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"Wetten, dass..?" Betreutes Moderieren: Thomas Gottschalk wird zum Sidekick in seiner eigenen Show

Michelle Hunziker ist bei "Wetten, dass..?" längst mehr als Thomas Gottschalks Sidekick
Michelle Hunziker ist bei "Wetten, dass..?" längst mehr als Thomas Gottschalks Sidekick
© ZDF
Nach dem großen Erfolg des Comebacks im vergangenen Jahr war die Vorfreude groß auf die "Wetten, dass..?"-Ausgabe 2022. Doch Thomas Gottschalk überlässt das Zepter immer mehr seiner Co-Moderatorin Michelle Hunziker. Der Wettkönig will seinen Gewinn für die Protestbewegung "Lützi bleibt" spenden.
Von Simone Deckner

"Das war eine fantastische Sendung, Thomas!", jubelt Co-Moderatorin Michelle Hunziker am Ende von "Wetten, dass..?" und an der Frage, ob dieser schlichte Satz nun wahr oder doch bloß Wunschdenken ist, werden sich nun wieder die Geister scheiden. Es war die erste Ausgabe nach dem letztjährigen Revival, das sowohl von den Einschaltquoten als auch von den Kritiken so zu überzeugen wusste, dass der ewige Lausbub der Samstagabendunterhaltung sich nicht langen bitten musste, um einer Fortsetzung zuzustimmen. 

Anfangs sieht es auch noch danach aus, als könnte es auch dieses Mal gelingen: Gottschalk badet sichtlich happy zwei Minuten lang im warmen Applausregen des Friedrichshafener Publikums ("Ha, ha, ha – danke, ich bin’s doch nur. Hinsetzen!"), macht einen Witz über Olaf Scholz und gleich noch einen über seine Co-Moderatorin ("Kaum lässt man dich mal kurz alleine, angelst du dir so einen Sixpack-Doc") und dann noch einen, der zu den ersten "sexistisch!"-Tweets führen wird ("An Michelles Seite ist noch kein Mann eingeschlafen") – also alles so wie immer.

"Wetten, dass..?": Einstand mit dem Bagger

Dass es heute anders, nämlich öder werden wird, zeichnet sich schon bei der ersten Wette ab. Es ist die Baggerwette. Die Baggerwette – als erste Wette. Wer auch immer dachte 'Das ist doch die beste Idee! Wir zäumen das Pferd von hinten auf, bringen die Baggerwette nicht zum Schluss, sondern direkt am Anfang!‘ hatte keinen guten Tag. Die Baggerwette bleibt natürlich großartig, weil: Es ist die Baggerwette. Dieses Mal werden mit Hilfe einer monströsen Baggerschaufel winzige Löcher in Eier gepiekst.

Der Bagger wird dabei erstmals in der langen Baggerwettengeschichte von einer Frau gefahren, Sandra Hasenauer aus Österreich. Doch 18 Staffeln "Bauer sucht Frau" haben nichts gebracht: Die Tatsache, dass auch Frauen in der Lage sind, einen Bagger zu steuern, sorgt bei Michelle Hunziker für Schnappatmung. Damit nicht genug: "Es ist wirklich toll, dass man eine Frau mit Pumps einen Bagger fahren sieht!", sagt die 45-Jährige. Die beiden Fußballerinnen Alexandra Pop und Giulia Gwinn (die Gottschalk mehrfach Giuliana nennt) werden von ihr natürlich als "Powerfrauen" vorgestellt. Ansonsten ist in Michelles Moderations-Welt alles exakt so rosa-farben wie ihr Kleid: großartig, unglaublich und außerirdisch!

Das Problem: "Es ist alles so toll hier, ist es nicht?"-Hunziker moderiert mittlerweile mehr als Gottschalk selbst. Sie sagt die Wetten und Wettpaten an, interviewt die Gäste auf der Couch und - das scheint ihre wichtigste Aufgabe zu sein - passt auf, dass Gottschalk nicht zu sehr aus dem Ruder läuft. Es hat etwas von betreutem Moderieren. "Thomas, pass auf – deine Hose!" ermahnt Hunziker Gottschalk bei einer Wette, als sei sie seine Mutter. Man ist hin- und hergerissen zwischen Besorgnis und Genervtsein. Gottschalk mutiert zum Sidekick in seiner eigenen Show.

Stromberg zieht Robbie Williams auf

Die schlagfertigsten Sprüche bringt auch nicht mehr er, sondern Schauspieler Christoph Maria Herbst ("Stromberg"). Als Sänger Robbie Williams Scherze über sein lichter werdendes Haar macht und enthusiastisch Haarpuder empfiehlt, antwortet der glatzköpfige Herbst trocken: "Besser das Puder auf dem Kopf als in der Nase", ein durchaus derber Witz auf Kosten des ehemaligen Kokain-Nutzers Robbie Williams. 

US-Schauspieler John Malkovich muss sich hingegen von Gottschalk fragen lassen, ob es stimme, dass er mal eine Wackelpuding-Diät gemacht habe? Malkovich bejaht. Gottschalk: "Ja, und was hat es gebracht? Die Haare sind davon jedenfalls nicht gewachsen." Im Verlauf der Sendung sieht man Malkovich immer weiter auf der Couch versinken. Offensichtlich hat er die Handynummer von Tom Hanks nicht, der hätte ihn vorwarnen können.

Samuel Koch im Pool

Schielend zum Wettsieg

Hinzu kommt: Die Wetten waren auch schon mal spektakulärer. Ein Mann hüpft auf einem Fahrrad einen Turm aus Bierkästen hoch. Ein weiterer erkennt Brettspiele am Ton, den sie beim Ausschütten auf einen Tisch machen. Zwillinge können 200 identische Teddybären an Details wie ihren Nasenfalten auseinanderhalten. Zwei Maxe (Werfer und Fänger heißen beide so) versuchen sich bei 127 km/h auf einer Achterbahn Handys zuzuwerfen, scheitern aber krachend daran.

Wettkönig wird schließlich ein Mann, der so stark schielt ("Das nennt sich Kreuzblick"), dass er einen Fingerabdruck unter Tausend anderen Fingerabdrücken erkennen kann, die auf zwei großen Screens zu sehen sind. Seinen Gewinn von 50.000 Euro will er für den Kampf um seine Heimat Lützerath spenden. Das Dorf in Nordrhein-Westfalen soll dem Erdboden gleich gemacht werden, weil der Energieversorger RWE dort Braunkohle fördern will. Im Publikum ertönen kurz "Lützi bleibt"-Rufe bei seinem Auftritt. Gottschalk sagt: "Du hast deine Fans hier." Als klar ist, das die Zuschauer zu 52 Prozent für Marten Reiß angerufen haben, sagt Gottschalk: "Lützerath ist gerettet." 

Für den zweiten politischen Moment sorgt Herbert Grönemeyer. Der Wetteinsatz des Sängers ("Ich tanze sehr anmutig!"): Er will der finanziell angeschlagenen Berliner Tafel für einen Monat die Betriebs- und Unterhaltskosten zahlen. Obwohl er seine Wette gewinnt, steht er zu seinem Versprechen. Immerhin, auf einen ist noch Verlass.

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