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Das Erste: Heinrich Breloer: Dokudrama über Bertolt Brecht

Nach «Wehner», «Todesspiel» und «Die Manns» widmet sich Heinrich Breloer in seinem neuen Dokudrama Bertolt Brecht. Mit prominenter Besetzung zeichnet er ein vielschichtiges Bild von Deutschlands bedeutendsten Dramatiker.

Brecht

Tom Schilling ist Bertolt Brecht. Foto: Stefan Falke/WDR

«Die Dreigroschenoper», «Mutter Courage» oder «Der gute Mensch von Sezuan»: die Werke des Dramatikers Bertolt Brecht (1898-1956) kennt fast jeder.

Gehören sie doch auf den Lehrplan im Deutschunterricht und erleben auch auf der Bühne eine Renaissance - gerade inszenierte Frank Castorf am Berliner Ensemble «Galileo Galilei».

Wie eng Arbeit und Leben des Dramatikers verknüpft waren - vom Ersten Weltkrieg über die Weimarer Republik bis zur Flucht vor den Nazis und der Rückkehr nach Ostdeutschland - zeigt Heinrich Breloers zweiteiliges Dokudrama «Brecht». Nach der Premiere auf der Berlinale und der Ausstrahlung auf Arte ist es am Mittwoch (27. März, 20.15 Uhr) im Ersten zu sehen.

Schon als junger Mann war Breloer («Todesspiel», «Die Manns») von Brecht fasziniert und drehte 1978 seinen ersten Dokumentarfilm über den jungen Dichter. Seitdem hat er Stimmen und Material gesammelt, Weggefährten und Zeitzeugen interviewt - und mit einem spielfreudigen Ensemble - darunter Tom Schilling, Burghart Klaußner und Adele Neuhauser - zu einem packenden Dokudrama verknüpft.

Wie gut diese Form zu Brecht passt, wird gleich zu Beginn deutlich: «Es ist süß und ehrenvoll, fürs Vaterland zu sterben», heißt der Titel des Schulaufsatzes an der Tafel - lebensgefährlicher Unsinn findet der Schüler Brecht: «Der Abschied vom Leben fällt immer schwer, im Bett wie auf dem Schlachtfeld», entgegnet er dem Lehrer.

«Das haben die meisten von uns gedacht», ergänzt direkt im Anschluss an die Spielszene Brechts ehemaliger Mitschüler Walter Groos - aber keiner hätte es sich zu sagen getraut. Zu seiner «Legende vom toten Soldaten», die auf ein Erlebnis seines Freundes Caspar Neher zurückgeht, folgen historische Bilder des Ersten Weltkrieges und Fakten: zwei Millionen Tote und zwei Millionen Kriegskrüppel.

Anschaulich zeigt Breloer, wie Brechts Gedanken- und Arbeitswelt funktioniert, zeichnet seine Stationen nach: vom ersten Erfolg «Trommeln in der Nacht» an den Münchner Kammerspielen bis zum größten Hit der Weimarer Republik, «Die Dreigroschenoper», mit der Musik von Kurt Weill. Der Machtantritt der Nazis bedeutet das jähe Ende seiner Karriere.

Brecht flieht ins Exil und kehrt nach dem Krieg nach Ost-Berlin zurück, da Westdeutschland den Kommunisten nicht haben will. Mit seinem Berliner Ensemble revolutioniert er das Theater, erregt aber auch den Unmut der sozialistischen Kulturfunktionäre, die sein episches Theater ideologisch kritisierten.

Schilling («Oh Boy», «Werk ohne Autor») im ersten Teil (1916-1933) und Klaußner («Das weiße Band», «Der Staat gegen Fritz Bauer») im zweiten Teil (1947-1956) verstehen es, die Widersprüchlichkeiten im Leben Brechts deutlich zu machen.

«Bert Brecht gab sich gerne betont stark und unverwundbar. Kühl und analytisch im Denken, martialisch und kompromisslos im Auftritt. Doch hinter diesem Schutzpanzer steckte ein sehr ängstlicher Mensch», meint Tom Schilling. Besonders lustig wird es, wenn die echte Paula Banholzer seine Lügengeschichten aufdeckt: «Das stimmt doch nicht. Das ist eine Lüge. Ich habe ihm Schwimmen beigebracht.»

Überhaupt die Frauen: Neben seinem Wirken für das Theater zieht sich Brechts ambivalentes Verhältnis zu Frauen wie ein roter Faden durch das Dokudrama. Angefangen von seiner ersten Geliebten Paula Banholzer (Mala Emde), die er nicht heiraten darf und die das gemeinsame Kind im Allgäu zur Welt bringen muss, über Opernsängerin Marianne Zoff (Friederike Becht), die er heiratet, aber wieder verlässt, bis zu seiner lebenslangen Liebe zu Helene Weigel (Lou Strenger/Adele Neuhauser). Die Schauspielerin und Leiterin seines Berliner Ensembles hält trotz seiner zahlreichen Affären - darunter seine Sekretärin Elisabeth Hauptmann (Leonie Benesch) und seine Mitarbeiterin Ruth Berlau (Trine Dyrholm) - bis zu seinem Tod zu ihm.

Wie sie das ausgehalten hat, fragt sich auch Darstellerin Adele Neuhauser: «Ich beantworte mir das aus der Tatsache, dass sie das Glück hatte, das Theater zu leiten und da auch ihre leidenschaftliche Liebe für das Theater, für Brecht, für seine Ideen ausleben konnte. So konnte sie das durchhalten, den ganzen Wahnsinn. Ich glaube, sie hat ihn einfach wahnsinnig geliebt.»

dpa