HOME

Stern Logo Dschungelcamp

Giulia Siegel: Die Bussibussi-Tussi

Mit Spinnen und Ratten wurde sie im RTL-Dschungel gut fertig. Was Giulia Siegel sonst so macht? Nun ja. Ihr Leben ist eine Mischung aus "Kir Royal" und "Königlich Bayerischem Amtsgericht".

Von Oliver Fuchs und Alexander Kühn

Vor zwei Wochen hatte Giulia Siegel endlich mal das Gefühl, etwas geleistet zu haben. Kakerlaken drangen in ihren Schlüpfer ein, Spinnen marschierten über ihr Gesicht, Ratten, Kröten und grüne Ameisen fielen über sie her, Schlangen umklammerten ihre Beine, und nachdem sie all das tapfer über sich hatte ergehen lassen, riss sie die Fäuste zum Himmel und brüllte in den australischen Urwald: "Ich bin scheißstolz auf mich!"

Von der ersten Staffel an hatte RTL versucht, sie als Insassin fürs Dschungelcamp zu gewinnen. Womöglich dachte sie bisher immer, nö, lass mal, ist unter meiner Würde. Jetzt aber, bei der vierten Staffel, sieht sie das mit der Würde offenbar nicht mehr so eng. Außerdem: Kein Handy, kein Fernseher, zwei Wochen an der frischen Luft - das hat noch keinem geschadet. Vor allem aber könne sie in der Wildnis, das gab Giulia Siegel, 34, vor der Abreise rasch noch zu Protokoll, "mal zeigen, wie ich wirklich bin: ein ganz liebenswerter Mensch".

Nicht wenigen Zuschauern musste freilich erst mal erklärt werden, wer sie überhaupt ist. Genau genommen hatte bisher von ihrer Existenz nur Kenntnis genommen, wer aufmerksam die Unfall- und Polizeimeldungen der Boulevardpresse verfolgte, vornehmlich aus dem Großraum München: "Giulia Siegel nach Kollaps in Klinik", "Polizei ermittelt gegen Giulia Siegel wegen Fahrerflucht", "Schlimmer Unfall auf der Autobahn", "Hat Giulia Siegel Kleider nicht bezahlt?", "Führerschein für vier Wochen weg", "Giulia Siegel beschimpft Miss Tirol ... als Nutte und Schlampe". Die fettesten Schlagzeilen hagelte es, als ihre Ehe mit dem Unternehmensberater Hans Wehrmann unter lautem Getöse in die Brüche ging: Sie sagt, er habe sie geschlagen; er sagt, nein, genau andersrum.

Gerüchte um ihre Männer

Überhaupt, Giulia und die Männer. Mit Tommy Haas hatte sie definitiv was. Auch andere Namen werden in München genannt, weiß natürlich keiner so genau, München ist ja eine Quatschbude. Siegel dementierte stets, und zwar so oft und so nachdrücklich, dass die Gerüchte keine Chance hatten, in Vergessenheit zu geraten.

Ein bisschen Fernsehen hat Giulia Siegel auch gemacht, "Schwupps" hieß eine Sendung auf tm3, die, schwupps, wieder abgesetzt wurde, dann waren da noch "Insider"auf RTL 2 und die "McDonald's Chart Show" auf Pro Sieben. Ein bisschen gemodelt hat sie und mit Vanillejoghurt-Spots und Strumpfhosenreklame ganz gut Geld verdient. Ein bissel was geht immer. Heute ist sie im Hauptberuf ein bisschen DJ, was man sich so vorstellen muss, dass sie in einem türkischen Robinson-Club oder im Europa-Park Rust auflegt, Fachrichtung: Elektro-House. Schwierige Übergänge, erzählt man sich in München, hat sie sich bisweilen schon mal von Kollegen mixen lassen, aber das ist wahrscheinlich auch so eine typisch münchnerische Übertreibung. Was man mit Sicherheit sagen kann, ist, dass sie vieles angefangen, aber kaum etwas zu Ende gebracht hat.

Ist Giulia Siegel eine fiese Zicke?

Abgesehen vielleicht von der Fensterlaktion, die seinerzeit Siegels Karriere als Bussibussi-Tussi enorm in Schwung brachte. Da kletterte sie nonchalant über die Dachrinne in die Wohnung ihres Ex- Freunds - worauf dieser Anzeige erstattete und sie in U-Haft landete. Dabei sollte doch alles eine sexy Überraschung sein, sie splitternackt im Bett, kleine Erfrischung, wenn er müde nach Hause kommt. Ein bisschen "Kir Royal", ein bisschen "Königlich Bayerisches Amtsgericht", in München liebt man solche Geschichten.

Immer dabei

Leute wie Giulia Siegel nennt man in München Adabeis, weil sie immer dabei sind, wenn ein roter Teppich ausgerollt wird oder jemand eine Boutique eröffnet, ein Restaurant oder auch nur ein kaltes Büfett, Hauptsache, es sind genügend Fotografen da. In München ist man schnell jemand, es bedarf keiner besonderen Vorkenntnisse oder Fertigkeiten. Und wenn man dann noch aus der berühmten Siegel- Sippe stammt, ist man schon qua Geburt Schickeria.

Ralph Maria Siegel, der Opa, komponierte die "Capri-Fischer" und "Ich hab noch einen Koffer in Berlin". Ralph Siegel, der Vater, schrieb ganze Plattenschränke voller Hits, darunter Unverwüstliches wie "Fiesta Mexicana" und "Ein bisschen Frieden", bis heute einziger deutscher Siegertitel beim Grand Prix. Es gab eine Zeit, da glaubte Giulia Siegel daran, aus eigener Kraft etwas werden zu können, auch außerhalb Münchens, vielleicht sogar jemand, den man ernst nimmt. So wie sie mit zwölf plötzlich nicht mehr Julia heißen will, sondern Giulia, nennt sie sich später für kurze Zeit Legeis, Siegel rückwärts. Sehnsucht nach Entsiegelung. Halbherzige Emanzipationsversuche.

Ihre Kindheit, das war eine fünfgeschossige Villa in Grünwald mit Butler und Aupair-Mädchen und Koch und Gärtnerin, überall hingen Papas goldene Schallplatten, Papa fuhr Rolls-Royce, zu den Kindergeburtstagen kamen Nicole und Dschinghis Khan, Skifahren lernte sie bei Toni Sailer. Heute lebt Giulia Siegel im eher tristen Stadtteil Neuhadern, umgeben von sozialem Wohnungsbau, sie hat es sich so feudal wie möglich gemacht, im Wohnzimmer ein Flügel, das Schlafzimmer ein kleiner Spiegelsaal, alles in allem eine Ikea-Version des väterlichen Palasts.

Ordnung im Kleiderschrank

Schließlich sollen es ihre drei Kinder schick haben, die Zwillinge Mia und Nathan, 6, aus der zerdepperten Ehe mit Hans Wehrmann, und Marlon, 13, über dessen Vater sie stets sehr öffentlichkeitswirksam geschwiegen hat. Einen neuen Mann soll es dem Vernehmen nach geben, aber auch den hält sie geheim. Wenn es irgendwo Ordnung gibt im Leben von Giulia Siegel, dann in den Schubladen ihres Kleiderschranks, die hat sie akribisch beschriftet, "Rollkragen ohne Arm", "Rollkragen kurz", "Ripp-Shirt Rosa-Pink", "Ripp-Shirt blau".

Muss ja alles griffbereit sein, wenn sie losrauscht in die Münchner Nacht. Party im P1, im Pacha, Party überall dort, wo die Menschen sind, die man gern Freunde nennt. Boris Becker, Heiner Lauterbach, die Klitschkos, die Effenbergs. Der Wadendoktor vom FC Bayern, der Star-Gynäkologe, der Star-Figaro. Alles Leute, die was sind oder mal was waren. Und sie in ihrer Mitte, Königin des Partydschungels. "Alle kennen sie, mit einigen wenigen ist sie enger befreundet, zur Feindin will sie niemand haben", sagt Wolfgang Lippert, der Friseur ihres Vertrauens. Andere drücken es so aus: Bei Bedarf kann sie eine ganz schöne Zicke sein.

Bei ihrem Friseurfreund Lippert war sie zuletzt am Tag vor der Abreise nach Australien. Er hat ihre Haare noch ein bisschen blonder gemacht und mit Spezialglanz imprägniert.

Kaum einer plagt sich wie Giulia

Selten hat ein Kandidat so hart daran gearbeitet, im Dschungel groß rauszukommen, wie Giulia Siegel. Kaum einer in der laufenden Staffel plagt sich so wie sie, keiner der Mitgefangenen muss sich so viel beweisen. Ingrid van Bergen war mal eine der aufregendsten Frauen im deutschen Kino. Norbert Schramm war mal unser grazilster Mann auf dem Eis. Von Nico Schwanz oder Mausi Lugner erwartet eh niemand was.

Giulia Siegel aber glaubt, dass ihre Zeit noch kommt. Dass sie doch noch aus dem Schatten ihres Vaters und Großvaters treten wird. Sie weiß nur noch nicht, wie. Und womit. Immerhin weiß sie jetzt, wie sie die Attacken von Kröten, Spinnen und Kakerlaken übersteht. In jenen Minuten der ärgsten Pein hielt sie die Augen geschlossen und summte "Ein bisschen Frieden". Ein bissel was geht immer. Aber ganz ohne Papa geht es dann doch nicht.

print