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Late Night Show auf Konfrontationskurs: Kurt Krömers genialer Frontalangriff

Das deutsche Fernsehen hat endlich einen neuen Talkshow-Helden gefunden. Kurt Krömer macht da weiter, wo Harald Schmidts Esprit einst versickert ist. So geht Late Night im Jahr 2012!

Von Sophie Albers

Mädchen rennen kreischend, kichernd in die ersten Reihen, den Rest des Parketts füllen innerhalb von Minuten Biker-Prolls, Studenten, Neon-Omas, Schwulenpärchen, brathähnchenbraune BMW-Fahrer, Mitte-Kids, und auch Ernst und Helga aus Pankow sind da. Journalisten hängen sich aus den Logen, um besser sehen zu können. Fans johlen im Olymp. Bertolt Brechts ehrwürdiges Berliner Ensemble ist bis auf den letzten Platz besetzt. Die Stimmung im Haus ist ungefähr so begeistert und hoffnungsvoll wie bei einer Obama-Wahlveranstaltung im Jahr 2008. Als der, wegen dem alle hier sind, dann endlich kommt, dreht die Menge durch. Kurt Krömer gibt ein Heimspiel - und schickt sich an, die deutsche Late-Night zu retten.

Kurt Krömer war für viele bisher einer dieser "neuen Comedians", die in seltsamen Outfits einen auf Doof machen. Er war auch einer, der jahrelang erfolglos versucht hat, seine Berliner Schnauze zu Geld machen - bis der Gerichtsvollzieher kam. Erst seit Anfang der 2000er sind seine Stand-Up-Shows gut gefüllt, hat der 37-Jährige drei Fernsehshows mit seinem Namen versehen, war er Held eines Kinofilms. Und im vergangenen Jahr gab es auch endlich den Grimme-Preis. Dieser Kurt Krömer soll nun der ARD-Spätschicht Kante verpassen in Form einer neuen Late-Night-Show - immer nach dem "Wort zum Sonntag". Acht Sendungen sind im Kasten. Das klingt nach Mut bei den Verantwortlichen - oder einer Verzweiflungstag.

"Hühnerficker" geht gar nicht

Krömer steht in weißem Hemd und von Hosenträgern gehaltenen Anzugshosen auf der Bühne und macht mit dem Publikum vor der TV-Aufzeichnung political-correctness-Übungen für den neuen Sendeplatz: "Hühnerficker" gehe gar nicht, und Negerküsse seien "auf der schwarzen Liste ganz oben". Als nächstes regt er sich über die "Hackfresse" seines schon aus dem Bühnenprogramm "Der nackte Wahnsinn" bekannten Mitarbeiters Weißgerber auf. Der komme "gesichtlich Dresden '45 sehr nahe". Das Publikum kann sich kaum halten angesichts dieses ewig vom Leben beleidigten Fatzkes, dieses asozialen Verbalzerbröslers mit Milchgesicht. Dabei hat die neue Krömer-Show noch nicht mal angefangen.

Die kommt nach dem Vorspann. In dem stiehlt sich Krömer durch das Multischichten-Berlin zu den zerfließend-schönen Klängen von Nat King Coles "Love is all that I can give to you". Mehr Liebe wird es an diesem Abend aber nicht geben. Dafür das, worauf Fernsehmüde seit langem warten: die vielgerühmte Authentizität, die bisher keiner so richtig hingekriegt hat, die man Krömer aber erstaunlicherweise von Anfang an abnimmt, weil er eh alles für Hinterfotzigkeit hält.

Krömer bleibt Krömer

"Ich war in Afghanistan gewesen für Sie", sagt er, und der blöde Scherz entpuppt sich sofort als blanke Wahrheit. Er, der Totalverweigerer, sei zur Truppenunterhaltung eingeladen worden. Also hat er sich in die Transall-Maschine gesetzt und ein Kamerateam mitgenommen. Mit "Ich bin's, der Guttenberg" und "Ich bin hier der erste deutsche Komiker seit Guido Westerwelle" hat er die Soldaten am Hindukusch mal mehr mal weniger zum Lachen gebracht. Ansonsten ist er im "Robinson Club in Kabul" der gleiche Krömer wie in Berlin - nur eben mit Helm und Schutzweste. Das ist eines seiner hart erarbeiteten Geheimnisse: Egal wann, wo, wer: Krömer bleibt Krömer. Deshalb wird der erste Showgast Gregor Gysi im schäbigen 60er-Jahre-Appartment mit Blick aufs Klo, das das Bühnenbild ist, auch sofort mit "Gut, Kleines" an die Wand gestellt und mit einfachen Fragen beschossen: "Afghanistan, was sagen Sie dazu?", "Oskar ist weg, was ist los?", "Wie finden Sie, dass er Ihnen Sahra Wagenknecht weggeschnappt hat?" Krömers brüllende Naivität, dieses befreiende Mitten-rein, ist so wohltuend, dass sich wirklich jeder abgeholt fühlt. Selbst die, die seine Fragen dazu zynisch überhöhen müssen. Und weil Gysi auch immer Gysi bleibt, kann der Linkenpolitiker sich trotzdem amüsieren. Auch wenn Krömer droht, alles rauszuschneiden oder "die Kacke Scheiße" findet.

Die Gäste seien "Störfaktoren, die nebenbei abgefrühstückt werden" hat Krömer vor der Sendung gesagt. Das geht beim goldigen Dirk Bach besonders schnell, Helge Schneider macht es sich dagegen erst einmal auf Krömers Sofa bequem, wo mittlerweile geraucht und Bier getrunken wird. Schneider ignoriert das Klavier, für das Gysi vorher ein Bett aus dem Weg schieben musste. Den Bettvorleger habe er übrigens aus Afghanistan mitgebracht, freut sich Krömer. Jeder Ansatz von Füllsätzen, ja Füllwörtern wird gnadenlos im Keim erstickt. Es sei denn sie sind wirklich lustig. Denkt selbst - und habt Spaß dabei.

Mittelfinger gegen die News-Hysterie

Es wird entspannt geplauscht, ohne Not, zunehmend ohne Eitelkeit. Es geht um das "Thema Wulff, watt geht ab?" - "Der braucht Geld". Den Tod: "Ich hoffe, es passiert schnell und plötzlich" (Gysi), "Und ganz spät" (Schneider), "Wollt ihr zusammen sterben?" (Krömer). Und weil "Helge" offenbar keine Lust hat, sich ans Klavier zu setzen, weil das Sofa so kuschelig ist, hängt man halt zusammen ab, bis er sagt: "Ich geh da jetzt einfach hin", woraufhin Krömer zu pöbeln beginnt: "Wenn du singst, geh ich raus!" und Schneider in seinen elegant-genialen Jazz ausbricht, in dem sogar der Schluck aus der Bierflasche zum Song gehört. Und das war's dann auch schon: "Es ist ein schöner Tag gewesen", singt Helge Schneider zum Abschied.

Keine Ahnung, ob Krömer diesen Mittelfinger gegen die News-Hysterie, seine Angstlosigkeit vor der Medienmaschine, die Entspannung anstatt der Schnappatmung angesichts der Tatsache, dass unser aller Leben irgendwann enden wird, acht Sendungen durchhalten kann. Aber man wird ja wohl noch hoffen dürfen.