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Deutschland beim ESC Ein bisschen Spaß muss sein – auch wenn's schwer fällt

Jendrik Sigwart tanzt bei seiner ersten Probe in Rotterdam auf der Bühne.
Jendrik Sigwart tanzt bei seiner ersten Probe zum ESC 2021 in Rotterdam auf der Bühne. Beim Finale am 22. Mai wird der Hamburger Deutschland mit Ukulele und tanzender Hand vertreten.
© Thomas Hanses/EBU
Ein Gute-Laune-Lied soll Deutschland beim ESC 2021 Punkte bringen: Jendrik Sigwart absolvierte in Rotterdam seine erste Probe. Das Ergebnis: ernüchternd.

Drei Mal hat er es probiert. Drei Mal ist er gescheitert: Roberto Blanco, in den 70er und 80er Jahren der Spaßmacher der Nation, unternahm mehrere Anläufe, um Deutschland beim Eurovision Song Contest zu vertreten. Vergeblich. Seine Gute-Laune-Songs scheiterten in den Vorentscheiden. 1979 wählte ihn das Publikum mit "Samba si, Arbeit no" immerhin auf Platz vier. Doch ein Hit wurde das Lied mit einem Hauch Sozialkritik nicht.

Anders als der große Blanco darf er es mit einem Gute-Laune-Song versuchen: Jendrik Sigwart wird am 22. Mai Deutschland beim Finale des ESC in Rotterdam vertreten. Eine interne Jury des NDR hat den bislang unbekannten Sänger aus Hamburg und sein selbst komponiertes Lied "I Don't Feel Hate" aus hunderten Bewerbern ausgewählt. Sein Ziel: Deutschland zurück in die Eurovisions-Erfolgsspur bringen. Am Donnerstag absolvierte Sigwart in der Ahoy-Arena seine erste Probe. Die erinnerte an einen Blanco-Klassiker: Ein bisschen Spaß muss sein.

"Huh", schnaubt Sigwart am Ende des ersten Probendurchgangs ins Mikrofon. Seine Choreografie ist anspruchsvoll. Ukulele in die Luft werfen, Tanzeinlage nach rechts, Spurt auf die Satellitenbühne – die Inszenierung erinnert an das quirlige Musikvideo, das er zu seinem Song gedreht hatte. Auch wenn mal etwas schiefläuft, lässt sich der Musicaldarsteller nicht beirren. Die positive Energie, mit der Sigwart in Rotterdam auf der Bühne steht, ist beeindruckend. Ein Spaßmacher, keine Frage. Der, der immer lacht.

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"Geh auf die Bühne und habe Spaß", hatte Stefan Raab seinem Schützling Lena Meyer-Landrut bereits 2010 in Oslo geraten. Was daraus wurde, ist ESC-Geschichte. Wenn es allein darum ginge, gute Laune zu verbreiten in diesem von Corona ausgezehrten und nach Unterhaltung dürstendem Europa, müssten Jendrik am Finalabend die zwölf Punkte der Jurys und Zuschauer zufliegen. Doch das ist eher unwahrscheinlich.

In den Internationalen Wettbüros, ein Gradmesser für den möglichen Erfolg beim ESC, ist Deutschland nach der ersten Probe weiter abgesackt. Von Platz 27 auf die 28. Bei den Fans polarisiert das Lied. Während die einen auf eine Top-Ten-Platzierung hoffen, befürchten die anderen ein "Sorry Germany, zero points"-Debakel wie zuletzt 2019 in Tel Aviv. Die Aussichten auf eine vordere Platzierung sind eher mau. Woran liegt's?

Zum einen ist die Komposition gewöhnungsbedürftig. Gestopfte Trompetenklänge und Ukulele-Töne sind eben nicht das, was einen zeitgenössischen Popsong heute auszeichnet. In den deutschen Charts ist Jendriks Lied bereits durchgefallen. Doch ein Hit beim ESC muss nicht zwangsläufig radiokompatibel sein. Das waren die Sieger der vergangenen Jahre sogar eher selten.

Jendrik und die tanzende Hand

Doch "I Don't Feel Hate" fehlt es leider an Raffinesse. Wo ist die Ironie eines Raabschen "Wadde Hadde Dudde Da" oder die berührende Emotion eines tiefgründigen Michael Schulte ("You Let Me Walk Alone")? Stattdessen wird die Botschaft des Lieds mit der Holzhammermethode transportiert: Kein Hass, kein Hate-Speech im Internet steht auf Spruchbändern im Hintergrund, während eine Tänzerin im Handkostüm als Peace-Zeichen auf der Bühne steht. Slapstick mit Message. Eine Werbeagentur hätte es sich nicht schlimmer ausdenken können.

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Das Lied zu mögen, fällt schwer. So ist zu befürchten, dass Deutschlands Abschneiden beim ESC erneut ein Trauerspiel wird. Ob die unbändige Energie von Jendrik Sigwart ausreicht, um ein paar Punkte zu ergattern? Es ist dem Hamburger zu wünschen. Und vielleicht behält am Ende doch Roberto Blanco recht. Der hatte einst gesungen: "Ein bisschen Spaß muss sein, dann kommt das Glück von ganz allein."


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