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Netflix Serien-Überraschung "Das Damengambit": Ein Schachgenie am Rand zum Wahnsinn


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Die Netflix-Produktion "Das Damengambit" ist eine der Serien-Überraschungen des Jahres: Beth Harmon gilt als eines der größten Schachgenies ihrer Zeit. Leider liebt sie Alkohol und Medikamente ebenso sehr wie das Spiel.

Dass Schach und Wahnsinn nah beieinander liegen, mitunter sogar zwei verwandte Moleküle sind, ist nicht neu. Spätestens seit Stefan Zweigs berühmter "Schachnovelle" wohnt dem Genie in diesem Sport immer auch eine gewisse Veranlagung zur Tragik inne. Ganz so schlimm wie Zweigs Erzähler, das darf schon mal verraten werden, ergeht es Beth Harmon (Anya Taylor-Joy) nicht. Doch auch die Heldin der Netflix-Miniserie "Das Damengambit" erkauft sich die Erfolge am Brett zu einem hohen Preis.

Über sieben Folgen von jeweils 45-60 Minuten hinweg erzählen die Autoren Scott Frank und Allan Scott die Geschichte des Schach-Wunderkindes. Die Serie wird von vielen Kritikern in den höchsten Tönen gelobt, die Zuschauer sind begeistert davon, wie Harmon das ständige Auf und Ab im Leben als Schachgenie in den Sechzigern des 20. Jahrhunderts erlebt. Schachmatt, würde man in diesem Fall wohl sagen: "Das Damengambit" ist eine der angenehmsten Serien-Überraschungen des Jahres.

"Das Damengambit" auf Netflix: Aufstieg und Fall eines Schachgenies

Elizabeth Harmon, genannt Beth, verliert als Kind ihre Eltern und wächst in einem Waisenhaus auf. Die Kinder werden dort am Tag christlich-konservativ erzogen und am Abend mit Beruhigungsmitteln ruhiggestellt. Spaß hat die Neunjährige vor allem, wenn sie im Keller des Hauses heimlich mit Mr. Shaibel, dem Hausmeister, Schach spielen kann. Und an den Pillen, die für sie immer wichtiger werden. In atemraubendem Tempo überholt Beth ihren Lehrmeister, wenn die Partien im Keller vorbei sind, spielt sie in ihrem Kopf weiter. Die Gegner in ihrer Umgebung sind für sie nur Kanonenfutter.

Beth wird adoptiert und verlässt das Waisenhaus und Mr. Shaibel. Ihre Schachkarriere stagniert, bis sie sich endlich zu einem Turnier davonstiehlt – sie wird belächelt und räumt trotzdem Sieg, Preisgeld und Bekanntheit ab. Von da an geht es nur noch nach oben. Gemeinsam mit ihrer Mutter reist sie durch die Vereinigten Staaten, die Teenagerin macht sich in der Männerdomäne einen Namen. Die Könige der Gegner fallen, und Beth verfällt immer mehr dem Alkohol. Und den Pillen, von denen sie seit ihren Kindheitstagen nicht losgekommen ist. Denn Beth ist eine sehr gute Schachspielerin, keine Frage, genial spielt sie jedoch erst unter Drogeneinfluss.

Und so vermischen sich Genie und Wahnsinn unaufhaltsam, bis das eine nicht mehr vom anderen zu trennen ist. Beth Harmon hangelt sich von einem Turniersieg zum nächsten, durch ein paar flüchtige Männergeschichten und jede Menge Drinks, schon in jungem Alter. Hinterfragen will sie das alles nicht, eigentlich will sie nur eines: Endlich den russischen Großmeister Borgow schlagen, den besten Schachspieler der Welt. Zum Duell mit ihm taucht sie dann nach einer durchzechten Nacht verkatert und verwirrt auf.

Einige Schachspieler verloren den Bezug zur Wirklichkeit

Beth Harmons Geschichte ist fiktiv, die Parallelen zu realen Schachgenies sind jedoch durchaus gegeben. Die Größten in der Geschichte des Spiels der Könige waren nicht selten exzentrisch, psychisch labil oder schlichtweg verrückt. Paul Morphy wird in der Serie immer wieder genannt, mal mit Bewunderung für sein Schachspiel, dann wieder als warnendes Beispiel. Der US-Amerikaner galt im 19. Jahrhundert als einer der besten Spieler seiner Zeit, gab seine Karriere jedoch schon nach wenigen Jahren auf und litt später an starker Paranoia.

Bobby Fischer, einer der bekanntesten Schachspieler aller Zeiten, wurde von Walter Tevis, der 1983 die Romanvorlage für die Serie veröffentlicht hat, sogar als eine persönliche Inspiration genannt. Fischer wurde zum Verschwörungstheoretiker, leugnete den Holocaust und schrieb Briefe an Osama bin Laden. Auch hier gilt: So tief fällt Beth Harmon nicht. Doch da Fischer etwa zur gleichen Zeit spielte wie Harmon in der Serie, könnte die Figur zumindest an ihm orientiert sein.

Alkohol, Medikamente und erdrückende Erwartungen

In erster Linie sind es nicht der Alkohol oder die Medikamente, die Beth Harmon an den Abgrund führen, auch nicht ihre Psyche. Es sind die Erwartungen, die von überallher an sie gestellt werden und die junge Frau zu erdrücken drohen. Von ihrer Mutter, die nach der Trennung von ihrem Mann ihre talentierte Tochter als neuen Lebensinhalt und Goldesel entdeckt. Von den Männern, die sie erst belächeln und ihr dann verfallen. Von der US-Regierung, die ihre Schachduelle mit den Russen zum Kalten Krieg am Brett hochstilisieren will. Und von ihr selbst, die erst lernen muss, dass Niederlagen auch für die Besten dazugehören. Man kennt dieses Muster von anderen Wunderkindern.

Anya Taylor-Joy vereint all das wunderbar in ihrer Figur: In der Frau mit dem roten Pagenkopf steckt ebenso viel Selbstbewusstsein wie Fatalismus. So wird aus dem "Damengambit" ein echter Serien-Höhepunkt, auch wenn die Produktion im Vorfeld gar nicht groß angekündigt worden war. Vielleicht liegt das auch an dem etwas schwer zugänglichen Titel: Ein Damengambit ist beim Schach eine Spieleröffnung, bei der ein Bauer geopfert wird. Schachkenner wissen das natürlich. Und auch diese können sich die Miniserie beruhigt anschauen. Die Experten der Seite "chess.com" haben sich die zahlreichen Partien angesehen und festgestellt: "Beim Schach wurde alles richtig gemacht." Bei vielem anderen auch.


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