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Jon Stewarts letzte "Daily Show": "Die beste Verteidigung gegen Schwachsinn ist Wachsamkeit"

Nachahmer gibt es immer wieder, aber keiner ist ihm auch nur nahe gekommen. Nach sechzehneinhalb Jahren hat Jon Stewart zum letzten Mal die "Daily Show" moderiert. Das Ende einer Ära des schlauen Fernsehens.

Von Sophie Albers "Stewart" Ben Chamo

"Daily Show"-Host für sechzehneinhalb Jahre: Jon Stewart

Eines der größten Fernsehtalente überhaupt: "Daily Show"-Host Jon Stewart

Wenn Sie ihn kennen, weinen Sie wahrscheinlich gerade mit mir. Wenn nicht, lesen Sie bitte weiter, denn dieser Mann verkörpert alles, was die Medienwelt in diesem Augenblick am Nötigsten braucht: Klarheit und Respekt. Um so schlimmer, dass "Daily Show"-Host Jon Stewart nach sechzehneinhalb Jahren geht. Weil er es so will.

Jon Stewart, Komiker, Schauspieler, Autor, Filmemacher, Produzent, hat nicht weniger getan, als die Late-Night-Show revolutioniert. Aus dem Lachen über die irre Welt vor dem Schlafengehen wurde ein leidenschaftliches Statement für die Aufklärung, ein furioses Aufbegehren gegen das Nichtwissen aus Bequemlichkeit. Denn trotz des hohen satirischen Anspruchs der Sendung zogen Stewarts Korrespondenten immer wieder aus, um investigativ zu recherchieren.

Das Ende einer Ära

Unter jungen Amerikanern galt die "Daily Show" als Nachrichtensendung, wo sie Wahrheiten erfuhren, die große, populäre Nachrichtenkanäle verdrehen oder zuschütten. Liebster Feind der Sendung war der rechtsausufernde Sender Fox News, dessen Bigotterie und Hass-Gerede Stewart immer wieder so genüsslich auspackte wie einen glitzernden Bonbon. Vier Mal die Woche, immer um 22 Uhr.

Das ist jetzt vorbei. Nicht weil er in Rente gehe oder sterbe, sondern weil er nicht mehr gut genug sei für den Job. Und weil er mehr Zeit mit seiner Familie, seiner Frau und den zwei Kindern, verbringen wolle, sagte der 52-Jährige im Interview mit dem "Guardian". Bücher schreiben und Filme machen wolle er weiterhin, so Stewart. So wie "Rosewater", sein Manifest der Menschlichkeit über den iranisch-stämmigen Journalisten Mazier Bahari, der 2009 ins Gefängnis geworfen und gefoltert wurde, weil er über die Proteste in Teheran berichtete.

Ein guter Mensch

Donnerstagnacht lief die letzte "Daily Show" mit Stewart als Gastgeber. Es war wortwörtlich ein Fest der Liebe: Ehemalige "Daily Show"-Kollegen, die heute eigene Sendungen und Karrieren haben, kamen, um Abschied zu nehmen – darunter Steve Carell, Stephen Colbert und John Oliver. Es gab lustig-böse Videobotschaften von Hillary Clinton, "Ägyptens Jon Stewart" Bassem Youssef, John Kerry, aber auch von Darth Vader, dem ehemaligen Präsidentschaftskandidaten der Republikaner John McCain und Fox-Einpeitscher Bill O’Reilly.


Die schönste Dankesrede, vor der Stewart auf seinem Stuhl am liebsten weggerollt wäre, hielt allerdings Stephen Colbert: "Du bist zum Verzweifeln gut in deinem Job!", so der Kollege. "Wir haben von dir gelernt, wie man eine Show macht, mit Ziel, Klarheit und Respekt.(…) Weil wir dich kennengelernt haben, sind wir bessere Menschen." Stewart, berühmt für seine Bescheidenheit, verschwand fast im Tisch. Aber der große Moment, der sechzehneinhalb Jahre zusammenfassen sollte, kam erst noch. Und es war nicht Bruce Springsteen, der mitten auf der Bühne ein Minikonzert gab, zu dem am Ende alle tanzten.

Es war Jon Stewart selbst, der eine kleine Ansprache hielt über das, was übrigbleiben soll von seiner Arbeit: "Schwachsinn ist überall", sagte er in einer ruhigen Minute. "Ihnen wird im Leben wenig begegnen, das nicht Schwachsinn in sich hat." Als Beispiele nannte er den Patriot Act, Banken, die Pensionen verspielen oder die anhaltende Ignoranz gegenüber dem Klimawandel. "Wann immer etwas betitelt ist mit 'Freiheit', 'Familie', 'Fairness', 'Gesundheit' und 'Amerika' schauen Sie ganz genau hin. Wahrscheinlich wurde es an einem Ort hergestellt, wo Spuren von Schwachsinn zu finden sind.(…) Die beste Verteidigung gegen Schwachsinn ist Wachsamkeit. Wenn Ihnen etwas komisch vorkommt, sagen Sie es!"

Danke, Jon Stewart.


Hier können Sie noch einmal die letzte Episode der "Daily Show" mit Jon Stewart sehen.


Einige der großen Jon-Stewart-Momente:

Unvergessen und so schmerzhaft, Stewart nach den Anschlägen von 9/11:


Jon Stewart grillt Tony Blair:


Jon Stewart nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo"


Jon Stewart nach dem rassistischen Anschlag von Charleston:



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