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Interview

Dieter Nuhr: "Auf Menschen, die andere Meinungen nicht ertragen, kann ich keine Rücksicht nehmen"

Mit seinen Witzen über Greta Thunberg und die Klimabewegung hat Dieter Nuhr polarisiert. Im stern-Interview spricht der 59-Jährige über die Hysterie im Land – und macht klar, dass er auch künftig keinen Millimeter zurückweichen wird.

Dieter Nuhr

Dieter Nuhr, 59, wünscht sich für das neue Jahr weniger Hysterie.

Herr Nuhr, in den zurückliegenden zwölf Monaten standen Sie vermutlich öfter in den Schlagzeilen, als Ihnen lieb ist. War es rückblickend trotzdem ein gutes Jahr für Sie - oder vielleicht sogar deswegen?
Ob es für mich persönlich gut ist, ist von den Schlagzeilen unabhängig. Natürlich nervt es, dass in der Berichterstattung über mich - von wenigen seriösen Ausnahmen abgesehen - kein Wert mehr gelegt wurde auf journalistische Präzision. Da ging es in erster Linie darum, polarisierende Konflikte zu erzeugen, um möglichst viel Auflage und Klicks zu generieren. Wahrheit und seriöse Gewichtung blieben auf der Strecke. Ansonsten war ich gesund, alles war erfolgreich, ich war in Afrika und Asien. Ich habe eine Museumsausstellung in China. Ein tolles Jahr. 

Sie haben Ende September Witze über Greta Thunberg und die Klimabewegung gemacht – und damit eine riesige Welle von Entrüstung ausgelöst. War Ihnen vorher bewusst, was Sie damit lostreten? 
Nein. Wo die Erregungswelle losgeht, ist weitgehend abhängig vom Umfeld. Wäre am selben Tag ein verheerender Unfall oder ein Anschlag passiert, wäre der Shitstorm ganz woanders losgebrochen. Das ist völlig unvorhersehbar. 

Dieter Nuhr soll Greta Thunberg mit Hitler und Stalin verglichen haben

In der darauffolgenden Sendung haben Sie den "Shitstorm" gegen Ihre Person gleich mehrfach thematisiert. Als Zuschauer hatte man den Eindruck, Sie genießen es, auf einmal der "bad boy" zu sein. War das so? 
Nein, kein Stück. Ich glaube auch nicht, dass viele Zuschauer das so wahrgenommen haben, diesen Eindruck dürften Sie fast für sich allein haben. Da es heute eine ganz normale Strategie ist, Andersdenkende durch Überwältigung mundtot zu machen, muss man sich wehren, wenn massenhaft Leute über einen herfallen. Das macht mir keine Freude, sondern ist einfach notwendig. 

Sie sind Gründungsmitglied der Grünen. Doch plötzlich wurden Sie von einigen Zuschauern in die rechte Ecke gestellt und in die Nähe der AfD gerückt. Hat Sie das verletzt? 
Ja, sicher. Vor allem weil es völlig irrsinnig ist. Diese Leute können unmöglich nur einen Funken Kenntnis davon haben, was ich tue. Ich betone in jeder Sendung, wie dumm völkisches Denken ist und so weiter. Wer mich in die Nähe der AfD bringt, will nicht argumentieren, sondern mich beleidigend etikettieren, mit dem Ziel, mich zum Schweigen zu bringen, weil ich Unbequemes formuliere. Das ist ja beliebt heute. Wenn es argumentativ nicht mehr hinhaut, belegt man den Andersdenkenden einfach mit einer diskreditierenden Metapher, "rechts" oder "links-grün versifft", wie es gerade passt.

Was sagt diese Aufgeregtheit im Umgang mit anderen Sichtweisen über den Zustand unserer Gesellschaft aus? 
Wir leben in einer Gesellschaft, die sich immer mehr radikalisiert und polarisiert. Wenn Menschen ihre Positionen zur reinen Wahrheit erklären, Begriffe wie "nicht verhandelbar" verwenden und die Demokratie infrage stellen, wie es zum Beispiel bei Klimaaktivisten indessen häufiger zu hören ist, dann macht sich Fundamentalismus breit. Ich kenne viele, die indessen, angesichts des hysterischen Zustandes unserer Gesellschaft, darüber nachdenken, wegzugehen. Leider vor allem die intellektuell besser Aufgestellten… 

Dieter Nuhr gestikuliert

Hat sich die Aufregung um Ihren Humor ausschließlich im Netz ausgetobt, oder sind Sie oder Ihre Familie damit im Privatleben konfrontiert worden? 
Im normalen Leben bin ich noch nie so freundlich behandelt worden wie im Moment. Ich erlebe einen enormen Zuspruch. Die Netzhysterie löst im realen Leben eher Fassungslosigkeit aus. 

Gab es Momente, in denen Sie sich bedroht gefühlt haben?
Nein. Oder wenn, dann eher in abstrakter Form, in dem Sinne, dass ich glaube, die Gesellschaft ist krank, und das ist ja auch eine Bedrohung. 

Welche Sprüche aus der Vergangenheit würden Sie heute nicht mehr bringen?
Keinen. Wenn mir jemand erklären kann, dass ich etwas Falsches gesagt habe, ändere ich sofort meinen Text, kein Problem. Aber das hat bisher niemand getan. Auf Menschen, die andere Meinungen nicht mehr ertragen, weil sie in ihrer Blase damit in der Regel nicht mehr konfrontiert werden, kann ich keine Rücksicht nehmen. Die Gretapointe fand ich im Nachhinein sogar besonders gelungen. Deswegen hat sie die Hysterie ja ausgelöst, weil sie den wunden Punkt getroffen und den zentralen Konflikt auf den Punkt gebracht hat. 

Mit Ihren Witzen über Greta Thunberg haben Sie einen Nerv getroffen. Es wirkt mittlerweile aber so, als müssten Sie nun die Nachfrage mit immer krasseren Sprüchen bedienen. Von "Heizen kann es ja wohl nicht sein" über ihre Aussage, die Forderungen der Klimabewegung könnten in einen Dritten Weltkrieg münden. In Kiel stellten sie dann die Forderungen der Klima-Aktivisten in die Nähe der verheerenden Folgen, die die Diktaturen von Hitler und Stalin verursacht haben. Gehen Sie da nicht zu weit?
Ich bediene keine Nachfrage. Und ehrlich gesagt verstehe ich auch ihre Frage nicht. Wie kann man Forderungen in die Nähe von Folgen stellen? In Ihrer Frage wird das, was ich gesagt habe, völlig verschwurbelt. Egal... ich gehe jedenfalls keinesfalls zu weit. Ich spreche das an, was in der Klimadiskussion momentan viel zu kurz kommt. Alle reden - völlig zu Recht - über die Folgen des Klimawandels. Aber niemand redet über die Folgen radikaler Verhinderungsstrategien. Bei uns werden in erster Linie Verbote und Verzicht als Lösung präsentiert. Eine solche Politik fordert: keine Flüge, keine großen Frachtschiffe mehr. Das würde bedeuten: Die Weltwirtschaft bricht zusammen. Rückbau der Globalisierung. Die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen den großen Wirtschaftsregionen lösen sich auf. Das hätte verheerende Folgen. Dann würden Milliarden Menschen, die in den letzten Jahrzehnten der Armut entkommen sind, wieder in Armut zurückfallen. Die werden sich das nicht widerstandslos gefallen lassen. Da droht nicht nur Hunger. Umwälzungen dieser Qualität bringen selbstverständlich auch die Gefahr von Krieg mit sich. Wer das für Übertreibung hält, der hat einen sehr engen Horizont. Wir werden nicht ohne technologische Revolutionen auskommen, Wasserstoff, grüne Gentechnik etc.. So wie sich gerade eine alte Industriestadt wie Aberdeen neu erfindet, das ist zukunftsweisend. Die Freude am revolutionären Umsturz, die sich bei uns gerade breitmacht, führt in die Katastrophe.

Sie haben in einem Facebook-Posting einen Artikel von uns angegriffen, in dem wir empfehlen, die Empörung über ihre Greta-Witze herunterzuschrauben und diese lieber zu ignorieren. Was hat Sie daran geärgert?
Sie haben mir in diesem Artikel, wenn ich mich recht erinnere, unterstellt, man würde mir im Grunde in die Karten spielen mit der ganzen Erregung, und ich würde mich über den ganzen Dreck, der über mir ausgekübelt wurde, auch noch freuen, weil es dem Geschäft nützt, eine recht einfältige Unterstellung ohne jede Grundlage. Unbegründete Mutmaßungen als Wahrheit zu verkaufen, ist schlechter Journalismus.

Wenn Sie einen Wunsch für 2020 frei hätten - welcher wäre das?
Weniger Hysterie. Den Wunsch können wir aber unter "vergeblich" ablegen. 
 

Dieter Nuhr ist noch bis zum 16. Dezember auf seiner "Kein Scherz!"-Tour zu sehen (hier die Termine). Am 19. Dezember zeigt die ARD um 22.45 Uhr "Nuhr 2019 - Der Jahresrückblick".