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TV-Kritik

"Maybrit Illner": Die Briten wollen einen Deal - aber die Zugeständnisse soll die EU machen

Bei "Maybritt Illner" wurde deutlich: Die Briten wollen einen Deal. Sie wollen aber auch, dass die EU sich auf sie zu bewegt. Nur wie, das bleibt offen.

Von Andrea Zschocher

Hinter einem halbrunden Tisch sitzen links und rechts von Moderatorin Maybrit Illner zwei Frauen und drei Männer

Alexander Graf Lambsdorff, Susanne Schmidt, Maybrit Illner, Derek Scally, Anne McElvoy und Dietrich von Gruben (v.l.n.r.) arbeiteten sich am Brexit ab

ZDF

Eine "kleine Denkpause", so nannte die britische Journalistin Anne McElvoy das Warten auf die nächste Runde im Brexit-Wirrwarr. Die Abstimmung darüber, ob am kommenden Dienstag der neuerliche Deal von Theresa May angenommen werden wird, oder es zum "No Deal" kommt, da sei irgendwie schon auch Erpressung. Aber jetzt hätten wenigstens beide Seiten ein wenig Zeit darüber nachzudenken. Nicht, dass es nicht in den letzten zwei Jahren genug Zeit genau dafür gegeben hätte. Aber, so betonte auch der ZDF-Korrespondent Stefan Leifert, wenn es denn bei der Entscheidungsfindung hilft, dann sei auch die EU zu "allerlei diplomatischen Verrenkungen" bereit.

Wie genau diese Verrenkungen allerdings aussehen sollen, das blieb unklar. Die Journalistin forderte, genau wie der per Video zugeschaltete britische Abgeordnete Greg Hands, dass die EU den Deal verbessern müsse. Welche Besserungen genau da nötig sind, das blieb weitestgehend offen. Und so geht es dem Talkshow-Zuschauenden nicht viel anders als Alexander Graf Lambsdorff, der in die Runde fragte, was genau sich denn nun ändern soll. Es ist alles offen und die Nerven mindestens angespannt.

Muss die EU auf die Briten zugehen?

McElvoy, vom konservativen und EU-skeptischen "Economist" forderte, dass sich der Ton der EU gegenüber den Briten ändern müsse. Und, dass die "one size fits all"- Forderungen, die die EU eben an alle Mitgliedsstaaten stellt, aufgeweicht werden müsse. Graf Lambsdorff stimmte ihr zu. Sie warf der Europäischen Union vor in den letzten zwei Jahren "wenig gelernt" zu haben und machte damit deutlich: Großbritannien will nicht mehr. Es gibt in ihren Augen kein Zurück zum Verbleib in der EU.

Zu Gast bei "Maybritt Illner" waren:

Anne McElvoy, britische Journalistin für "The Economist"

Susanne Schmidt, Volkswirtin und Finanzjournalistin

Derek Scally, Korrespondent der "Irish Times" in Berlin

Alexander Graf Lambsdorff (FDP), stellvertretender Fraktionsvorsitzender mit Zuständigkeit für u.a. Außen- und Europapolitik

Dietrich von Gruben, Unternehmer

Freier und weniger an EU-Regeln gebunden

Wenn es keinen Deal mit der EU geben wird, dann wird das, so Hands, eine "Gefahr für die Demokratie". Über den wirtschaftlichen Schaden werde allerdings zu wenig gesprochen, so Susanne Schmidt. Anne McElvoy hielt dagegen, dass niemand wirtschaftlich schlechter dastehen möchte, aber dass die Menschen außerhalb Londons sehr wohl an ihrem Wunsch nach dem Brexit festhalten würden. Die Briten möchten sich einfach freier und weniger an Regeln aus der EU gebunden fühlen. Deswegen, so McElvoy, würden sie eben erwarten, dass die Politiker und Politikerinnen den Willen des Volkes, der durch das Referendum gezeigt wurde, umsetzen. In ihren Augen sei daher die Idee, dass der Brexit nicht stattfindet, vollkommen unsinnig. Der Wille der Briten sei es, aus der EU auszutreten.

Erwärmen konnte sie sich aber für die Idee, dass ein dritter Deal angenommen wird, denn ein ungeordneter Brexit wäre "katastrophal". Dieses Chaos würden viele Briten vermeiden wollen und deswegen einen Ausstieg aus der Europäischen Union bis Mitte/Ende Mai diesen Jahres vorziehen.

Briten fordern

Es sei absurd, so die Journalistin, den Ausstieg länger hinauszuzögern und dann an der Wahl des Europäischen Parlamentes, von dem Großbritannien kein Teil mehr sein möchte, mitzuwirken.

Dass Bewegung in die Abstimmung kommt, dafür sprach sich der zugeschaltete Abgeordnete Hands aus. Beim ersten Durchgang hätte er mit Nein gestimmt, gestern mit Ja. Die EU solle sich noch etwas mehr bewegen, dann käme sicher auch der Deal zustande.

Wie diese Zugeständnisse aussehen sollten, das blieb mehr oder weniger offen.

Der Ire Derek Scally wurde dagegen sehr konkret. Er wünschte sich, dass der Konflikt zwischen Nordirland und Irland stärker in den Fokus rückt, seiner Meinung nach müsse mehr für den Frieden getan werden.

Auf den Vorschlag von Alexander Graf Lambsdorff, dass Nordirland geopolitisch als Außengrenze der EU betrachtet werden würde, wies McElvoy entschieden zurück. Und offenbarte damit einmal mehr, wie verhärtet die Fronten in der Debatte sind.

Kommt ein Brexit-Deal zustande?

Alle Seiten bemühen sich in dieser Situation eine Einigung zu finden, aber man merkte bei "Maybritt Illner" auch: Langsam setzt Müdigkeit bei diesem Thema ein. Der irische Journalist Derek Scally verglich den drohenden Brexit mit einer "Wohngemeinschaft aus der Hölle." Seiner Meinung nach sollten die Briten "ausziehen und ihre Butter aus dem europäischen Kühlschrank nehmen." Die Briten würden in der Europäischen Union fehlen, aber es sei ja nicht so, als wären sie plötzlich verschwunden. Es müssen nur neue Wege gefunden werden miteinander umzugehen. Anne McElvoy sah optimistisch auf die kommende Woche. Sie hofft, dass der Deal durchkommt. Und wenn nicht, dann, dass man wenigstens einen Schritt vorankommt. Auch wenn es für kleine Schritte eigentlich schon etwas zu spät ist.