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"Polizeiruf 110": Das Herz ist ein einsamer Jäger

Hart, realistisch, düster: Selten war ein "Polizeiruf 110" so nah am Leben. Und selten so berührend. Am Ende der Folge ist Kommissar Meuffels reif für den Psychologen. Der Zuschauer vermutlich auch.

Von Carsten Heidböhmer

In Berlin erschießt ein Polizist einen Mann im Brunnen. In Bremen verprügeln Beamte einen Diskobesucher. Dank dieser beiden aktuellen Fälle hat das Thema Polizeigewalt das Sommerloch gefüllt. Da passt dieser "Polizeiruf 110" aus München perfekt in die Lage. Denn Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) muss in seinem fünften Fall intern ermitteln: In der Ausnüchterungszelle der Münchner Polizeiinspektion 25 ist die junge Transsexuelle Nicole Noury zu Tode gekommen, ihre Lebensgefährtin hat Anzeige erstattet.

Meuffels übernimmt die undankbare Aufgabe, gegen Kollegen zu ermitteln. Und die machen ihm das Leben denkbar schwer. Lassen ihn auflaufen, halten sich sklavisch an eine einstudierte Version des Vorgangs, drohen ihm - und verprügeln ihn schließlich. Meuffels lässt sich jedoch nicht einschüchtern und arbeitet unbeirrt weiter. Die Polizisten werden zunehmend nervöser. Einer von ihnen, "Eiermeier", will auspacken. Die anderen kriegen das spitz, mobben ihn, und er bringt sich schließlich um.

Keine Frage: Dieser Fall geht an die Nerven. Jeder der Protagonisten ist zum Zerbersten angespannt. Die Polizisten müssen ihre Tat vertuschen. Zudem hat jeder seine privaten Probleme. Aber auch Meuffels steht unter Druck. Er kommt bei seinen Ermittlungen nicht weiter und wird zunehmend ungenießbarer.

Meuffels' teuflischer Deal

Es ist keine schöne Welt, die dieser "Polizeiruf" zeigt. Die Menschen machen sich das Leben gegenseitig zur Hölle. Die Polizisten sind gewalttätig, brüllen sich auch untereinander an. Und privat sieht es auch nicht besser aus: Ihre Frauen betrügen, überfordern sie mit kostspieligen Wünschen, jubeln ihnen Kinder unter. Kommissar Meuffels ist da wenig besser. Er kommandiert seine Mitarbeiterin Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm) herum und lässt sie bis nachts im Büro schuften - bis die entnervt hinschmeißt. Nur mit einem dicken Blumenstrauß und dem Versprechen auf künftig pünktliche Feierabende kann der Kommissar sie zurückholen.

Die einzig zärtlichen Momente entstehen zwischen Meuffels und Almadine Winter (sehr einfühlsam gespielt von Lars Eidinger), der transsexuellen Verlobten der in der Polizeiwache zu Tode Gekommenen. Fast wirkt es so, als habe sich der unnahbare Kommissar ein wenig in sie verguckt. Die emotionale Verstrickung ist dann auch der Grund, warum Meuffels die Ermittlungen abbricht und sich auf einen teuflischen Handel einlässt. Die Polizisten zahlen 45.000 Euro für Almadines Geschlechtsumwandlung, dafür werden sie im Abschlussbericht von jeder Schuld freigesprochen.

Ein Fehler, wie sich am Schluss herausstellt: Ein Video vom Handy des toten Polizisten zeigt, dass Nicole Noury vor ihrem Tod von den Polizisten misshandelt wurde. Da ist es zu spät, der Deal schon über die Bühne gegangen und die Akte geschlossen. Und Meuffels sitzt verstört bei der Polizeipsychologin, die er zu Beginn der Folge noch mit Räuberpistolen über seine schlimme Kindheit veralbert hat.

Hart und feinfühlig zugleich

Regisseur Jan Bonny hat den Fall mit einer größtmöglichen Wahrhaftigkeit umgesetzt. Die Dialoge (Buch: Günter Schütter) sind authentisch, nicht so geschliffen wie in vielen anderen Fernsehfilmen. Hier wird gestammelt und geradebrecht, wie das normale Menschen eben tun. Dazu zeigt Bonny raue Bilder (Kamera: Nikolai von Graevenitz), harte Schnitte und eine Tonspur, in der auch schon mal ein Wortfetzen untergeht. Weil der Sprechende nuschelt oder am anderen Ende des Raumes steht.

Bei all dem verstörenden Realismus findet "Der Tod macht Engel aus uns allen" Zeit für ungewöhnlich zärtliche Szenen. "Sie haben keine Ahnung, weil sie nicht allein sind", sagt die trauernde Verlobte Almadine zu dem Ermittler. "Sind Sie da sicher?", fragt Meuffels - und wischt ihr eine Träne von der Nase. Es bedarf manchmal nur weniger Worte und Gesten, um Einsamkeit zu veranschaulichen. Dass dieser Film es schafft, der harten Wirklichkeit Momente von Poesie zu entlocken, macht die wahre Kunst aus: Selten war ein Kriminalfall so hart. Und selten dabei so feinfühlig. Damit ist dieser "Polizeiruf 110" schon jetzt Anwärter für den Deutschen Fernsehpreis.