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TV-Kritik

"Maischberger": Die skurrile Anekdote aus dem Kinderzimmer von Donald Trumps Schwiegersohn

"Stürzt Donald Trump die Welt ins Chaos?", wollte Sandra Maischberger von ihren Gästen wissen. Es ging um den Nahost-Konflikt, den Iran-Deal, das US-Verhältnis zu Europa und die Situation in Korea.

Die Maischberger-Runde zu Donald Trump

Die Maischberger-Runde zu Donald Trump

ist so undiplomatisch wie wohl kein US-Präsident vor ihm. Er kündigt ständig internationale Verträge auf, setzt stur auch die abwegigsten Wahlversprechen um und betreibt Weltpolitik per Twitter. Ob er damit "die Welt ins Chaos" stürze, wollte Sandra Maischberger daher von ihren Gästen wissen - 75 Minuten über den Nahost-Konflikt, den Iran-Deal, das US-Verhältnis zu Europa und die Situation in Korea.

Zum Streiten eingeladen waren:

  • Die Auslandskorrespondentin Antonia Rados, die seit 30 Jahren aus dem Nahen Osten berichtet und meint, die Stimmung dort sei aktuell "antiwestlicher denn je". Trump sei der falsche Mann für den Frieden.
  • Der CDU-Außenpolitikexperte Jürgen Hardt, der Trumps Politik "leichtfertig und hochriskant" nennt.
  • Der Ex-Linken-Vorsitzende Oscar Lafontaine, von jeher Gegner US-amerikanischer Außenpolitik, der findet, die USA sei "als weltweit stärkste militärische Macht des Kapitalismus zum Frieden nicht fähig".
  • Die langjährige USA-Korrespondentin Sabrina Fritz, die Trump als "erstaunlich erfolgreich" sieht und feststellt: "Unberechenbarkeit muss ja nicht immer schlecht sein."
  • Der Journalist Alan Posener, der Trump zwar eigentlich "furchtbar" findet, aber: "Vielleicht brauchen wir einen, der sich nicht ständig hinterfragt wie Hamlet."


Wie lief die Diskussion?

Als Gegenstück zu den hitzigen Durcheinanderbrüll-Debatten arbeitet sich die -Runde Stück für Stück geordnet und einander ausreden lassend durch die einzelnen Themen. Auf Zinne sind dabei eigentlich nur Lafontaine und Posener, der eine glühender Gegner, der andere eiserner Verfechter der US-Außenpolitik. Als Lafontaine motzt, die USA breche immer wieder das Völkerrecht, kündige internationale Verträge auf ("So funktioniert Politik nicht!") und führe Kriege für wirtschaftliche Interessen, hält Posener ihm vor, mit solchen Ansichten bei der AfD besser aufgehoben zu sein. Auch wenn Lafontaine immer wieder in Rage gerät, wenn er über die US-Außenpolitik spricht, sollte das dann auch schon der emotionale Höhepunkt der Diskussion gewesen sein.

Ansonsten wird gesittet und auch ein bisschen zäh alles abgefrühstückt, was auf der Tagesordnung steht. Einzig als "Welt"-Journalist Posener behauptet, in Gaza seien zum Großteil "bekannte Hamas-Führer" am Zaun getötet worden, die israelischen Soldaten würden ja nicht "die Jungs mit den Turnschuhen" erschießen, grätscht Rados mal dazwischen. Da habe er wohl einiges durcheinander gebracht, so die Korrespondentin.

CDU-Mann ist der fleischgewordene Diplomat, stets bemüht, seine Aussagen vorher auf die Feingramm-Goldwaage zu legen. Jedes Thema beleuchtet er von mehreren Seiten, lehnt sich bloß aus keinem Fenster. Die dritte Journalistin im Bunde, Fritz, antwortet oft knapp und wird von Maischbeger immer wieder geradezu ins Gespräch genötigt. Mit zum Teil nahezu ausformulierten Fragen drängt sie Fritz allzu offensichtlich zu den im Vorgespräch getätigten Aussagen.

Der besondere Moment des Abends:

Hätten wir den Fernseher nicht eingeschaltet, wüssten wir jetzt nicht, dass der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu so eng mit der Familie Kushner ist, dass er früher bei Besuchen in New York bei eben jenen nächtigte - und das obendrein im Kinderzimmer des kleinen Jared, heute Schwiegersohn des US-Präsidenten. So zumindest hörten wir es, als Maischberger bei dem Versuch scheiterte, Fritz diese Geschichte erzählen zu lassen und sie kurzerhand selbst zum Besten gab.

Die Erkenntnisse in Zitaten:

  • Trump sind 80 tote Palästinenser "egal", weiß Rados. Er schaue nur auf das Verhältnis zu Israel, weil er sich nach Verhandlungen mit "starken Männern" sehnte, in diesem Fall Netanjahu.
  • Wenn die Welt sich nicht darauf verlassen kann, dass die USA Verträge und Abmachungen einhalten, könnte es an Konfliktherden schwierig werden, meinen gleich mehrere in der Runde. Lafontaine bremst gar die Korea-Euphorie. Noch sei nichts erreicht und Trump gefährde mit seinem Verhalten dem Iran gegenüber die Annäherung mit Nordkorea wieder.
  • Hauptsächlich mit Blick auf die Wählerbasis in der Heimat mache Trump Außenpolitik, meint Hardt. Das sei nun mal das Feld, in dem er zeigen könne, dass er stark und handlungsfähig ist, weil er dort oft nicht die Zustimmung des Kongresses brauche.
  • Hardt fürchtet, mit dem Iran-Deal den "Spatz in der Hand" aufzugeben, ohne einen Plan B zu haben. Alles, was man am Iran fürchte, werde ohne Abkommen nur noch schlimmer.
  • Europa sollte seine eigenen Interessen stärker vertreten, eine eigene außenpolitische Linie auch abseits der USA entwickeln. Wenn sich darin tatsächlich ein Linker und ein CDU-Mann einig sind, muss fast was dran sein.
  • Lafontaine wünscht sich zudem eine bessere Bindung zu Russland, China und anderen Staaten neben den USA, lobt auf Nachfrage den Grundgedanken Gerhard Schröders, eine gute Beziehung gen Osten zu pflegen.
  • Trump protzt mit dem "größeren Atomknopf" und beleidigt Staatsoberhäupter, habe aber offensichtlich damit weit mehr Erfolg, als alle seine Vorgänger beim Thema Korea, meinen Fritz und Posener bewundernd. Allerdings relativiert Hardt, dass im Hintergrund die Veto-Mächte der Vereinten Nationen gemeinsam an einer Lösung gearbeitet hätten und deutet indirekt an, dass China die größte Rolle in der aktuellen Annäherung von Nord- und Südkorea gespielt haben könnte.

Das Fazit:

Für eine Trump-Runde war es erfrischend ausbalanciert, zwei der drei Gesprächspartner waren dem US-Präsidenten grundsätzlich wohlgesinnt - wenngleich sich beide immer wieder genötigt sahen, sich vom Menschen Trump zu distanzieren. Allerdings wurde früh das Grundproblem offensichtlich, wenn von fünf Gästen drei selbst Journalisten sind. Die sind nämlich die Gesprächsführung von der anderen Seite gewohnt, stellen nach Worterteilung viel zu oft selbst Fragen in den Raum oder antworten - wie etwa Rados - gänzlich unabhängig von dem, was Maischberger eigentlich von ihnen wissen wollte.

Ebenfalls erfrischend war es, dass die Diskussion extrem geordnet und ruhig stattfand, wobei hier und da ein bisschen mehr Feuer nicht geschadet hätte. Die große Erkenntnis des Abends blieb die Sendung derweil schuldig, die Einstiegsfrage vermochte auch am Ende niemand wirklich befriedigend zu beantworten. Man könne zwar jeden Morgen "einen neuen Tweet für eine neue Krise" finden, meint . Aber die Welt, da ist sich Posener sich, "die war schon vorher im Chaos".