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Corona-Talk bei "Anne Will" "Wenn jemand Angst hat, soll er zu Hause bleiben"

Bei Anne Will argumentierten Gäste für und gegen die Lockerungen in der Coronakrise.
Bei Anne Will argumentierten Gäste für und gegen die Lockerungen in der Coronakrise
© NDR/Wolfgang Borrs
Ab Montag treten in vielen Bundesländern weitere Corona-Lockerungen in Kraft. Die Zahl der Neuinfektionen steigt aber erneut an. Für FDP-Politiker Wolfgang Kubicki dennoch kein Grund für einen neuen Shutdown – bei "Anne Will" klopfte er große Sprüche. 
von Jan Zier
Nachdem Bund und Länder weitreichende Lockerungen der Corona-Maßnahmen beschlossen haben, diskutierten die Gäste in der Polit-Talkshow von Anne Will über die Frage: "Ist das Corona-Risiko beherrschbar?"

Wer hat diskutiert?

Malu Dreyer (SPD), Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz
Wolfgang Kubicki (FDP), Bundestagsvizepräsident und stellvertretender Parteivorsitzender
Viola Priesemann, Forschungsgruppenleiterin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation
Ute Teichert, Vorsitzende des Bundesverbands der Ärztinnen und Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes e.V.
Peter Dabrock, Professor für Systematische Theologie und ehemaliger Vorsitzender des Deutschen Ethikrates

Wie lief die Diskussion?

Während Malu Dreyer als Vertreterin der politischen Entscheider in der Runde selbige dafür lobt, dass sie "mit Umsicht gehandelt" hätten, verkündet Wolfgang Kubicki als bestellter Provokateur: "Wir sind über den Berg". Ethiker Peter Dabrock ist sich da mit Blick auf die wieder steigende Reproduktionszahl und die "kruden Demos" am Wochenende nicht ganz so sicher.
Er mache sich Sorgen um Menschen, die auf Corona-Demos gehen und sieht vor allem die wachsende Gefahr, die von aktuell kursierenden Verschwörungstheorien ausgeht. Diese Gruppe von Menschen sei ein "krudes Gebräu", das entstanden ist. Er sehe ein großes Potenzial an Menschen, die zurzeit für Verschwörungstheorien empfänglich sind. Man müsse die "Attilas und Xaviers der Gesellschaft wieder zurückgewinnen", mahnt er. Der Vegan-Koch Attila Hildmann ist für Dabrock nur einer der neuen Vorkämpfer von allerlei Verschwörungstheorien. 
Physikerin Priesemann geht derweil eher von einer weiter steigenden Reproduktionszahl aus und plädiert dafür, den Lockdown zu verlängern – weil das ihrer Ansicht nach der effektivere und nachhaltigere Weg ist, das Corona-Virus zu bekämpfen. Kubicki aber hält die "massiven Grundrechtseinschränkungen" der vergangenen Wochen nun nicht mehr für notwendig. Die Lage in den Alten- und Pflegeheimen vergleicht er mit "Einzelhaft". Der FDP-Mann plädiert deshalb für regionalspezifische Regeln und mehr Eigenverantwortung der Menschen. 
"Unser ganzes Gesellschaftsbild basiert auf der Annahme, dass Menschen eigenverantwortlich sind. Wenn wir das nicht mehr glauben würden, müssten wir den meisten Menschen das Wahlrecht entziehen", erklärte er. Das Entscheidende sei, dass die Menschen wieder für sich selbst sorgten. "Wenn jemand Angst hat, soll er zu Hause bleiben."

Der besondere Moment

Emotional wird die ansonsten angenehm ruhige und sachliche Debatte, als die Sprache auf die Fußball-Bundesliga der Herren kommt. Wolfgang Kubicki findet es vollkommen in Ordnung, dass die, mit Geisterspielen, nun wieder ihre Arbeit aufnimmt, Malu Dreyer findet es zumindest "vertretbar" – während der Ethiker, selbst einer ein Dauerkartenbesitzer, es für "gesellschaftlich verheerend" hält: Er sehe die "große Gefahr", dass in der Folge nun die Solidarität in der Bevölkerung "bröckelt", sagt Dabrock – solange noch Testkapazitäten beispielsweise in Alten- und Pflegeheimen fehlen. Also dort, wo es anders als im Fußball, um "elementare Lebensfragen" geht – und um "massive Grundrechtseinschränkungen". 50 Prozent der Testkapazitäten im Lande seine ungenutzt, hält Kubicki ihm entgegen. 

Die Erkenntnisse

  • Wir müssen nicht nur Monate, sondern Jahre mit dem Corona-Virus leben, sagt Viola Priesemann.
  • Eine große Mehrheit in der Runde ist für "flächendeckende Tests" auch ohne spezifische Verdachtsfälle, wie sie Viola Priesemann fordert – sie will "so früh und so breit wie möglich" testen, damit die Gesundheitsämter die Infektionsketten "sehr konsequent und lückenlos" nachverfolgen können. Ob das mit der neuen regionalen Obergrenze von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Menschen funktionieren kann? Priesemann hat da Zweifel. Die Tests, auch das wird klar, müssen vor allem auch Gemeinschaftsunterkünfte erfassen, also die Alten- und Pflege- aber auch die Studentenheime, aber auch die Baracken, in denen die Arbeiter leben, die in der Landwirtschaft oder den Schlachthöfen schuften. Zudem ist sich die Runde einig, dass die Tests nicht davon abhängig sein dürfen, ob jeder sie sich auch leisten kann.
  • "Wir brauchen mehr Personal", sagt Ute Teichert als Sprecherin der Ärzte in den Gesundheitsämtern immer wieder.
  • 9 von 10 Menschen, die hierzulande infolge einer Corona-Infektion starben, sind über 70 Jahre alt – viele von ihnen lebten in Heimen. Dort gibt es 800.000 Pflegebedürftige und Hundertausende Mitarbeiter.
  • Die App, die der Nachverfolgung der Infektionsketten dienen soll, findet sowohl bei FDP-Politiker Kubicki als auch bei Ethiker Dabrock große Zustimmung. Auch Ute Teichert ist dafür  – obwohl sie warnt, dass die App alleine den Gesundheitsämtern nicht die Arbeit abnimmt.      

Fazit

Das Resümmee der Runde ist nicht neu und auch nicht überraschend: Es muss getestet werden.

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