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TV-Kritik

"Maybrit Illner" über Klimawandel: Vom Fachmann für Kenner: Illner lässt Zuschauer im Klima-Jargon-Dschungel allein

Es ging ums Geld: Wie teuer wird der Klimaschutz für die Bürger? fragte Maybrit Illner ihre Gäste. Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht zeigte sich bei der Talkrunde nach längerer Bildschirmpause gewohnt angriffslustig.

Von Simone Deckner

Maybrit-Illner-Runde

Runde bei Maybrit Illner: Christoph M. Schmidt, Sahra Wagenknecht, Tobias Hans, Maybrit Illner, Stephan Weil, Mai Thi Nguyen-Kim, Sabine Nallinger (v.l.)

ZDF

Das Positive zuerst: Bei der aktuellen Ausgabe des Polit-Talks von Maybrit Illner zum Thema Klimaschutz und was er kostet konnte man jeden Teilnehmer gut verstehen – akustisch. Denn die Gäste fielen sich nicht, wie sonst üblich, unentwegt ins Wort und brüllten einander nieder. Erfreulich. Das war es dann aber leider auch schon mit den guten Nachrichten.

Was sind Sektorenkopplungen?

Obwohl man sich in der Talk-Runde ausreden ließ, kam vom Gesagten nur wenig beim Zuschauer an. Das lag schlicht und ergreifend daran, dass viel zu viel vorausgesetzt wurde: Fachbegriffe wie Klimadividende und Sektorenkopplungen prasselten im gefühlten Minutentakt aus den Mündern der Experten – viel zu selten und oftmals zu spät hakte die Moderatorin nach und erklärte, was damit gemeint sein soll.

Video: Union für CO2-Abgabe und höhere Flugpreise

Dabei schien das Thema der Sendung noch recht griffig und aus Zuschauersicht formuliert: "Zahltag für den Klimaschutz – viel Geld, wenig Wirkung?", lautete es. Am Freitag will die GroKo ihr so genanntes Klimapaket beschließen, gleichzeitig werden Hunderttausende Klimaschützer protestierend auf den Straßen erwartet. "Klimaschutz kostet, das wird nicht umsonst zu haben sein", moderierte Maybrit Illner ihre Talkrunde an -  in der diese Gäste diskutierten:

  • Tobias Hans (CDU), Ministerpräsident Saarland
  • Stephan Weil (SPD), Ministerpräsident Niedersachsen
  • Sahra Wagenknecht (Linke),  Fraktionsvorsitzende
  • Sabine Nallinger, (Bündnis 90/Grüne)
  • Christoph M. Schmidt, Vorsitzender der "Wirtschaftsweisen"
  • Mai Thi Nguyen-Kim, Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin

Wie soll eine CO2-Steuer sein?

"Uns fehlen grundsätzliche Details", kritisierte die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, die sich auch bei den "Scientists for Future" engagiert und auf YouTube über den Klimawandel spricht. Niemand wisse etwa, wie hoch eine CO2-Steuer wäre, die derzeit als eine Maßnahme diskutiert wird, um das Klima besser zu schützen. "Mit welchem Preis fangen wir bei der CO2-Steuer denn an?", wollte sie sowohl von beiden anwesenden Ministerpräsidenten wissen – bekam aber, wenig überraschend, keine konkrete Zahl genannt. "Die Zahl werden wir hoffentlich morgen wissen", vertröstete Stephan Weil sie.

Nach ihrer längeren TV-Abstinenz aus gesundheitlichen Gründen (Wagenknecht hatte einen Burnout) wirkte die scheidende Fraktionsvorsitzende der Linken bei Maybrit Illner angriffslustig wie eh und je: Als "Klima-Heuchelei" bezeichnete sie die geplanten Maßnahmen der Regierungskoalition. Es sei "unverschämt", dass man jetzt beim Verkehr erneut über finanzielle Belastungen für die Bürger diskutiere, ohne ihnen Alternativen zu bieten. "Auf dem Land ist man völlig aufs Auto angewiesen", monierte sie, während die Investitionen in den ÖPNV seit Jahren massiv zurückgingen und die Bahn immer mehr Teile des Schienennetzes stilllegt. Für ihre Äußerungen erntete die Linken-Politikerin viel Applaus.

Leider keine Erklärfilmchen

Man dürfe den Teufel nicht an die Wand malen, sagte hingegen der Wirtschaftsweise Christoph M. Schmidt. Statistiken würden zeigen, dass die Land- und Stadtbevölkerung "in etwa gleich belastet sind" beim Thema Verkehrskosten. Um die Klimaziele zu erreichen, müsse der CO2-Preis in den Mittelpunkt gestellt werden. Die CO2-Steuer sei eine, der Emissionshandel eine andere Möglichkeit – eine, die er selbst und CDU-Mann Hans favorisierten. Wieso, weshalb, warum? Auch hier hätte man sich mehr als das kurze Erklärfilmchen gewünscht, um den Durchblick zu behalten.

Stattdessen durfte Sabine Nallinger erklären, dass sich in Deutschland "große Unternehmen in den vergangenen Jahren verstärkt um den Klimaschutz gekümmert haben", allein: Sie seien "hochgradig verunsichert" von der Politik, die auch hier keine Alternativen biete, Stichwort Kohleausstieg. Nallinger: "Wir reden immer über Ausstieg, aber wo ist der Einstiegsplan für die erneuerbaren Energien?"

Saarlands Ministerpräsident Hans erinnerte daran, dass man ja durchaus Pläne parat habe: Er meinte damit allerdings die sehr kleinteilige Abwrackprämie für alte Ölheizungen. Sein Kollege aus Niedersachsen, Weil, setzte indes eher auf die Regulierungsmechanismen des Marktes, etwa bei E-Autos. Die würden bald billiger werden, prophezeite Weil. Ansonsten müsse man den Bürgern aber auch deutlich sagen: "Klimaschutz wird anstrengend."

Schön, dass die Gäste sich haben ausreden lassen

"Wir sind wenigstens im Verstehen ein wenig weitergekommen", fasste Maybrit Illner die wenig konkrete Diskussion zusammen. Das darf bestritten werden. Aber schön, dass die Gäste sich haben ausreden lassen.