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Sechsteilige Serie NDR-Doku zeigt ungewöhnliche Einblicke: Kevin Kühnert und seine komplizierte Liebe zur SPD

Kevin Kühnert
Kevin Kühnert war von 2017 bis Anfang 2021 Juso-Vorsitzender, seit Dezember 2019 ist er stellvertretender SPD-Parteivorsitzender
© Fabian Sommer / DPA
Kevin Kühnert ist der Shootingstar der deutschen Politik in den vergangenen Jahren. Eine NDR-Dokuserie bietet einen seltenen Blick hinter die Kulissen der SPD – und zeigt Kühnerts schwieriges Verhältnis zur eigenen Partei.

Er raucht, (fast) immer und (fast) überall. Egal, ob auf dem Balkon des Willy-Brandt-Hauses, vor Fernsehstudios oder im Raucherbereich auf dem Parteitag, wo die Presse keinen Zutritt hat – Kevin Kühnert hängt in der NDR-Dokumentation "Kevin Kühnert und die SPD" ständig am Glimmstängel. Das weckt sofort Assoziationen zu einem anderen, mittlerweile verstorbenen Spitzenpolitiker der Partei, die aber wohl keinem von beiden gerecht würden. So oder so hat Kevin Kühnert aber die altehrwürdige SPD verändert – oder zumindest einen gehörigen Teil dazu beigetragen.

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Wie das passiert ist, zeigt die sechsteilige Dokuserie, die seit wenigen Tagen online in der ARD-Mediathek verfügbar ist. Die Filmemacher:innen Katharina Schiele und Lucas Stratmann haben Kühnert drei Jahre lang mit der Kamera begleitet, das Endprodukt sollte nach der Bundestagswahl veröffentlicht werden. Zu Beginn des Projekts konnte noch niemand voraussehen, in welchem Zustand die SPD sich nach dieser Wahl befinden würde – damals hagelte es gerade eine vernichtende Niederlage nach der anderen. Jetzt ist die Partei stärkste Kraft im neuen Bundestag und stellt mit hoher Wahrscheinlichkeit den neuen Kanzler. Doch das Happy End der SPD ist nur Randthema, im Vordergrund steht – wie es der Titel sagt – Kühnerts oft nicht ganz einfaches Verhältnis zu seiner eigenen Partei.

NDR-Doku "Kevin Kühnert und die SPD": So nah kann man Politik selten erleben

Dieses in allen seinen Facetten nachzuzeichnen, gelingt Schiele und Stratmann ausgezeichnet. Vielleicht kann man es eine Hassliebe nennen zwischen Kühnert und der SPD, wobei der Ehrlichkeit halber deutlich mehr Liebe als Hass dabei ist. Kühnert ist begeisterter Sozialdemokrat, einer, der Menschen für die Sozialdemokratie begeistern will und einer von wenigen, denen das auch immer wieder gelingt. Doch regelmäßig verzweifelt der 32-Jährige an der Partei, in die er mit 16 Jahren eingetreten ist. Als Juso-Chef hadert er mit der Großen Koalition, den Agenda-2010-Reformen und nicht selten auch dem politischen Führungspersonal der SPD. Ein Bürger stellt ihm auf einem Wahlkampftermin die Frage, warum er überhaupt noch in der Partei sei. Gute Frage.

Dieser Zwiespalt lässt sich so gut nachvollziehen, weil die Dokumentation über weite Strecken ganz nah dran ist an Kevin Kühnert – als Person und Politiker. Die Zuschauer erleben ihn hinter den Kulissen von Fernsehsendungen, im Gespräch mit seinen engsten Vertrauten, in den Momenten, in denen die Wahlergebnisse eintreffen. Kühnert scherzt hinter der Bühne mit der damaligen SPD-Vorsitzenden Andrea Nahles und gibt ihr später am Rednerpult einen mit. So hautnah lässt sich Politik nur äußerst selten beobachten. Aber eben das ist ja Kühnerts Markenkern: Er will anders sein, Erneuerung vorantreiben, auch einen neuen Stil prägen. Ein Jackett trägt Kühnert in den sechs Folgen übrigens kein einziges Mal, eher ein lockeres Hemd, lieber noch einen Kapuzenpulli.

Kevin Kühnert im Interview mit NEON

Am Abend der Bundestagswahl fällt alles ab

Und auch die Partei stößt sich immer wieder an dem Juso-Vorsitzenden, vor allem nachdem dieser in einem Interview die Enteignung von BMW ins Spiel gebracht hat. Oder wenn er und die Jusos mit Arbeitsminister Hubertus Heil um Formulierungen in Anträgen auf dem Parteitag feilschen. Die Dokumentation bietet an diesen Stellen nicht nur einen Blick hinter die Kulissen der SPD (da ist von Stephan Weil, dem "Autopapst", die Rede und von "Hubi", der "nicht der Feind" ist), sondern auch hinter die des Politikbetriebs insgesamt. Die steigende Bekanntheit, die vielen Termine und der politische Druck fordern ihren Tribut. Kühnert wirkt gehetzt, angespannt, hängt ständig am Telefon und erklärt seinem Pressesprecher Benni Köster mehr als einmal, wie "fertig" er sei. Im Wahlkampf auf der Straße und an den Haustüren bekommt er viele positive Reaktionen, aber auch manche Pöbeleien ab.

Dann der Abend der Bundestagswahl, der Höhepunkt, auf den alles zustrebt. Kühnert hat nicht nur für die SPD gekämpft, nicht nur für den Kanzlerkandidaten Olaf Scholz, über den er ohnehin nur wenige gute Worte verliert, sondern auch für sich selbst. Er will in den Bundestag einziehen. Überdeutlich ist zu sehen, wie viel von ihm abfällt, als die ersten Ergebnisse vorliegen – die SPD hat die Wahl tatsächlich gewonnen, Kühnert holt das Direktmandat im Wahlkreis Berlin-Tempelhof-Schöneberg. Der Hoffnungsträger der SPD macht einen Luftsprung.

Olaf Scholz beantwortet Reporterfragen auf Englisch

Wird Kevin Kühnert jetzt Teil des Systems?

Apropos Sprung: Mittlerweile ist Kevin Kühnert stellvertretender Parteivorsitzender, der Marsch durch die Institutionen hat begonnen und er ist mutmaßlich noch lange nicht vorbei. Eine Szene in der letzten Folge erzählt viel darüber, in welchem Dilemma Kühnert steckt. Es bestehe die Gefahr, dass er nun zum Teil des Systems werde, warnt seine Büroleiterin: "Dann sagen die Leute: Der ist doch wie alle anderen, der olle Strippenzieher, wie langweilig." Nicht langweilig zu sein, sondern mutig und unangepasst, das hat Kevin Kühnert nach vorne gebracht und die SPD gleich mit. Eigentlich könnte man an diesem Punkt gleich die nächste Langzeitbeobachtung anschließen.

"Kevin Kühnert und die SPD" (sechs Folgen) ist in der ARD-Mediathek abrufbar


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