HOME

Tocotronic: "Aber hier leben, nein danke"

Auf ihrem neuen Album haben Tocotronic den rauen Punk und die sloganhaften Texte früherer Tage hinter sich gelassen. stern.de sprach mit der Band über Nationalismus in der Popmusik und künstlerische Herausforderungen.

Jan Müller, Dirk von Lowtzow, Rick McPhail, Arne Zank

Jan Müller, Dirk von Lowtzow, Rick McPhail, Arne Zank

Gleich mit ihrem Debüt-Album "Digital ist besser" sorgte die Hamburger Band Tocotronic 1995 für einiges Aufsehen in der deutschen Musiklandschaft: Zu rauem Punkrock sang Dirk von Lowtzow seine um eingängige Slogans gebauten Texte, die zahlreichen Jugendlichen aus der Seele zu sprechen schienen. Songtitel wie "Ich möchte Teil einer Jugendbewegung sein" oder "Die Idee ist gut, aber die Welt noch nicht bereit" dienten als ideale Identifikationsfolie für Andersdenkende.

Auf späteren Alben begann die Band einen musikalischen und textlichen Verfeinerungsprozess, der auf dem aufwändig produzierten Album "Tocotronic" 2002 einen vorläufigen Endpunkt fand. Durch die Hinzunahme von Gitarrist Rick McPhail zum Quartett erweitert, schlägt das neue Album "Pure Vernunft darf niemals siegen" wieder stärker in eine rockigere Richtung aus, während die Texte in märchenhaften Gefilden schweben. Mit den drei Gründungsmitgliedern Jan Müller (Bass), Arne Zank (Schlagzeug) und Dirk von Lowtzow (Gitarre, Gesang) sprachen Claudia Fudeus und Carsten Heidböhmer.

Seit dem letzten Album vor drei Jahren hat man von Tocotronic nichts mehr gehört - was haben Sie in der Zwischenzeit gemacht?

Dirk von Lowtzow: Wir haben eine Tour gemacht zur letzten Platte und dann eigentlich schon ziemlich bald angefangen, wieder Stücke zu schreiben für die neue Platte.
Arne Zank: Und zwischendrin haben wir noch unsere DVD/CD veröffentlicht. Das war viel Vergangenheitsbewältigung, auch recht aufwändig.
Jan Müller: Zwischendrin hatten wir noch ein Gastspiel in Sibirien, organisiert vom Goethe-Institut. Da hatten wir schon ganz viele Stücke fertig, so dass wir da auch schon einige der neuen Stücke spielen konnten.

Den Wahnsinnsoutput der Anfangsjahre, als es jedes Jahr eine Platte gab, haben Sie nicht mehr. Liegt das auch daran, dass die Ansprüche gestiegen sind?

AZ: Der Anspruch ist nicht unbedingt gestiegen - aber es ist der Anspruch da, sich nicht zu wiederholen. Und das macht es schwierig, ständig neue Platten herauszubringen, wenn man Ideen entwickeln möchte.

Hat es die Band verändert, dass mit Rick McPhail nun ein viertes offizielles Bandmitglied an Bord ist?

DL: Er hat ja auch schon vorher mit uns zusammen gearbeitet und da dachten wir, warum nicht gleich richtig? Das macht es interessanter. Wir drei kennen uns ja nun schon wie unsere Westentaschen. Es ist spannend, sich untereinander dann auch dadurch wieder anders kennen zu lernen. Darüber hinaus verändert es natürlich auch den ganzen Prozess des Musikmachens.

Wie denn?

AZ: Wir müssen mehr spielen.
DL: Genau. Früher haben wir ja gerne ganze Probetage nur Kaffee trinkend und redend verbracht. Das spielt ja bei uns eine größere Rolle als die Arbeit am Instrument. Rick spielt aber nun leider sehr gerne...
JM: ...das hatten wir halt nicht bedacht.
AZ: Wo er jetzt gerade nicht dabei ist, können wir das ja mal sagen...
DL: Wir möchten auf die Dauer keine Band sein, die sagt "Wir sind drei" und dann haben wir immer noch Live-Musiker dabei.

Beim Betrachten des Gesamtwerks fällt auf, dass es von der ersten Platte bis hin zur letzten eine Entwicklung von umgangssprachlich-lebensnahen Texten und einfacherer Musik hin zu textlicher Abstraktion und auch musikalisch größerer Komplexität gibt. Wo steht in dieser Linie die neueste Platte?

AZ: Für einen selbst wirkt es mehr wie verschlungene Pfade, die man gegangen ist, und nicht wie eine stringente Entwicklung. Man hat das Gefühl, dass es ganz viel Verweise untereinander gibt. Es kommt mir nicht so vor, als wäre es immer komplizierter geworden.
DL: Es ist schwer, die eigene Platte da jetzt so einzuordnen. Jede Platte für sich ist sehr unterschiedlich gewesen.

Aber man kann schon sagen, dass die neue Platte wieder rockiger geworden ist, gerade im Vergleich zum Vorgängeralbum.

DL: Beim letzten Album hatten wir uns sehr für elektronische Musik interessiert, für experimentelle, flächenartige Musik. Da war auch die Idee dahinter, von diesem dynamischen Drei-Leute-Spiel wegzugehen. Bei der Live-Reproduktion des letzten Albums kam die Lust auf eine Rockplatte.

Auf dem neuen Album findet sich ein ganz interessanter Gegensatz zwischen der rockigeren Musik und den Texten, die sehr lyrisch und bildhaft sind. Das Ganze erinnert an romantische Dichtung und Naturpoesie. Warum diese Texte?

AZ: Das haben wir heute schon mal gehört, da muss irgendwas dran sein.
DL: Der Gegensatz zwischen der rockigen Musik und den Texten, das war tatsächlich so gewollt. Das hat sich über die Zeit so rauskristallisiert. Wenn wir zu dieser Art von Texten auch noch ganz opulent geschichtete Musik mit Pauken und Trompeten und jede Menge Streichern gemacht hätten, wäre es ein bisschen zu viel geworden. Deshalb fanden wir es eine gute Idee, die Musik zu reduzieren. Vielleicht lässt das die Texte je besonders bildhaft wirken.

Und die Texte? Ist das neuer Romantizismus angesichts der kalten und harten Zeiten?

DL: Ich würde nicht sagen, dass es darum geht, irgendeine Romantik zu erschaffen, denn das wäre mir zu mystisch. Ich glaube es geht darum, die Texte noch stärker zu radikalisieren, Dinge noch weiter bis zu einer gewissen Grenze zu treiben, wo es dann vielleicht auch etwas peinlich wird. Ich finde, dass die Zeiten sehr prosaisch sind, extrem konsensgeprägt und vernunftorientiert. Deshalb wollen wir dem eine trotzige Art von Poetik entgegensetzen. Ich würde das durchaus ketzerisch sehen.

Gab es für die Texte spezielle Einflüsse? Gerade "Aber hier leben, nein danke" mit seinen ganzen "ich mag"-Aufzählungen erinnert an Rolf Zuckowski.

DL: Jaja, klar - wo wir gerade bei romantischer Dichtung sind... Nein, das war schon bewusst benutzt.

Aber noch einmal zu dem Romantik-Aspekt: Das war ja damals eine Gegenbewegung zur aufgeklärten Gesellschaft und dem Fortschrittswahn. Nun heißt das Album "Pure Vernunft darf niemals siegen" und begibt sich textlich auf so eine Ebene. Dazu dann noch das Cover mit den Bandmitgliedern vor der Waldkulisse...

DL: Ich bin nicht so zufrieden mit der Zuschreibung "Romantik" - das ist so eine deutsche Tradition. Wenn, dann würde ich schon eher sagen, müsste es eher Symbolismus oder Dekadenzliteratur sein. Das Wort ist mir auch zu besetzt, wenn man an "Romantic Sound Samplers" denkt. Es hat eine sehr dunkle Seite, geht ins Abgründige und Selbstzerstörerische, worum es uns auch geht.

Was setzen Sie der Konsensgesellschaft denn entgegen? Haben Sie da eine Alternative? Wenn pure Vernunft nicht siegen darf, was dann?

JM: Das ist ja genau der Punkt. Das ist schon wieder eine pragmatische Herangehensweise.
DL: Es geht eben nicht darum, immer Alternativen aufzuzeigen.
AZ: Man setzt eben genau das Album dagegen. Da ist kein Kern, den man finden kann, und eine Lösung ist nicht vorhanden. Das versuchen wir auch nicht zu umschreiben, weil es die nicht geben kann. Man kann eben nur diese Musik dagegen setzen.

Textlich hat sich im Vergleich zu den früheren Platten viel verändert. Steht die Band komplett hinter dieser Veränderung? Wird das in der Gruppe diskutiert?

JM: Das ist ja das spannende an einer Band, dass man einen Konsens finden muss, dass sich jeder darin wiederfindet. Das war immer ein Schwerpunkt bei uns, dass wir sehr viel miteinander sprechen, bevor so eine Platte entsteht. Das ist auch ein Punkt, der sehr viel Zeit einnimmt. Dass man sich erst einmal vergegenwärtigt: Wo sind wir eigentlich gerade?
AZ: Deswegen check ich auch nicht, was Dirk mit den Texten sagen will, genauso wie er selbst wahrscheinlich. Aber natürlich versucht man sich soweit abzudaten, dass jeder von uns dahintersteht.

In letzter Zeit gab es viele Wirbel um die deutschsprachigen Bands, die sich zum Teil auch in nationalistischem Kontext bewegen, wie Mia oder Virginia Jetzt. Blumfeld haben sich dazu auf ihrer Homepage kritisch geäußert. Wie steht Tocotronic zu dieser Diskussion?

DL: Wir haben uns dazu bereits geäußert. Aber was soll man auch über andere Bands urteilen? Uns ist das ziemlich Wurst. Der Ansatz von vielen jüngeren Bands ist ein ganz anderer als bei uns, die kommen aus einer anderen Generation. Als wir uns entschlossen haben, deutsch zu singen, stand über dem ganzen schon drüber: Das darf nie nationalistisch zu sein.

In den Medien werden viele dieser Bands in eine Tradition gestellt, die Tocotronic und Blumfeld mitbegründet haben.

DL: Klar, aber eine Band wie Blumfeld hätte nie gesungen "Wir betreten deutsches Land" oder wären in schwarz-rot-goldenen Kostümen aufgetreten. Deswegen kann ich diese Tradition nicht sehen. Dieser Nationalisierung im deutschen Pop stehen wir total skeptisch und ablehnend gegenüber, deswegen haben wir ja auch ein Stück als Single ausgekoppelt: "Aber hier leben, nein danke", weil wir das Gefühl hatten, es ist an der Zeit, dass das Mal wieder gesagt wird, wo ein ganz großer Anteil deutschsprachiger Popmusik in eine heimatduselige Richtung geht, wo der Frieden mit dem eigenen Land gemacht wird.

Bei den Texten gibt es trotz allem Künstlerischen immer wieder griffige Statements, wie beispielsweise "Aber hier leben, nein danke".

DL: Griffig finde ich das ja allemal...

...Man braucht aber eine Weile, um sich einzufinden.

DL: Das ist aber auch ein Problem des Umfeldes, wie Musik derzeit funktioniert: Fast alles ist auf griffige Slogans hin gemünzt. Aber ich glaube nicht, dass die Texte weit entfernt sind von dem, was Bands wie The Doors in den 60er Jahren gemacht haben. Das sind ja keine Fremdwörter oder algebraischen Gleichungen. Es geht um Wahnsinn, Selbstverschwendung, Verrücktheit, Liebe, Glück. Das sind ja alles keine Rock-fremden Topoi. Nur weil heutzutage alle meinen, man muss über das unmittelbare Umfeld singen, wirkt es wohl sehr fremd. Aber deswegen ist es für uns wichtig.

Wolltet Sie sich mit den Texten nicht auch vor einem Teil der eigenen Fans retten, die immer Slogans gefordert haben?

DL: Das ist eine schlimme Unterstellung. Man muss sich einfach weiterentwickeln, musikalisch wie auch textlich. Irgendwann ist eine bestimmte Sprache ausgereizt. Aber ich würde nie denken, dass wir Dinge gemacht haben, um uns bewusst von Fans abzugrenzen. Im Gegenteil: Man versucht ja immer Einladungen auszusprechen. Aber wir wollten uns nicht wiederholen. Wir wollen nicht das machen, was die Leute hören wollen, das wäre die Selbstaufgabe jeglicher künstlerischen Autonomie.

Das klingt jetzt sehr durchdacht. In den Texten ist aber auch viel Wahnsinn und Selbstzerstörung. Sind Sie mehr am Rande des Wahnsinns oder Vernunfttypen?

AZ: Das kommt auch die Tageszeit an...
JM: Das ist die Ambivalenz, die in jedem von uns steckt. Sonst würden wir doch nicht in einer Rockband spielen.

Bei früheren Alben hatten viele Hörer das Gefühl, dass da aus dem eigenen Leben gesungen wird. Das ist beim neuen Album so erstmal nicht der Fall.

DL: Es gibt sowieso eine Kohärenz von der ersten Platte bis heute. Wenn man aber merkt, man bedient sich aus der Schublade, damit werden sich die Leute schon identifizieren können, dann ist es künstlerischer Selbstmord.
JM: Vielleicht würden das Leute gut finden, aber es würde nicht wirklich was bedeuten.
DL: Man hat es ja bereits gesagt, und die Platten werden ja nicht bei jedem erscheinen einer neuen Platte aus dem Verkehr gezogen. Das gibt es ja nach wie vor, das sind Dokumente einer bestimmten Zeit.