HOME

Katrin Sass über "Weissensee": Leben im Stasi-Staat

In der zweiten Staffel von "Weissensee" spielt sie eine von der Stasi unterdrückte Künstlerin. Katrin Sass hat in der DDR Ähnliches erlebt. Auch deshalb lässt sie sich heute nichts mehr vorschreiben.

Von Carsten Heidböhmer

Wer wissen möchte, wie sich das Leben in der DDR angefühlt hat, sollte "Weissensee" gucken. Schon die erste Staffel der Fernsehserie begeisterte Publikum und Kritiker. Jetzt zeigt die ARD endlich die zweite Staffel. Die große Stärke von "Weissensee": Die Serie bricht das Leben im DDR-Staat auf zwei Familien herunter, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Da ist auf der einen Seite die Familie Kupfer, eine tragende Säule des Systems. Vater Hans (Uwe Kockisch) und Sohn Falk (Jörg Hartmann) arbeiten beide bei der Stasi. Auf der anderen Seite steht die freischaffende, regime-kritische Künstlerin Dunja Hausmann und ihre Tochter Julia (Hannah Herzsprung). Als sich Julia in Martin (Florian Lukas) verliebt, den jüngsten Sohn der Kupfers, gerät das Paar ins Visier der Stasi.

Wie nun der Unterdrückungsapparat der DDR bis in die einzelnen Familien eindringt und das zwischenmenschliche Verhältnis vergiftet, wie die Stasi sich Menschen gefügig macht und sie dazu bringt, Freunde und Verwandte zu verraten - all das schildert die Serie anhand dieser überschaubaren Figurenkonstellation.

Sass selbst war Künstlerin in der DDR

Die freigeistige Sängerin Dunja Hausmann wird gespielt von Katrin Sass - was schon allein deshalb interessant ist, weil es zwischen Schauspielerin und Rolle durchaus biografische Parallelen gibt. Sass wurde 1956 in Schwerin geboren und hat in der DDR selbst als Künstlerin gearbeitet. Allerdings nicht freischaffend - sie ging damals von der Schauspielschule direkt ans Theater. Das war in der DDR üblich, freie Künstlerexistenzen waren in dem durchorganisierten Staat nicht vorgesehen. "Das, was Dunja Hausmann macht, hätte ich gerne gelebt", sagt die Schauspielerin über ihre Rolle. Sass war Mitte der 80er 20 Jahre jünger als Hausmann im Film - und hat nicht politisch gedacht: "Politik hat mich nicht interessiert, nur angewidert. Damals hat mich das Theater interessiert und nichts anderes."

Dass sie zu der Zeit selbst auch schon Opfer des Regimes war - das wusste sie da noch nicht. 1982 gewann Sass auf der Berlinale den Silbernen Bären als beste Darstellerin für den Film "Bürgschaft für ein Jahr". Sie sei stolz in ihr Land zurückgekehrt, sagt Sass. Doch der Arbeiter- und Bauernstaat dankte es ihr nicht. Der Triumph wurde in der Presse verschwiegen, zwei Jahre lang erhielt sie keine Filmrollen. Die Schauspielerin glaubte zunächst an einen Zufall. Dass hinter ihrem Rücken gegen sie intrigiert wurde, erfuhr sie erst später. "Es wurde ein Gerücht in die Welt gesetzt, dass ich schwanger bin", erzählt Sass. "Nach zwei Jahren rief mich ein Regisseur an und sagte: 'Sie sind ja eine junge Mutter. Sie haben doch einen Sohn.'" Eine perfide Lüge, um sie kleinzuhalten. Sie sollte bloß nicht abheben. Ihrer eigenen Karriere hat das glücklicherweise nicht geschadet. Sie drehte wieder, zählte schon bald zu den populärsten Schauspielerinnen der DDR und wurde 1987 zur Schauspielerin des Jahres gewählt.

"Mir ging es 30 Jahre gut"

Anderen erging es da schlechter. Sass erzählt von Müttern, denen damals ihre Kinder weggenommen wurden, weil sie einen Ausreiseantrag gestellt hatten. Dass der Repressionsapparat des sozialistischen Staats in "Weissensee" realistisch dargestellt wird - das kann Sass aus eigener Erfahrung bezeugen. "Vielleicht versteht man durch die Serie ein bisschen, wie man da reingerät, in die Stasi. Es ist bis heute schwer zu verstehen, dass man das freiwillig macht."

Doch natürlich war die DDR nicht nur ein Unrechtsstaat, es war ein Land, wo Menschen aufgewachsen sind, geliebt und gearbeitet haben. Auch davon erzählt die Serie: "'Weissensee' zeigt nicht diese graue DDR und diesen Stasi-Staat. Wir haben ja gelebt, und mir ging es 30 Jahre gut."

Bei ihr kommt keine Ostalgie auf

Die Wendezeit hat sie in Leipzig erlebt, wo sie sich auch an den Montagsdemos beteiligt hat. Im Gespräch merkt man ihr immer noch die Erleichterung über den Untergang der DDR an. Und dennoch vermisst sie manchmal die Zusammengehörigkeit in dem Staat: "Das ist das einzige, wo ich sagen würde: 'Ja, schade. Schade, dass man den Schlüssel nicht mehr draußen stecken lassen kann.'" In Ostalgie verfällt sie deswegen nicht: "Wenn dieser Zusammenhalt ehrlich gewesen wäre, dann müsste es ja heute auch noch so sein. Es sind aber alle verschwunden. Wo sind sie denn? Zwei Leute sind mir geblieben von dieser doch so großen Gemeinschaft." Es sei doch eher eine Zweckgemeinschaft gewesen - gibst du mir Kohle, geb ich dir Steine. "Es war die Zeit, und nicht die Menschen", so sieht es Katrin Sass heute.

Nach der Wiedervereinigung stockte ihre Karriere. Zwar spielte sie von 1993 bis 1998 im Potsdamer "Polizeiruf 110" die Hauptkommissarin Tanja Voigt, doch viel mehr gab es nicht in dieser Zeit. Katrin Sass litt in jenen Jahren unter ihrer Alkoholsucht, über die sie 2003 in ihrer Autobiografie "Das Glück wird niemals alt" sehr offen Auskunft gibt. Auch das ist eine Parallele zu ihrer Rolle Dunja Hausmann. Im neuen Jahrtausend startete sie dann noch einmal durch. Dabei half auch ihre Rolle in dem Kinoerfolg "Goodbye, Lenin!", in dem sie eine Mutter spielt, die das Ende der DDR nicht mitbekommen hat.

"Ich sage, was ich denke"

So froh sie über das Ende der DDR ist, so kritisch sieht sie aber auch die Gegenwart in Deutschland, insbesondere die Medienvielfalt: 100 Fernsehsender, Zeitungen, Internet, jeder kann schreiben was er will. "Das wollte ich immer. Und jetzt hab ich's und könnte wegrennen davor." Am meisten stört sie das ewige Gemeckere: "Ich möchte irgendwann mal hören: 'Es ist toll, was wir hier erreicht haben in diesem Land.' Ich höre aber nur, dass es immer nur bergab geht. 'Das ist ja alles so schrecklich. Es ist grauenvoll.' Das zieht mich derartig runter, dass ich keine Nachrichten mehr gucke. Ich habe meine Zeitung abbestellt." Obwohl es den meisten Leuten gut gehe, sei hier kaum jemand glücklich. "Ich möchte jetzt aber glücklich sein. Das habe ich beschlossen, und da mache ich jetzt, was mich glücklich macht. Und das ist nicht die Arbeit."

Und Glück heißt für sie auch, sagen zu dürfen, was sie denkt. Vor ein paar Monaten saß sie in einer Talkshow bei Markus Lanz und fiel über den "Dschungelcamp"-Sieger Peer Kusmagk her, den sie mit einer minutenlangen Tirade überzog. Möglicherweise meint sie Situationen wie diese, wenn sie sagt: "Ich habe gemerkt, hin und wieder kocht es in mir, und dann sage ich, was ich denke."

"Dann hätte man die DDR behalten können"

Bei vielen kommt so viel Ehrlichkeit und Direktheit nicht an - auch bei stern.de erschien damals ein kritischer Artikel. Doch das ist ihr inzwischen egal. Sie möchte sich nicht mehr verbiegen: "Mir sagt man 'Du verlierst dein Gesicht. Man hat sich zu benehmen.' Wenn ich diesen Satz nur ausspreche, wird mir kotzübel. Sich benehmen heißt so zu sein wie alle, sich anzupassen, das zu machen, was die Norm verlangt. Also zu lügen." Bei dem Punkt gerät die 62-Jährige richtig in Fahrt. Denn warum sind die Menschen 1989 auf die Straße gegangen, wenn nicht dafür, ihre Meinung sagen zu dürfen? "Dann hätte man die DDR behalten können. Ich darf nicht sagen, was ich denke. Jetzt habe ich diese Freiheit, und dann darf ich das aber auch nicht. Ich hab dazu keine Lust mehr."

Da verbindet sich dann ihr eigenes Leben mit dem Schicksal der von ihr gespielten Dunja Hausmann. Denn genau diese innere Freiheit erreicht Hausmann am Ende der zweiten Staffel von "Weissensee". Womöglich ist Katrin Sass auch deshalb so überzeugend: Sie bürgt mit ihrer eigenen Biografie für die Authentizität des Gespielten. Eine große Schauspielerin in einer glaubwürdigen Rolle - und das in einer sehenswerten Serie: drei gute Gründe, "Weissensee" einzuschalten.

Die zweite Staffel von "Weissensee" läuft ab dem 17. September immer dienstags um 20.15 Uhr im Ersten.