für mich. Und ob sie es nun im Radio spielen oder nicht, hat eh nichts mit Qualität oder Kunst zu tun. Sie spielen uns, weil sie es immer tun. Sie spielen aber auch die x-te mittelmäßige Single irgendeiner Scheißband. Das hat absolut nichts zu sagen. Darüberhinaus denke ich, die Leute unterschätzen uns mittlerweile. Es gab auch Zeiten, da wurden wir überschätzt. Jetzt fühle ich mich oft ein wenig unterschätzt. Hey, das ist eine wirklich gute Platte, sagen die Journalisten, und das war es. Da vermisse ich die Euphorie.

Die Leute sind schlichtweg nicht mehr überrascht, dass PSB-Platten grundsätzlich überdurchschnittlich guter Pop sind. Daran hat man sich einfach gewöhnt. Daher kommt die etwas moderate Wahrnehmung.


Tennant:

Ganz genau das ist es. Dazu kommt: Wir haben uns nie aufgelöst. Vielleicht hätten wir uns trennen und wiedervereinigen sollen. Dann drehen die Leute viel mehr durch als bei einer Band, die kontinuierlich arbeitet.