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Darsteller von Kulisse erschlagen Neuer Skandal erschüttert Bolschoi-Theater: Ballett-Legende packt Insider-Informationen aus

Nikolai Tsiskaridze leitet heute eine der führenden Ballettakademien der Welt
Nikolai Tsiskaridze leitet heute eine der führenden Ballettakademien der Welt, unterrichtet aber auch weiter am Bolschoi-Theater 
© Vyacheslav Prokofyev / Picture Alliance
Ein Künstler stirbt mitten auf der Bühne des legendären Bolschoi-Theaters. Wer trägt die Verantwortung? Ballett-Star Nikolai Tsiskaridze erhebt schwere Vorwürfe gegen das Management. 

Die 246. Saison des Bolschoi-Theaters hat erst vor wenigen Wochen begonnen, doch schon erschüttert eine Tragödie Russlands größtes Theaterhaus. Bei einer Aufführung der Oper "Sadko" kam ein Darsteller ums Leben, als er bei einem Kulissenwechsel unter eine tonnenschwere Dekoration geriet. Videoaufnahmen zeigen, wie die Konstruktion im rasanten Tempo heruntergelassen wird. Ihr konnte Ewgenij Kulesch offenbar nicht mehr ausweichen. 19 Jahre lang trat er auf der Bühne auf, die für ihn den Tod bedeutete. Der 37-Jährige verstarb noch vor Eintreffen des Notarztes.

Während die Leitung des Bolschoi-Theaters versucht, über den Vorfall ein Tuch des Schweigens auszubreiten, wird die Frage nach der Verantwortung dennoch immer lauter. Einer, der keinen Blatt vor den Mund nimmt, ist die Ballett-Legende Nikolai Tsiskaridze. Der ehemalige Solist des Bolschoi-Theaters erhebt schwere Vorwürfe gegen das Management des Traditionshauses, das auf jegliche Sicherheitsvorkehrungen pfeifen würde. "Das Chaos, das im Theater herrscht, ist der Tatsache geschuldet, dass die Leitungspositionen von absolut inkompetenten Leuten besetzt werden", erklärte der Direktor der Waganowa-Ballettakademie in Sankt Petersburg, einer der berühmtesten und einflussreichsten Ballettschulen der Welt, in einem Interview mit dem Journalisten und Blogger Andrej Karaulow.  

Hinter den Kulissen herrsche Vetternwirtschaft, so sein Vorwurf. Tatsächlich wird der Posten der Planungsleiterin, die unter anderem auch für die Abläufe von Proben und Aufführungen verantwortlich ist, von der Ehefrau des Generaldirektors Wladimir Urin besetzt. "Diese Leute verstehen nichts von Theater. Das Bolschoi ist längst nicht mehr ein Tempel der Künstler, sondern ein Tempel der Manager", erläuterte Tsiskaridze seinen Standpunkt in einem weiteren Interview. "Niemand schert sich um die Darsteller oder unter welchen Bedingungen sie arbeiten müssen." 

Dekoration stürzte bereits bei den Proben fast auf die Bühne 

Tsiskaridze kritisiert bereits seit Jahren die Leitung des Bolschoi-Theaters. 2011 wurde er als Solist entlassen, nachdem er dem Management Inkompetenz vorwarf und es wagte, die Rekonstruktion der historischen Bühne zu kritisieren. Als Lehrer durfte er allerdings weiter arbeiten. Schon damals beklagte er desaströse Zustände und Bedingen für die Künstler. Daran hat sich offenbar nichts geändert. Nach dem tragischen Tod von Kulesch hätten ihm Kollegen berichtet, dass es bereits bei den Proben zu "Sadko" zu Problemen mit der Dekoration gekommen sei.

Nikolai Tsiskaridze während seiner aktiven Karriere im Bolschoi Theater
Nikolai Tsiskaridze tanzt während seiner aktiven Karriere im Bolschoi Theater im Grand Pas de Deux des Balletts "Paquita" im Jahr 2010 
© Astapkovich Vladimir / Picture Alliance

Er veröffentlichte mehrere Chat-Verläufe mit Bolschoi-Mitarbeitern, die bei dem Vorfall anwesend waren. "Vor der Premiere habe ich persönlich miterlebt, wie sich dieselbe Dekoration in der Beleuchtung verfing und fast auf Menschen herabfiel", heißt es in der Schilderung eines Augenzeugen. Videoaufnahmen belegen den Vorfall bei der Probe. Obwohl die Aufführung sehr aufwendig und kompliziert ist, habe es generell nur zwei Proben in dieser Saison gegeben. 

Bolschoi-Theater wollte zweite Aufführung nicht absagen 

Was ihn aber besonders empöre, sei der Umgang des Theaters mit dem Tod von Kulesch, betont Tsiskaridze. "Das widerwärtigste für mich ist, dass am nächsten Tag das Blut immer noch auf der Bühne war. Niemand ist auf den Gedanken gekommen, die Spuren, die zu offensichtlich waren, zu beseitigen", erzählte er. Unter diesen Umständen sollten die Darsteller am Tag nach der Tragödie zu der zweiten Aufführung derselben Oper antreten. Das Entsetzten sei so groß gewesen, dass die Künstler sich mit einer Petition an die Direktion wenden mussten. Erst dann sei die Vorstellung abgesagt worden. "Es haben alle unterschrieben. Und angesichts des Drucks und Einschüchterung, die derzeit herrschen, müssen es schon außerordentliche Umstände gewesen sein, die sie dazu gebracht haben." 

"Ich habe keine Zweifel daran, dass die Angelegenheit vertuscht wird" 

Mindestens genauso empörend sei die offizielle Begründung des Theaters für die Absage beziehungsweise Abbruch der Opernvorführungen. "Aus technischen Gründen", hieß es lediglich im offiziellen Statement. Zudem würden nun bereits Gerüchte gestreut, der Verstorbene sei betrunken gewesen. Er habe gleich gewusst, dass es so kommen würde, so Tsiskaridze. "Ich kannte diesen Mann, er war der Ehemann einer meiner Kolleginnen. Alle Künstler sagen einstimmig, dass ihn keine Schuld trifft. Aber nun wird man erzählen, er hätte nach links gehen sollen, er hätte nach rechts gehen sollen. Man wird beginnen, solche Fabeln zu erfinden! Ich habe keinen Zweifel daran, dass entweder der verstorbene Künstler oder irgendein Bühnenarbeiter am Ende verantwortlich gemacht und die Angelegenheit vertuscht wird", erklärte der Ballett-Tänzer, der den Ehrentitel "Volkskünstler Russlands" trägt. 

Die Krone setzte dem Ganzen auch noch der Umstand auf, dass die Belegschaft für die Bestattung Geld sammeln musste, obwohl das Theater angekündigt hatte, dafür aufzukommen.  

Am 13. Oktober wurde Kulesch beigesetzt – hinter verschlossenen Türen. Das Bolschoi-Theater erlaubte weder Medienvertretern noch Fans die Teilnahme an der Zeremonie. "Ich denke, die Logik ist die: Je früher der Vorfall in der Öffentlichkeit vergessen wird, desto besser", kommentierte der Vorsitzende der unabhängigen Gewerkschaft der Theater- und Filmschauspieler den Vorgang. Vom russischen Kulturministerium, dem das Theaters untersteht, fehlt bislang jegliche Stellungnahme zu dem tragischen Tod. 


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