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"X Factor"-Finale Kuschelfaktor auf der Suche nach Pep


Ein furioses Finale sieht anders aus und hört sich auch anders an. Dem "X Factor"-Sieger David Pfeffer fehlt es ebenso wie seinem Lied an Pep. Damit passte der Abschluss der zweiten Staffel aber perfekt zur Kuschel-Castingshow.
Von Sylvie-Sophie Schindler

Die Frage ist, weshalb so viele Eltern darauf versessen sind, dass ihr Kind aufs Gymnasium geht. Warum der Kampf um gute Noten, warum teure Nachhilfe, warum das Drängen in überfüllte Studiensäle, wenn sich inzwischen so ziemlich jeder TV-Sender anbietet, aus Deutschlands Nachwuchs schwuppdiwupp Gesangsstars zu machen. Ein einigermaßen passables Stimmchen genügt da schon, gepaart mit möglichst wenig Persönlichkeit und einem Maximum an Stromlinienförmigkeit und bitte, und das geht an die Mädels, möglichst wenig Pfunden, damit das eng anliegende Glitzerflitterkleidchen nicht weggesprengt wird. So werden heute Karrieren gezimmert, was immerhin besser ist, als wenn sich gewisse Politiker Doktortitel erschummeln und sich später an gar nichts mehr erinnern. Andererseits, und hier sind Zukunftsforscher gefragt, wie sieht es in einer Welt aus, in der es irgendwann nur noch Sängerinnen und Sänger gibt? Ist unser Leben dann ein Musical?

Günther Jauchs Double

Immerhin wissen wir seit der Vox-Casting-Show "X Factor", dass sich auch Polizisten hinter dem Mikrofon ziemlich heimisch fühlen. Zumindest dieser: David Pfeffer heißt der Mann, 29 Jahre alt, und seit dem gestrigen Finale wissen wir noch mehr: der Typ hat den "X-Faktor". So zumindest entschieden es die Zuschauer per Telefonabstimmung. Mit 60,5 Prozent aller Stimmen holte der Duisburger sich den Titel - und damit auch den begehrten Plattenvertrag. Dass man in den Charts nun mit ihm rechnen muss, kündigt auch seine erste Single an, die ab Freitag im Handel zu haben ist: "I'm Here." Ein Song, der seine ekstatischen Momente noch sucht. Auch Jurorin Sarah Connor kommentierte nach Davids Performance: "Dein Song springt einen nicht sofort an. Man muss ihn schon zwei oder drei Mal hören."

Und die großen Gefühle, die dem vermeintlichen Schmuseboy permanent attestiert werde, muss man ebenfalls suchen. Bei seinem ersten Auftritt in Anzug und Krawatte wirkte er eher wie ein jüngeres Double von Günther Jauch, das Ronan Keating imitieren will. Unbenommen aber ist, dass seine Stimme eine gewisse Qualität hat und "Pepper" einfach gerne Musik macht, das merkt man, das ist sein größtes Plus. Das andere, der Erfolg nämlich, der kümmert ihn eher weniger oder um es mit seinen Worten auszudrücken: "Ich bin nicht famegeil." Auch sympathisch. Und: man glaubt's ihm.

Das frühe Aus für die Favoriten

Dass Nica & Joe die ersten waren, die aus dem Finale ausschieden, war überraschend, galten sie doch als besonders aussichtsreiche Kandidaten auf den Sieg. Das Duo, bestehend aus der gebürtigen Polin Veronika Belyavskaya und dem amerikanischen Tenor Joseph Guyton, hob sich vom handelsüblichen Tralala wohltuend ab, indem es Pop mit Klassik mischte. Neu ist die Idee zwar nicht, doch die beiden brachten eine Atmosphäre auf die Bühne, die gute Laune machte.

Unübersehbar: Nica & Joe hatten enormen Spaß miteinander. Ihre Auftritte waren, wie man so sagt, "großes Kino" und wirkten oft, um Juror Das Bo zu zitieren, "wie in einem Walt-Disney-Film". Trotzdem gelang es ihnen, dabei ganz natürlich rüber zu kommen. Ihr eigener Song "Build A Palace" ließ sofort Ohrwurmcharakter erkennen. Sarah Connor, die das Duo als Mentorin unter ihre Fittiche genommen hatte, fieberte während der Show mit als ginge es um ihre eigene Karriere. Ebenso erging es auch den anderen Jurymitgliedern, Till Brönner, Mentor von David Pfeffer, und Das Bo, der musikalische "Ziehpapa" von Raffaela Wais. Dass die Jury keine Pöbelsprüche raushaute, sondern durch das Coaching nahe bei den Kandidaten war, ist ein Konzeptbaustein von "X Factor" - und das überzeugte.

In der Wiederholungsfalle

Doch, und das ist die Krux, die Gratwanderung ist heikel. Denn zu viel Kuschelatmosphäre kann auch gehörig auf die Nerven gehen. Etwa, wenn alle zwei Minuten Sätze aufgesagt werden wie "Das ist magisch" und "Ich hatte richtig viel Spaß". Und das sagte dann der Till zum Daniel und die Sarah zur Raffaela und Nica zu Joe und so weiter und so weiter. Würde man alle Sätze streichen, die sich wiederholten, hätte man die Sendezeit mindestens auf 60 Minuten runter gekürzt. Auch die Formulierung "Ich habe viel gelernt" fiel dem Wiederholungs-Virus gerne zum Opfer.

Besonders Raffaela Wais hat ein Faible dafür. Als wäre sie in einer Selbsthilfegruppe offenbarte sie beispielsweise: "Ich habe gelernt, meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Ich habe gelernt, meine Kontrolle aufzugeben." Was ja schon schön ist, zugegeben. Denn jetzt muss die Berliner BWL-Studentin nicht mehr auf Diva machen, und davon profitierten auch die Lieder, die sie im Finale präsentierte, darunter ihr eigener Song "Heaven Only Knows" - wenngleich es "nur" für Platz zwei reichte. "Es ist ein Traum, was hier passiert", so Raffaela. Achtung, ähnliches hörte man auch von den anderen Kandidaten. Insbesondere als, und das gab der Show einen unerwarteten Drive, die Kandidaten an der Seite von Prominenten sangen: Nica & Joe mit Michael Bublé, Kelly Rowland mit Raffaela Wais und Melanie C mit David Pfeffer.

Auf durchschnittlich 10,2 Prozent Marktanteil in der werberelevanten Zielgruppe brachte es "X Factor". Noch ist unklar, ob es eine dritte Staffel geben wird. Inzwischen ist auf ProSieben und Sat.1 längst die Konkurrenz am Start, mit "The Voice of Germany" und bis zu respektablen 27 Prozent Marktanteil. Auch hier geht es möglichst schmerzfrei zu. Man hat sich neuerdings lieb in den Castingshows.


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