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"Free ESC" 2021 Zeichen gegen Gewalt: Sängerin Elif schockt bei Auftritt mit blauem Auge

Sängerin Elif bei einem Konzert in Berlin
Sängerin Elif gewann zwar nicht, sorgte aber trotzdem für Aufsehen.
© Eventpress Hoensch / Picture Alliance
Rea Garvey gewinnt für Irland mit einem Song, den schon alle kennen. Viel aufrüttelnder ist aber der Beitrag aus der Türkei: Sängerin Elif macht auf Gewalt gegen Frauen und Minderheiten aufmerksam – mit einem blauen Auge.
Von Simone Deckner

ProSieben schickt seinen von Stefan Raab erdachten, alternativen European Song Contest in die zweite Runde. Im vergangenen Jahr als lässig-lockerer Ersatz für den ausgefallenen, "echten" ESC gestartet, drängt sich in diesem Jahr nach knapp vier Stunden Gesang, Geschalte und Gewitzel die Frage auf: Wird das noch gebraucht? Wir haben die wichtigsten Erkenntnisse aus einer sehr langen Nacht zusammen gefasst.

And the winner is ...?

Deutschland liebster Langhaar-Ire. Der Mann, der vor langen 21 Jahren sein "Supergirl" besang. Mister "Un-fucking-fassbar". Rea Garvey sicherte sich an diesem Abend die erste Nummer 1 seiner Musikerkarriere. "Ich gewinne nie etwas!", jubelte er. Dass sein Siegersong "The One" schon weithin bekannt ist – geschenkt! Beim "Free ESC" gelten eben andere Regeln und außerdem war es ja auch die "Spezialversion".

Auf Platz 2 kam der Niederländer Danny Vera und das, obwohl ihn Conchita Wurst mit den unhaltbaren Worten "musikalisch kann er mit Johnny Cash locker mithalten" angekündigt hatte. Vera blickte konzentriert unter seiner 50ies-Tolle hervor, ließ die ihn begleitenden Streicher huldvoll streichen und sang sehr einnehmend über die Achterbahnfahrt namens Leben ("Roller Coaster"). Platz 3 ging an den Belgier Milow ("ASAP").

Wer fiel sonst noch auf?

Der polnische Beitrag. Das Männer-Duo namens Fantasy griff mit seinem Beitrag "Wild Boys" ganz tief nach unten in die Modern Talking-Wühllkiste. Wäre Brother Louie ein realer Bro, er hätte Schadensersatz verlangt und zwar nicht zu knapp. Die deutsch singenden Männer in den schwarzen Glitzeranzügen scherte das nicht, sie waren schon in einer anderen Welt namens "gute, alte Zeit" und erinnerten sich glänzenden Auges daran "wie mich die 80er berühren".

Vermutlich nicht als Parodie angelegt (oder doch?) war der Auftritt von Jasmin Wagner alias "Blümchen". Sie trat für Kroatien an, die Heimat ihrer Mutter. "Ein Herz aus Gold / hab‘ ich immer schon gewollt", hörte man sie schmachten. Und das im Refrain. Puh. "Reden ist Silber / Lieben ist Gold" und dann noch einmal "ein Herz aus Gold / hab‘ ich immer schon gewollt". Das Ende vom Lied: Blümchen belegte den letzten Platz. Womöglich doch lieber an alten Sprichwörtern orientieren? Reden ist Silber, …

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Wer hat denn nun für Deutschland gesungen?

Um den deutschen Teilnehmer wird beim "Free ESC" stets ein großes Geheimnis gemacht – warum auch immer. Als Conchita Wurst und Steven Gätjen die Startnummer 16 ankündigen, keimte kurz so etwas wie echte Begeisterung auf: "Er ist eine Legende. Für Deutschland singt Udo Lindenberg!" Whoa! Am Ende war es aber doch wieder Helge Schneider, der mit der Stimme von Udo Lindenberg einen Song über den "Supergeilen Helge Schneider" sang. Das Lustigste daran war nicht der Text ("Ich muss jetzt noch ein scheiß Lied singen"), sondern Helges Art, das typische lasso-artige Mikroschwingen von Udo nachzuahmen. Er ließ das Mikro absichtlich mehrmals auf den Boden knallen. Dazu sang ein Frauenchor "Super Schni-Schna-Schneider". Nur: Ein Witz wird durch Wiederholung nicht unbedingt besser. Helge trat bekanntlich auch schon im vorigen Jahr für Deutschland an. Ein anderer blieb hingegen auch in diesem Jahr im Hintergrund: Mastermind Stefan Raab.

Gab es irgendwelche Aufreger?

Ja! Sängerin Elif trat mit "Alles Helal" für die Türkei an. Die Zuschauer waren verwirrt: Was ist mit ihrem Auge? Hat sie ein Veilchen? Das ist doch geschminkt, oder? Wie gut wäre an dieser Stelle ein einordnender Kommentar von ESC-Mann Peter Urban gewesen. So erledigten es kluge Nutzer bei Twitter und Instagram. Elif wollte mit dem geschminkten Veilchen ein Zeichen gegen Gewalt setzen: "Ich wollte die Chance nutzen, um für alle Menschen, die unsichtbar und stumm gemacht werden, zu singen und und die Zuschauer_innen auf die Unfreiheit und Gewalt an Frauen und LGBTQ-Mitgliedern in der Heimat meiner Eltern aufmerksam zu machen." Zwar sei nicht nur die Türkei betroffen, aber der Austritt des Landes aus der Istanbul-Konvention sei "ein neuer Rückschritt". Ihr Song handelt "von dem inneren Kampf junger Menschen, die sich zwischen starren, religiös begründeten Regeln und ihren Freiheitsdrang gefangen fühlen", so die Sängerin.

Noch in der Nacht hatten mehr als 36.000 Menschen den Post geliked. Pietro Lombardi als Juror aus Italien und Monica Ivancan für Kroatien feierten Elif für ihr mutiges Statement und vergaben jeweils 12 Punkte. Aus Deutschland bekam der Song zehn Punkte. Am Ende landete "Alles Helal" auf Platz 6 – einen Platz hinter Helge alias Udo.

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Wie haben sich die Moderatoren Conchita Wurst und Steven Gätjen geschlagen?

Sagen wir so: Der Auftritt im Duo ist für beide nicht die optimale Variante. Zu einstudiert wirkten die Witzchen, zu erzwungen die gespielte Nähe. Conchita verhaspelte sich mehrfach, verfügte aber eindeutig über die aufregendere Garderobe. Steven Gätjen moderierte die schottische Chartstürmerin Amy Macdonald mit den Worten an: "Jetzt gibt es echten Schottenrock." Zu Juror Sasha, der sich gerade einen schmalen Schnauzer wachsen lässt, sagte er: "Du siehst aus wie ein Versicherungsvertreter". Sasha war sichtlich enttäuscht, schwebte ihm doch "ein bisschen Clark Gable" vor.

Bester Spruch des Abends?

Der kam eindeutig von Rapper Eko Fresh, der als Juror die Punkte für die Türkei vergab. Als er seine Punkte an den französischen DJ Hugel und seinen Gesangspartner Bloodline präsentierte, machte er eine vieldeutige Anspielung auf den vorgeblichen Live-Gesang aller Teilnehmer: "Der Mann hat sich angehört wie auf Platte. Keine Ahnung, wie er das gemacht hat." Conchita und Steven grinsten. Hupsi!

Und, wieviel Punkte gibt es für den "Free Esc"?

6 von 12 –  vor allem wegen Elif.


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