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"KDD - Kriminaldauerdienst": In der Qualitätsfalle

Die dritte Staffel der Polizeiserie "KDD - Kriminaldauerdienst" wird die letzte sein. Denn trotz überschwänglicher Kritiken war das Zuschauerinteresse gering. Haben anspruchsvolle Serien in Deutschland überhaupt eine Chance?

Von Carsten Heidböhmer

Die dritte Staffel von "KDD - Kriminaldauerdienst" wird auch die letzte sein: Wegen schlechter Quoten stellt das ZDF die Produktion ein

Die dritte Staffel von "KDD - Kriminaldauerdienst" wird auch die letzte sein: Wegen schlechter Quoten stellt das ZDF die Produktion ein

Als das ZDF 2007 die erste Staffel der Serie "KDD - Kriminaldauerdienst" ausstrahlte, überschlugen sich die Kritiker vor Begeisterung: "Das ist mit Abstand das Beste, was derzeit im deutschen Krimi-Genre zu sehen ist", jubelte der "Spiegel". Die "Süddeutsche Zeitung" sekundierte: "Die Serie hat dieses hohe Erzähltempo, wie man es aus amerikanischen Serien kennt". Selten herrschte unter den deutschen Presseorganen eine so große Einigkeit. Der einhellige Tenor lautete: Mit "KDD" ist das Zeitalter des Bügelns vor dem Bildschirm endgültig vorbei.

Denn das Neuartige an der Serie war die Dichte und das Tempo, in dem erzählt wurde. Wer hier mal kurz aufs Klo ging, hatte den Anschluss verpasst. Nicht ein oder zwei - nein: bis zu zehn parallele Handlungsstränge liefen hier parallel ab. Die Themen, die hier verhandelt wurden, hatten es in sich: Zwangsehe, Sterbehilfe, Rationalisierungswahn, Alkoholismus, Sex am Arbeitsplatz, Adoption von Flüchtlingskindern, Vergewaltigung, Kindergeldbetrug, Spielsucht - in einer einzigen Folge "KDD" bekam man so viele gesellschaftliche Probleme serviert wie in fünf Jahren "Tatort", wo die heißen Eisen dem Zuschauer in homöopathischen Dosen präsentiert werden - nie mehr als ein Problem pro Sonntag.

Die Fälle der Kriminalbeamten im Referat Verbrechensbekämpfung waren folgerichtig im Berliner Problemkiez Kreuzberg angesiedelt. Denn hier prallen alle gesellschaftlichen Schichten, Kulturen und Religionen ungepuffert aufeinander. Wenn Berlin wie ein Brennglas für die deutsche Gesellschaft funktioniert, so verdichtet "KDD" die Probleme der Hauptstadt noch einmal wie im Brennglas. Der Zuschauer bekommt hier die Probleme des Landes quasi zweifach komprimiert vorgesetzt.

Auch jüngere Zuschauer bevorzugen "Der Alte"

Vielleicht ist das der Grund, warum die deutschen Fernsehzuschauer die Begeisterung der Kritiker nicht ganz teilen mochten. Weniger als drei Millionen Menschen wollten die Folgen der ersten beiden Staffeln im Schnitt sehen, der Marktanteil lag deutlich unter dem Durchschnittswert für diesen Sendeplatz. Was besonders tragisch ist: Die Ablehnung beschränkte sich nicht auf die Zuschauer in der Altersgruppe 60 plus. Sogar die jüngeren Zuschauer zwischen 14 und 49 Jahren bevorzugen offensichtlich bieder-konventionelle Krimikost wie "Der Alte", die sonst am Freitagabend im ZDF zu sehen ist. Der Sender zog deswegen die Reißleine - die dritte Staffel von "KDD", die ab heute Abend zunächst auf Arte ausgestrahlt wird, ist die letzte.

Eine vergleichbare Bauchlandung hat Sat 1 vor drei Jahren mit dem ambitionierten Vierteiler "Blackout" erlebt. Weil die ersten beiden Folgen weit weniger als zwei Millionen Zuschauer sehen wollten, wurden Teil drei und vier kurzerhand ins Nachtprogramm verlegt. Seither lässt der Sender seine Finger von anspruchsvollen Eigenproduktionen.

"Zu komplex, zu düster, zu unmoralisch"

Ortun Ertener, Drehbuchautor von "KDD", befürchtet, mit dem Scheitern seiner Serie sei der Zug zu komplexeren deutschen Produktionen abgefahren: "Wir werden die USA und Großbritannien, die da Maßstäbe setzen, wohl nie einholen", sagte er im Interview mit der "taz". Als Gründe für das ausbleibende Zuschauerinteresse nennt er: "Zu komplex, zu schnell, zu verwirrend, zu düster, zu unmoralisch." Damit der Zuschauer derart anspruchsvolle Serien goutiere, müsse er an solche Stoffe herangeführt werden: "Solange der Zuschauer nicht immer wieder mit Experimenten dieser Art konfrontiert wird, gibt es auch keine Notwendigkeit, sich daran zu gewöhnen."

Ähnlich resigniert äußerte sich vor kurzem auch Andrea Sawatzki: "Die Deutschen scheinen's zu mögen, das Harmlose. Manche mögen Filme, bei denen man zwischendurch was anderes machen kann. Sich unterhalten. Das geht bei anspruchsvollen Filmen nicht", sagte die Schauspielerin im "taz"-Interview.

Intensiv bis an die Schmerzgrenze

Sie hat selbst schlechte Erfahrungen mit schwierigen Inhalten gemacht: Ihre Rolle als düster-verstörende Frankfurter "Tatort"-Kommissarin Charlotte Sänger wird in diesem Jahr beendet. Und auch der hoch gelobte Zweiteiler "Helen, Fred und Ted" wurde 2006 von der ARD wegen mangelnden Erfolgs nicht fortgesetzt. Sawatzki spielt darin eine Psychotheraupeutin, die in ihrer Praxis Probleme wie Magersucht oder Bettnässen bei Kindern behandelt. Die beiden Folgen zeichneten sich durch Humor aus, waren aber gleichzeitig eindringlich und intensiv bis an die Schmerzgrenze. Das schreckte die Zuschauer offenbar ab. "Auffällig war vor allem, dass viele Zuschauer abschalteten, als ich mich in meiner Rolle mit einem magersüchtigen Mädchen zu unterhalten begann. Zwei Millionen haben weggeschaltet", so Sawatzki. Ihr Resümee: "Fernsehen ist oft nur Geräuschkulisse. Ich glaube einfach, dass Filme oftmals gar nicht ernsthaft geguckt werden".

Jetzt haben die deutschen Fernsehzuschauer also noch einmal die Gelegenheit, solch pessimistische Einschätzungen zu widerlegen. Und wenn es wieder nicht klappt? Ist dann der Versuch, anspruchsvolle Serien fürs deutsche Fernsehen zu produzieren, endgültig gescheitert?

Einstweilen verlagern die öffentlich-rechtlichen Sender ihre anspruchsvollen Inhalte in digitale Kanäle. Das ZDF probiert gewagte Formate und neuere US-Serien in ihrem Jugendsender ZDFneo aus. Und auch die ARD denkt laut über die Gründung eines solchen Kanals nach. "KDD"-Autor Ertener hat seinen Glauben an das deutsche Fernsehen jedenfalls noch nicht restlos verloren: "Es muss auch möglich sein, Qualität auf eine neue Stufe zu bringen, ohne das Publikum zu verschrecken."

Die acht Folgen der dritten Staffel von "KDD - Kriminaldauerdienst" sind dienstags um 22.15 Uhr auf Arte zu sehen