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ESC-Kandidatencheck "Unser Song für Dänemark" Wer soll für Deutschland zum Grand Prix?


Der düstere Graf, die süße Madeline Juno oder doch die Seebären von Santiano? Alle acht Kandidaten des ESC-Vorentscheids im stern.de-Check. Für wen Sie anrufen müssen und für wen nicht.
Von Jens Maier

Santiano: Seemannsklischee voraus

Mit einer Mischung aus Shanti-Klängen, Irish-Folk und Schlager will die Band Santiano beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen antreten. In Deutschland erzielten die fünf Brummbären aus Flensburg mit ihren Seemansliedern 2012 einen Überraschungserfolg, landeten mit dem Debütalbum "Bis ans Ende der Welt" auf Anhieb auf Platz eins in den Charts.

Die beiden Songs "Niemals untergehen" und "The Fiddler On The Deck", die sie beim Vorentscheid in Köln präsentieren wollen, folgen dem bekannten Erfolgsmuster: fröhliche Schunkelmusik zum Mitklatschen, die sofort ins Ohr geht. Oder anders ausgedrückt: Kennste einen, kennste alle.

Die Kieler Ostseehalle mag bei den Seemannsliedern Kopf stehen, aber reichen die seichten Rhythmen auch aus, um beim ESC zu reüssieren? Vermutlich Ja. Pirates Of The Sea aus Lettland erreichten mit einem ganz ähnlichen Song 2008 immerhin Platz 12. Doch während die Letten sich mit ihrem Beitrag selbst auf die Schippe nahmen, meinen Santiano es leider bitterernst. Sollen Matrosen, die wie fidele Iren klingen, für Deutschland antreten? Die Landratten mögen es verhindern.

Originalität:

volle Segel - Volksmusik auf hoher See

Songqualität:

seichte Klischeeklänge zum Schunkeln

Chancen in Kopenhagen:

wird nicht untergehen

stern.de-Wertung:

Lieber im Tretboot in Seenot als mit Santiano zum Grand Prix - nicht anrufen

The Baseballs: Elvis lebt

Der Name des Songs ist Programm: "Mo Hotta Mo Betta" - je heißer, desto besser. Und die drei Jungs mit der Elvis-Tolle sind sicherlich das heißeste, was Köln an diesem Abend zu bieten hat. Sam, Digger und Basti von der Band The Baseballs sehen nicht nur gut aus, sondern wissen, wie sie eine Halle zum Toben bringen. Ihre Live-Performance ist grandios. Mit guter Stimme, Tanzbein und viel Spaß an Rock'n'Roll gehen die drei ans Werk.

Während The Baseballs bislang eher mit Coverversionen unterwegs waren, stellen sie mit

"Mo Hotta Mo Betta"

und

"Goodbye Peggy Sue"

eigene Kompositionen vor. Die gehen zwar sofort ins Ohr, schrecken aber Zuhörer mit einer Abneigung gegen Rock ab. Denn statt ihre Songs mit Stilelementen zu mixen, kopieren sie den Klang der wilden Fünfziger. Zwar durchaus modern, aber trotzdem wirkt alles wie schon mal gehört. Schade, ihr Elvisse.

Originalität:

Tolle hoch

Songqualität:

geht ins Ohr, klingt aber bekannt

Chancen in Kopenhagen:

nicht Ostblock-tauglich

stern.de-Wertung:

kann, muss aber nicht

Madeline Juno: Die neue Lena?

Alles wird von ihrem Bühnenauftritt am Donnerstagabend abhängen: Wie authentisch verkörpert sie das kleine Mädchen? Wie einfühlsam bringt sie ihren Song rüber? Oder anders gefragt: Versetzt Madeleine Juno die Zuschauer in ihren Bann?

Keine Frage, ihre beiden Songs

"Error"

und "Like Lovers Do" sind musikalisch mit das Beste, was der deutsche Vorentscheid zu bieten hat. Besonders die Ballade "Error" mit den Streichern am Anfang und den Vocals im Hintergrund ist als Grand-Prix-Hymne geradezu prädestiniert: Einfühlsam und bombastisch zugleich, wirkt sie wie aus einem Kino-Epos und könnte Europas Zuhörer verzaubern - wenn sie sich darauf einlassen.

Denn die 18-Jährige wird zwar gerne mit Lena verglichen, laute Töne liegen ihr aber überhaupt nicht. Die gebürtige Schwarzwälderin punktet lieber mit ihrer guten Stimme. "Error" für Deutschland zum Grand Prix? Absolut kein Fehler!

Originalität:

Ballade halt, aber eine gute

Songqualität:

Fühle, Fühle, Fühle!

Chancen in Kopenhagen:

Die Jurys werden's richten

stern.de-Wertung:

die Süßeste des Abends - anrufen

Das gezeichnete Ich: Münchner Freiheit aus Berlin

Er klingt wie die Kopie von Stefan Zauner von der Band Münchner Freiheit: Henry Funke von Das gezeichnte Ich. So tiefgründig wie der Bandname sollen auch seine auf Deutsch vorgetragenen Songs sein. Dabei vergessen sie leider, im Ohr zu bleiben.

"Weil Du Da bist"

und

"Echo"

sind so austauschbar wie die Musik im Hotelfahrstuhl. Sie dudeln durchaus nett vor sich hin und stören nicht weiter, Hitqualitäten besitzt aber keine der beiden Titel. Vielmehr hinterlassen sie den unmittelbarem Eindruck gähnender Langeweile und den unaufhörlichen Drang nach Koffein oder wenigstens ein bisschen Pyrotechnik auf der Bühne.

Originalität:

Gähn.

Songqualität:

Es plätschert der Klangteppich.

Chancen in Kopenhagen:

Das Ticket muss er schon selbst zahlen.

stern.de-Wertung:

War da was? Und wo ist bloß das Telefon? Egal.

Oceana: Soul ohne "Oh, ohh, ohh, ohohoho"

Mit "Endless Sommer" und dem Refrain "Oh, ohh, ohh, ohohoho" lieferte sie 2012 den Sommer- und Fußballhit des Jahres: Mit einem Schlag war Oceana nicht nur in Deutschland, sondern europweit bekannt.

Mit ihrer kräftigen Stimme will die gebürtig aus Wedel bei Hamburg stammende Sängerin jetzt auch beim ESC antreten. Ausgesucht hat sie sich dafür mit

"Thank You"

und

"All Night"

zwei ordentliche Soultitel, die aber beide ein Problem haben: Es fehlt der Höhepunkt, der Mitreiß-Effekt, den jeder Grand-Prix-Song haben sollte, weil er auf Anhieb gefallen muss.

So viele Windmaschinen, Trickkleider und Pyrospielchen kann Oceana gar nicht auftreiben, damit die Lieder im Gedächtnis bleiben. Leider kein zweites "Oh, ohh, ohh, ohohoho".

Originalität:

Dreh die Windmaschine auf.

Songqualität:

solider Soul, leider ohne Funk

Chancen in Kopenhagen:

nur was für Liebhaber

stern.de-Wertung:

Tut nicht weh, wird aber kein Hit. Leider keinen Anruf wert.

MarieMarie: Synthiklänge an der Harfe

Harfe? Oh Gott! Das riesige Instrument auf der Bühne lässt nicht erahnen, dass die Zuschauer gleich den modernsten Act des Abends zu hören bekommen. MarieMarie klingt so experimentell wie ihre roter Lockenkopf aussieht.

"Cotton Candy Hurricane"

und "Candy Jar" sind Synthipop-Melodien mit einem Hauch Folk, die entfernt an "I feed you my love" von der Norwegerin Margaret Berger erinnern, die 2013 in Malmö Vierte wurde. Leider jedoch ohne den Bombast-Sound und den monumentalen Touch.

Wie so viele Lieder in diesem Vorentscheid plätschern sie eher dahin, als dass sie mitreißen. Da nützt auch die Alexander-Rybak-Geige vor der zweiten Strophe nichts.

Originalität:

Die Frisur macht's.

Songqualität:

Synthipop mit angezogener Handbremse

Chancen in Kopenhagen:

Skandinavier werden's lieben, der Rest nicht.

stern.de-Wertung:

Zu seicht, um gut zu sein.

Unheilig: Graf Mutig

Er hat seine Fans um Erlaubnis gefragt: Der Graf von Unheilig ließ im Internet darüber abstimmen, ob er am deutschen Vorentscheid teilnehmen soll. Mit überwältigender Mehrheit (34.000 Ja- zu 2000 Nein-Stimmen) haben seine Anhänger dafür votiert - und damit den Druck erhöht. Alles andere als ein Ticket für Kopenhagen wäre für den Grafen eine Niederlage.

Antreten wird er mit dem typischen Unheilig-Sound.

"Als wär's das erste Mal"

und

"Wir sind alle wie eins"

bieten soliden Deutsch-Pop mit einem Hauch Gothic und der tiefen Stimme des Grafen. Doch obwohl mit ihm der erfolgreichste deutsche Künstler in Kopenhagen antreten würde, gibt es nicht wenige ESC-Fans, die seiner Teilnahme mit Schaudern entgegensehen. Ihre Kritik lässt sich mit zwei Worten zusammenfassen: zu deutsch!

Ob ein Graf das europäische Publikum überzeugen kann, scheint durchaus fraglich. Aber das vermochte der Auftritt der international erfolgreichen Band Cascada ja auch nicht. Insofern: nur Mut!

Originalität:

Einen Grafen schickt sonst keiner.

Songqualität:

modern, mutig, deutsch

Chancen in Kopenhagen:

Wenigstens haben wir's mal probiert.

stern.de-Wertung:

Gut, aber vielleicht nicht gut genug? Fans rufen trotzdem an.

Elaiza: Die Außenseiter

Nicht nur bei Santiano darf geschunkelt werden, sondern auch bei der Girl-Group Elaiza. Die Wildcard-Gewinner hoben sich beim Club-Konzert mit ihrem Akkorden wohltuend vom Kulturradio-Einheitsbrei der Mitstreiter ab und sicherten sich damit das Ticket für Köln. Doch reicht es für mehr?

Mit

"Is It Right"

und "Fight Against Myself" singt die in der Ukraine geborene Frontfrau Ela Steinmetz zwei Songs, die wir für den ESC gemacht scheinen. Folk-Elemente, begleitet von Tuba und Akkordeon - das gibt vor allem aus dem Osten Punkte.

Ob sich die drei Mädels mit dem konventionellen Sound gegen Platzhirsche wie Unheilig und Santiano durchsetzen werden, scheint jedoch fraglich. Ohwurm-Qualitäten hat der Sound auf jeden Fall.

Originalität:

drei Mädels und ein Akkordeon

Songqualität:

Ohrwurm

Chancen in Kopenhagen:

12 Punkte aus dem Osten

stern.de-Wertung:

Geht ins Ohr, aber nicht mehr. Erst nochmal überlegen, bevor Sie zum Hörer greifen.

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