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Sänger zu Gast in NDR Talk Show: Andreas Kümmert: Erste TV-Beichte nach ESC-Verzicht

Vor anderthalb Jahren siegte Andreas Kümmert beim deutschen Vorentscheid – und fuhr dann doch nicht zum ESC nach Wien. Erst jetzt erklärt er, was damals los war und wie es ihm heute geht.  

Von Lars Peters

Sänger Andreas Kümmert zu Gast in der NDR Talk Show

"Mir wurde bewusst, dass ich dieser Aufgabe nicht gewachsen war", erklärt Andreas Kümmert seinen Verzicht auf ESC-Teilnahme bei der NDR Talk Show.

Entspannt sitzt Andreas Kümmert am Freitagabend im Sessel. Statt fusseliger Haare hat er jetzt eine Glatze. Der Bart hingegen ist länger als beim Vorentscheid 2015 in Hannover. Kümmert trägt eine grüne Militärjacke über einem T-Shirt mit Rolling-Stones-Zunge. Arme und einige Finger sind tätowiert. Wie vor anderthalb Jahren hat er ein Nasenpiercing. Kümmert ist sich treu geblieben und doch gefälliger, weniger verschlossen, ein bisschen erwachsener. Vor allem aber ruht er in sich, kann lächeln. Seit dem Vorentscheid hat er viel über sich gelernt, sich seinen Ängsten gestellt und ein neues Album aufgenommen.

Zufall oder nicht: Kümmert wird interviewt von Barbara Schöneberger. Sie stand damals als Moderatorin des deutschen Vorentscheids neben ihm auf der Bühne, als er erklärte, Deutschland nicht beim Eurovision Song Contest vertreten zu wollen. Unterbewusst habe er gehofft, nicht zu gewinnen, sagt er heute. Als es dann aber soweit war, habe er sehr große Angst gehabt: "Mir wurde bewusst, dass ich dieser Aufgabe nicht gewachsen war." Umso größer war die Last, die von ihm abfiel, als er nach dem Vorentscheid die Halle verließ. Über das Ausmaß der Konsequenzen seiner Entscheidung war er sich zu diesem Zeitpunkt nicht im Klaren. Das will er promoten – und deshalb spricht er das erste Mal öffentlich über den Eklat von Hannover.

Andreas Kümmert hatte Angst und machte einen großen Fehler

Das passierte dann am nächsten Tag, als er seine Eltern besuchen wollte. Vor deren Haus standen da bereits fünf oder sechs Ü-Wagen. Er machte daraufhin eine Kehrtwendung und verbarrikadierte sich für etwa eine Woche in seiner Wohnung. Während dieser Zeit wurde auch von anderen für ihn eingekauft. "Ich hatte das Gefühl, ich kann nicht vor die Tür gehen, weil die Angst da war", so Kümmert in der NDR Talk Show. Während dieser Zeit machte er – wie er heute weiß – einen großen Fehler: Er las fast alles, was über ihn geschrieben wurde – in den Medien und den sozialen Netzwerken. Gerade die Äußerungen im Netz waren "sehr verletzend. Ich hatte das Gefühl, da steckt sehr viel Schlechtes in der Gesellschaft."

Zwei Monate lang versuchte er, allein damit zurecht zu kommen. Doch die Angstzustände kamen immer häufiger. Kümmert hatte extreme Angst vorm Sterben. Dann hielt er es nicht mehr aus und ging zum Arzt. Ein Psychologe diagnostizierte eine leichte Depression und eine Angststörung. Im Rahmen der folgenden Therapie lernte Kümmert auch, dass die Menschen, die den Hass in den sozialen Netzwerken verbreiten, überhaupt nicht ihn meinen können, weil sie ihn gar nicht kennen. Vielmehr würden sie ihren Selbsthass auf andere projizieren – in diesem Fall eben auf ihn.

Neues Album – Genesungsakte

Der Gedanke, ganz mit der Musik aufzuhören, kam Kümmert in der ganzen Zeit aber nie. Er schüttelt intensiv mit dem Kopf und muss auch lachen über diese Frage von Barbara Schöneberger. Vielmehr gab er bereits einen oder anderthalb Monate nach dem Vorentscheid wieder Konzerte. Seitdem hat er zwei relativ erfolgreiche Tourneen absolviert. Das lief gut – wegen der therapeutischen Behandlung und den Medikamenten, die er nimmt. Im Januar dieses Jahres begann Kümmert mit der Arbeit an einem neuen Album, das im Juli fertig wurde. Es reflektiert die letzten drei Jahre des Künstlers und trägt daher den ganz passenden Namen "Recovery Case" – Genesungsakte.

Ein Lied daraus, "Beside You", präsentierte der Sänger auch in der NDR Talk Show. Und da war sie wieder, diese weiche und doch kraftvolle Stimme, die beim deutschen Vorentscheid in Hannover die Zuschauer verzaubert hatte. Ob Kümmert beim ESC in Wien besser abgeschnitten hätte als Ann Sophie, werden wir nie wissen. Und der Sänger wird wohl auch niemals beim ESC auf der Bühne stehen. Auf Konzertauftritte hingegen freut er sich: "Ein Auftritt ist anstrengend, aber eine sehr positive Anstrengung." Diese wird er im Herbst häufiger erleben, denn dann tourt Andreas Kümmert wieder durch Deutschland und Österreich.

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