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ESC-Vorentscheid "Unser Song für Dänemark": Die Wahl zwischen Graf und Cholera

Die Sache scheint für den Grafen schon so gut wie geritzt. Zu blass ist seine Konkurrenz beim Vorentscheid zum ESC, um ihm gefährlich werden zu können. Wäre da nicht ein 19-jähriges Schwarzwaldmädel.

Von Jens Maier, Köln

Wie schwer sich die ARD mit dem Eurovision Song Contest tut, zeigt ein Blick in die Kölnarena. Wo vor zwei Wochen zur Karnevalszeit noch 18.000 Menschen zu den Bläck Fööss und den Höhnern schunkelten, sind sehr viele Sitze abgebaut worden. Gerade einmal 6.500 Menschen werden am Abend in der Halle sein, wenn Barbara Schöneberger hier die Zuschauer zum deutschen Eurovisions-Vorentscheid "Unser Song für Dänemark" begrüßt. Zwei Drittel weniger als das Fassungsvermögen hergibt.

Dabei hat sich der Sender nach dem schlechten Abschneiden von Cascada im vergangenen Jahr in Malmö (Platz 21) alle Mühe gegeben. Das Line-up der auftretenden Künstler ist bemerkenswert. Neben One-Hit-Wonder Oceana, den Chartstürmern Santiano und den Elvissen von The Baseballs ist der derzeit erfolgreichste männliche Künstler Deutschlands am Start: der Graf von Unheilig. Eigentlich fehlt nur noch Helene Fischer, um das Who-is-Who der deutschen Musikszene perfekt zu machen. Und trotzdem will der Vorentscheid nicht so recht zünden.

Bekannte Künstler, aber schlechte Songauswahl

Woran liegt's? An der Moderatorin schon mal nicht. Schon bei den Proben macht es Spaß, Schöneberger zuzusehen. Ein spontanes Witzchen hier, ein böser Spruch da. Wenn das heute Abend eine lustige Show in Köln werden wird, dann ist das vor allem ihr zu verdanken. Passable Interpreten, grandiose Moderatorin - bleiben die Songs. Und die sind leider das Hauptproblem.

Denn was nützt es, wenn Oceana mit ihrer fantastischen Soul-Röhre zwei Lieder zur Auswahl stellt, die das Publikum schon nach wenigen Takten in den Tiefschlaf versetzt? Leider kann kaum einer der Songs das Publikum mitreißen. Langweilig und beliebig klingen die meisten, so als würde die B-Seite einer Langspielplatte zur Aufführung kommen. Die Schuld daran tragen vor allem die Plattenfirmen. Denn anders als noch unter Stefan Raabs Ägide, der 2012 für seinen Schützling Roman Lob den international erfolgreichen britischen Künstler Jamie Cullum als Songschreiber verpflichtete ("Standing Still"), scheint man sich in den Chefetagen der Musikindustrie wenig Gedanken um die Auswahl des Titels zu machen.

Idealerweise würde jedes Label einen Künstler als Kandidat für den ESC-Vorentscheid ins Rennen schicken, mit dem dann intensiv nach dem passenden Song gesucht würde - auch unter internationalen Komponisten. Stattdessen scheint es, als würde genommen werden, was gerade im Portfolio vorhanden ist. Was dabei herauskommt, hören wir am Donnerstagabend.

Nur eine kann dem Graf gefährlich werden

So erscheint der Graf mit Unheilig und seinen beiden Titeln "Als wär's das erste Mal" und "Wir sind alle wie eins" die einzig sinnvolle Wahl als deutscher Beitrag für Kopenhagen zu sein. Modern, mutig, deutsch. Vielleicht zu Deutsch, um beim ESC reüssieren zu können. Spanier oder Rumänen werden den Refrain jedenfalls schwerlich mitgrölen können. Aber mit dem Mainstream-Eurodance-Kracher von Cascada im vergangenen Jahr waren wir schließlich auch nicht erfolgreich.

Nur eine könnte dem Grafen am Ende noch gefährlich werden: die 19-jährige Madeline Juno. Mit "Like Lovers do" und "Error" stellt sie zwei wunderschöne Balladen vor. Viel wird von ihrer Bühnenpräsenz abhängen und ob sie es vermag, das betagte ARD-Publikum zum Anrufen zu bewegen. Denn anders als beim ESC wird es diesmal keine Jury geben, die Zuschauer entscheiden allein. Und wer weiß, vielleicht bekommt Deutschland mit dem Schwarzwaldmädel Madeline Juno dann doch noch seine neue Lena. Die ist zwar nicht so vorlaut, aber süßer als der Graf.

Hier twittert der Autor über die Proben und den Vorentscheid: @dermaierjens.