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Eine flog über das Kakerlakennest

Ehrgeiz ade! Der Platz auf dem Thron ist längst nicht mehr das Ziel der Dschungelcamper. Niemand bewies das heute so eindrücklich wie Mola und Tanja.

Von Jens Wiesner

"Die Macht ist stark in dir, mein Kind": Larissa testet ihre neu gewonnene Vater-Tochter-Dynamik mit Winfried und lernt, wie das Petroleum in die Lampe kommt.

"Die Macht ist stark in dir, mein Kind": Larissa testet ihre neu gewonnene Vater-Tochter-Dynamik mit Winfried und lernt, wie das Petroleum in die Lampe kommt.

Monarchien sind auch nicht mehr das, was sie mal waren. Früher, da wurden noch blutige Kriege um jeden Fliegenschiss auf der Landkarte ausgetragen. Da ersann Großwesir Isnogud täglich neue Pläne, um Kalif anstelle des Kalifen zu werden. Vom Gemetzel um den Eisernen Thron von Westeros ganz zu schweigen.

Doch was würde geschehen, wenn König Joey I., amtierender Dschungelbabo von Zietlows Gnaden, morgen zur dunklen Seite überlaufen würde? All das Gerede von Volksbeteiligung und Wahlen in den Wind schießt und sich zum Imperator der Feuchtgebiete ausrufen lässt? Wahrscheinlich - nichts. Denn Joeys Erben sind schwach. Und kein anderer Tag im Dschungel bewies dies so eindrucksvoll wie Nummer 10. Zwar blitzte bei Meli, Gabby, Marco und Larissa durchaus der Wille durch, den Thron besteigen zu wollen. Doch sie alle spielen noch immer auf Sicherheit, statt auf Sieg. "Dabeisein ist alles" statt "Let's getty to Rambo". Ringelpietz mit Anfassen statt erbittertem Machtkampf. Andi Müller statt Tonya Harding.

Die Resterampe der Neunziger

Zugegeben - dass nach seinem Rauswurf mit einer Eisenstange auf seine Kontrahenten einschlägt, muss nicht sein. Aber Jubel, Trubel, Heiterkeit? Angesichts solchen Freudentaumels hing selbst Zuchtmeisterin Zietlow die Kinnlade auf halb acht. Dabei reihte sich Mola Meckerziege nahtlos ein in die Riege der glücklich Geschassten. Vom vorzeitigen Konzertabbruch des Gassenhauer-Grenouilles ganz zu schweigen. Ganz dumm ist die Exit-Strategie allerdings nicht: Der Nimbus des Dschungelcamps wird nach einigen Wochen verblassen, die Scheinchen in der Tasche bleiben.

Nur Frau Schumann will der kontrollierte Rauswurf aus der Völkerschau der C-Promis einfach nicht gelingen. Blass wie Dracula beim Brechdurchfall war das Camp-Chamäleon gestartet und in den darauffolgenden Tagen nahtlos mit der Umgebung verschmolzen. Dort, fernab von den Augen des Zuschauers, hatte sich Eyebrow-Tanja einen erbitterten Kampf mit Erzrivalin Corinna geliefert: Welche der beiden Frauen würde mit der geringsten Screentime ever, ever, ever, dem Dschungel entfleuchen? Der Punkt ging an die Drews, auch, weil die es geschafft hatte, Harry Potters Unsichtbarkeitsumhang in den Dschungel zu schmuggeln. Die Schumann nahm's mit Fassung, ja ließ sich sogar noch zu einem gequält freudigen Ausruf hinreißen, als der Stoeckel an ihrer Statt zurück in die Zivilisation geschickt wurde.

Larissa geht ein Licht auf

Doch irgendwann bröckelt jede Fassade. Von Larissa zur Massage gezwungen, vom Männe mit Herzchen-Briefen bedacht. Der Wahnsinn brodelte an der Oberfläche und brach sich schließlich in seiner traurigsten Gestalt Bahn. Die Stimmen kamen zurück: Schwester Fresenia, Schreinemakers ihre Schwester, Tanja Schumann 90er Edition. Doch in Kentucky schreit schon lange niemand mehr nach Geschlechtsverkehr. Tanja, bitte schreib' es dir für die Zukunft hinter die Ohren: Der einzige Komiker, der seine Nummern 30 Jahre lang recyceln darf, heißt Otto. Und jetzt alle: Faber Krönung, Deinhard Lila, Grappa, Calvados, Tequila, Uralt, Spätburgunder, Wermut und Pernod...

Apropos Wahnsinn und Asbach Uralt. Der Glatzenpeter weiß mittlerweile auch nicht mehr so genau, welche Rolle er eigentlich spielt: Ist er nun der Grummel Griesgram des Dschungelcamps oder doch eher Schleichmichel? Larissa gegenüber mausert er sich jedenfalls zum Erklärbär und zeigte der Österreicherin, wie das Licht in die Petroleumlampe kommt. Falls "Löwenzahn" mal wieder einen neuen Moderator braucht - Sie sind dabeiiii! Doch nicht nur Larissa, auch wir Zuschauer sollten dankbar sein - dafür, dass Kommissar Knautschnase allzu kitschige Momente, schlecht gespielte Gefühlsausbrüche und Krokodilstränen immer wieder durch Verachtung straft. "Es ist soviel Herzlichkeit in der Luft, das Herz zerbricht mir", entfuhr es dem alten Grantler beim Vorlesen der Außenweltspost. Waldorf und Stadler hätten es nicht schöner formulieren können.

Lästern war gestern

Dass es aber ausgerechnet der Glatzenpeter war, der die lieb gewonnene Tradition der Schönheits-OP-Geständnisse bereichern sollte, überraschte dann doch. Hatte sich der Camp-Senior doch tatsächlich unter Meckies Messer gelegt - und das gleich mehrfach! Erst mussten die Fettpolster der Tränensäcke dran glauben, dann waren die Schlupflider an der Reihe. Ironie der Geschichte: Während Winfried sich über die Reduktion von Pölsterchen freut, bekam Meli welche hinzu. Die Originalausstattung war ihr nicht nur zu klein vorgekommen, sondern hatte auch geschielt wie Clarence, der Löwe. Bleibt die Frage, ob die Müllerin ihre Brust-OP auch von der Steuer absetzen konnte? Arbeitsmittel und so ...

Und sonst alles ruhig an der Dschungelfront? Leider ja. Selbst die gegenseitigen Nominierungen zur Prüfung, normalerweise Garant für fiese Spitzen, Rachegelüste und Lästereien, verkamen zu einem Lehrstück in Teamgeist. Bübchen Marco wollte unbedingt - und die Kollegen taten ihm den Gefallen. Der Weg zu den Sternen führte den Dschungel-Wastl durch drei enge Kammern (eine mit Wasser gefüllt), vorbei an Spinnen, Kakerlaken, Krebsen und einer riesigen Olivpython ("In Österreich gibt's nur gescheite Viecher, nicht son Dreck!"). Am Ende baumelten fünf von acht Sternen im Sack - eine veritable Leistung angesichts der nicht unsportlichen Herausforderung. Trotzdem plagten den Medizinmann mit der Mütze nach verrichteter Arbeit die Auszugsgedanken. Keine Energie mehr, keine Saft, keine Kraft, gestand er Larissa. Und die giftete zurück: "Ja, habt ihr denn alle keinen Kampfgeist mehr?"

Offenbar nicht.

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