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Brand der Notre-Dame: Experte: "Die Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen wirkte etwas unglücklich, aber ..."

Haben die öffentlich-rechtlichen Sender aus- oder unzureichend über den Brand der Notre-Dame in Paris berichtet? Vier Fragen an den Journalistik- und Kommunikationswissenschaftler Jannis Frech von der Universität Hamburg.

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Armin Laschet fragt sich: "Warum muss man CNN einschalten, während die ARD Tierfilme zeigt?" Der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen war sichtlich unzufrieden mit der Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender über den Brand der Notre-Dame in Paris (lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen). Dafür bekam er auf Twitter nicht nur von Journalisten Zuspruch. Die ARD verteidigte ihr Programm – und bekam auch von vielen Lob für eine fundierte Berichterstattung. 

Haben die Öffentlich-Rechtlichen aus- oder unzureichend berichtet? Vier Fragen an den Journalistik- und Kommunikationswissenschaftler Jannis Frech von der Universität Hamburg.

Notre-Dame: "Das Livebild eines Brandes alleine ist kein Journalismus"

Herr Frech, haben die öffentlich-rechtlichen Sender die Berichterstattung zum Brand der Notre-Dame verschlafen, wie unter anderem Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet moniert?

Die Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen wirkte etwas unglücklich, weil sie im TV relativ träge reagierten. Ein früheres Engagement von Phoenix wäre vielleicht möglich gewesen, eventuell auch eine kurze Sonderausgabe der Tagesschau als Programmunterbrechung in der ARD. Aber "verschlafen" halte ich für übertrieben, denn natürlich hat sich die Redaktion mit dem Thema unmittelbar beschäftigt, war etwa online präsent. Der TV-Fokus lag aber wohl eher auf Berichten mit Hintergrund und Einordnung für die Nachrichtensendungen und nicht auf der Live-Berichterstattung.

Jannis Frech

Jannis Frech ist Journalist (hat u.a. beim stern gearbeitet) und wissenschaftlicher Mitarbeiter der Rudolf-Augstein-Stiftungsprofessur für Praxis des Qualitätsjournalismus an der Universität Hamburg.

Wer eine permanente Berichterstattung aus Paris im linearen Fernsehprogramm sehen wollte, musste auf private Nachrichtensender oder ausländische Kanäle ausweichen. Laschet fragte bissig: "Warum muss man CNN einschalten, während die ARD Tierfilme zeigt?" Haben Sie eine Antwort?

Die ARD ist kein Nachrichtenkanal, das ist auch nicht ihr Auftrag. Insofern ist der direkte Vergleich mit CNN & Co. zumindest fragwürdig. Auch tagesschau24 als digitaler Spartensender ist eher ein Kanal für vermehrte Nachrichtenausstrahlung denn dauerhafte Liveschalten. Phoenix ist als Vergleich noch am ehesten geeignet, ist dann ja auch später in die Live-Berichterstattung eingestiegen. Der Sender ist aber in seinen eigenen Möglichkeiten und Ressourcen sehr eingeschränkt und von Zulieferungen aus ARD und ZDF abhängig.

"Das Erste ist kein 24h Nachrichtenkanal und Gaffer TV machen wir auch nicht", rechtfertigt ARD-Chefredakteur Rainald Becker die eigene Berichterstattung – offenbar mit Wink auf das Angebot anderer Sender. Was ist Voyeurismus und nicht Journalismus?

Grundsätzlich: Journalismus erklärt Hintergründe und ordnet ein, liefert Kontext zum bloßen Abbild der Welt. Das Livebild eines Brandes alleine ist kein Journalismus. Das kann jede Webcam, jedes private Smartphone liefern. Und dann handelt es sich auch um Voyeurismus, nämlich um die Lust am bloßen Zuschauen.

Zuschauer und einige Politiker überlegen laut, ob das öffentlich-rechtliche Programm einen Nachrichtensender bekommen sollte. Was halten Sie von der Idee? Sollte es dieses Angebot geben?

Ich finde diese Idee nicht verkehrt, nur sollte dahinter ein grundsätzlicher Sinn stehen, ein öffentliches Interesse, ein öffentlicher Bedarf und nicht der Reflex auf ein eindrückliches Live-Event. Dafür braucht es etwa einen sehr konkreten und klugen Programmauftrag. Denn: Private Nachrichtensender haben für viele Kritiker ja einen guten Job gemacht, braucht es dann ein Duplikat unter öffentlich-rechtlicher Fahne? Und falls es kein Duplikat ist, wäre dann ein etwas anderer, möglicherweise bewusst hintergründigerer Nachrichtensender im Falle solcher Events dann letztlich nicht dem gleichen Vorwurf, dem gleichen Abwägen zwischen Voyeurismus und Journalismus ausgesetzt? Und es stellt sich natürlich die Frage, ob es für einen öffentlich-rechtlichen Newskanal wirklich eines zusätzlichen Senders bedarf oder ob nicht etwa ein Aus- und Umbau von Phoenix ausreichen würde.

fs