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Comedian Chris Tall: Mario Barths unkorrekter Sohn bekommt seine eigene Show

Mit seinem Auftritt bei "TV Total" wurde der Comedian Chris Tall 2015 praktisch über Nacht berühmt. Jetzt bekommt er seine eigene Show. Wer ist der Mann?

Chris Tall

"Die Message stimmt, scheinbar habe ich einen Nerv getroffen": Comedian Chris Tall

Chris Tall wandelt auf den Spuren seines großen Vorbilds: Wie Mario Barth bekommt nun auch der Hamburger Comedian eine eigene Show auf RTL. Am Samstag geht's los. 2015 traf der stern den damals 24-Jährigen zum Gespräch.

Wann ist jemand prominent? Als sicheres Indiz kann gelten, wenn sich eine Person nicht mehr in der Öffentlichkeit blicken lassen kann, ohne um Autogramme gebeten zu werden. Gemessen daran ist Chris Tall eine große Berühmtheit: Beim Treffen in einem Hamburger Café hat er noch nicht mal Platz genommen, da bittet ihn der Kellner schon um ein Autogramm plus Selfie. 

Für Chris Tall ist diese extreme Bekanntheit eine ziemlich neue Erfahrung. Er ist seit Jahren als Comedian unterwegs, hatte sogar schon fünf Auftritte bei "TV Total" absolviert. Doch in all der Zeit hat er sich lediglich 60.000 Facebook-Fans erspielt - was für einen jungen, netzaffinen Menschen eine relevante Messgröße ist. Bis zum 26. Oktober 2015. Da war er bei Stefan Raab zu Gast. Es war bereits sein sechster Besuch in dieser Show. Bei den vorherigen Auftritten gab er Gags über die Schule oder über seine Mutter zum Besten. Diesmal probierte er etwas anderes aus: Einen Teil aus seinem neuen Programm, in dem er Witze über Rollstuhlfahrer und Schwarze macht - immer begleitet von der Frage "Darf er das?". Sprüche wie diese: "Haben wir heute Rollstuhlfahrer hier? Mal kurz aufstehen."

"Krass, der traut sich was"

Es waren sechs Minuten, die seine Karriere verändert haben. Denn wenige Tage später folgten ihm schon mehr als eine halbe Million Menschen auf Facebook. Wie ist diese Explosion zu erklären? 

"Die Message stimmt, scheinbar habe ich einen Nerv getroffen", sagt der Hamburger im Gespräch mit dem stern. "Viele Leute dachten: 'Krass, der traut sich was.'" Er will aber kein Comedian sein, der provozieren wolle. Immerhin geht es in seinem Programm hauptsächlich um den Generationen-Konflikt und Geschichten aus seinem Alltag mit der Familie. Vor allem ist es ihm aber wichtig, dass sein Humor auf Augenhöhe stattfindet. Das betont er mehrfach im Laufe des Gesprächs. Damit meint er: Der Witz darf nicht dazu dienen, einen anderen herabzuwürdigen. "Da verliert es nämlich die Augenhöhe: Wenn ein vermeintlich Stärkerer einen Schwächeren fertig macht", sagte Tall. 

Zur Augenhöhe gehört auch, über sich selbst lachen zu können. Das ist tatsächlich eine Stärke des 24-Jährigen. Seine ideale Begegnung beschreibt er folgendermaßen: "Ich kann zu einem Schwarzen gehen und sagen: 'Ich seh dich gar nicht.' Dann sagt der: 'Dafür sehe ich dich umso besser, Fettsack.' Dann lachen wir zusammen und gehen einen Kaffee trinken. Das ist auf Augenhöhe." Oder ein Beispiel aus seinem Programm: "Ein Schwarzer - großer Penis, rennt schnell." Das ist zunächst einmal die Reproduktion rassistischer Klischees. Doch Tall kriegt so gerade noch die Kurve - indem er den Witz so dreht, dass er auf seine Kosten geht: "Ich bin das Gegenteil."

Pegida-freundliche Pointen?

Nicht bei allen kommt diese Art von Humor gut an. In einem Artikel auf "vice.de" kritisierte ihn die Autorin 2015 für "Pegida-freundliche Pointen". Er biete "denen, die sowieso schon dumpf in alle Richtungen austeilen, eine Legitimierung für ihr Tun." Chris Tall will das nicht stehen lassen: "Da wurde ja auch ganz viel aus dem Zusammenhang gerissen", sagt Tall. Mit den Vorwürfen will er sich nicht näher auseinandersetzen, er erklärt sich den bissigen Artikel so: "Es muss Leute geben, die dagegen sind. Sonst wäre es einfach zu langweilig."

Dabei ist dem Comedian durchaus bewusst, dass er auch aus der rechten Ecke Zustimmung bekommen hat. Etwas, wogegen er sich nur schwer wehren kann. Dabei ist seine Haltung eindeutig: "Den Applaus will ich gar nicht, mit den Spackos hab ich nichts zu tun. Leute, die nachdenken, wissen aber auch, dass ich damit nichts zu tun habe." Das hat er auch auf Facebook klargestellt - und sagt es den Zuschauern, die sein Programm besuchen. Tall weist zudem darauf hin, dass sich unter seinen Fans viele Rollstuhlfahrer und Schwarze befinden.

Dass sein Erfolg damit zusammenhängt, dass viele Menschen Probleme mit Political Correctness haben, - dessen ist sich der Hamburger bewusst. Wer unsicher ist im Umgang mit Minderheiten, wer Angst hat, etwas Falsches zu sagen - für den wirkt Chris Talls Humor entlastend. "Ich glaube, dass meine Nummer funktioniert, weil es Political Correctness gibt. Die Leute denken: Endlich sagt es mal jemand", gibt der Comedian unumwunden zu.

Es ist genau dieses "endlich sagt es mal jemand", das manchen Bauchschmerzen bereitet. Man kann aber auch sagen: Chris Tall macht Humor für die schweigende Mehrheit. Nicht für die intellektuellen Eliten, für die schöngeistigen Feuilleton-Redakteure, sondern für die breite Masse. Für Menschen, die nicht immer mit den neuesten Regeln politischer Korrektheit Schritt halten können und froh sind, wenn da auf der Bühne einer steht, dem es ähnlich geht.

"Ich will authentisch bleiben"

Dass es bei ihm künftig nur noch unkorrekte Witze über Minderheiten gibt, steht indes nicht zu befürchten. "Die Leute wären doch gelangweilt, wenn ich die ganze Zeit Witze über Schwarze mache." Das könne er in sechs Minuten auf den Punkt bringen, dann sei es genug. "Ich spreche hauptsächlich über mich und meine Family. Über alles, was in meinem Leben passiert. Ich will authentisch bleiben. Außerdem gibt es ja viele tolle Kollegen, die dieses Thema ganz wunderbar bedienen, zum Beispiel Kay Ray und Serdar Somuncu."

Klar, dass der Comedian schon zu Schulzeiten versucht hat, die Leute zum Lachen zu bringen. Er war schon damals der Klassenclown. Allerdings der nervige, wie er zugibt: "Ich hab immer Witze gemacht, und alle hat's genervt. Ich wollte immer witzig sein, es war aber ganz oft der falsche Zeitpunkt. Mitten im Unterricht ist meistens schlecht." Am Anfang sei er auch auf der Bühne nicht gut gewesen, verkrampft und unnatürlich.

Vorbild Mario Barth

Trotzdem wollte er unbedingt Comedian werden. "Ich hab Mario Barth gesehen, da war ich 13, und hab gedacht: Genau das will ich machen." Nach seinem Abitur hat er dann diesen Berufsweg eingeschlagen. Es war ein mühsamer Weg: Er ist auf offenen Bühnen aufgetreten und musste das Handwerk von der Pike auf lernen. Zunächst mit geringem Erfolg. "Wäre ich ein bisschen realistisch gewesen, hätte ich gesagt: Das schaffst du nicht." Doch er wollte es unbedingt. Er setzte alles auf eine Karte und zog nach Köln - wenn man den Durchbruch schaffen will, dann dort. Inzwischen hat er seinen Wohnsitz wieder in seine Heimatstadt zurückverlegt. Hier wurde Chris Tall am 4. Mai 1991 als Christopher Nast geboren. Und hier lebt er mit seiner Freundin.

Sein Risiko hat sich ausgezahlt. Inzwischen hat Chris Tall den Durchbruch geschafft. Nicht nur das: Er scheint in der ersten Liga der Comedians angekommen. Mittlerweile ist er auch in der 02-Arena in Hamburg aufgetreten. Die fasst 16.000 Zuschauer. Das ist noch nicht ganz das Berliner Olympiastadion. Aber sein Vorbild Mario Barth muss sich warm anziehen. 

"Darf er das? - Die Chris Tall Show" startet am 29. September um 23.20 Uhr auf RTL.

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