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Abschied von Rolf Töpperwien: Ein Mann wie Schweiß, Bier und Asche

Heute ist sein letztes Bundesligaspiel, morgen wird er 60: Rolf Töpperwien verschwindet vom Bildschirm. "Leider", meint Carsten Heidböhmer und verabschiedet sich von der ZDF-Reporterlegende, die auch außerhalb des Bildschirms für Dramatik sorgte.

Rolf Töpperwien

Nach 1.444 Bundesligareportagen ist Schluss: Rolf Töpperwien geht in Rente

Lieber Töppi,

Du wirst gegen die kumpelige Anrede sicher nichts einzuwenden haben. Immerhin bist Du mit der kompletten Bundesliga per Du - mit Ausnahme von Uli Hoeneß. Was eine exzellente Wahl ist: Wer Spielern vor der Kamera so penetrant zu Leibe rückt wie einst Abwehrgott Jürgen Kohler den gegnerischen Stürmern braucht wenigstens einen Menschen, zu dem er Distanz hält. Und mit dem cholerischen Bayern-Boss hast Du Dir den Richtigen ausgesucht. Denn wie Du selbst einmal gesagt hast, machst Du den Job nicht für Chefs oder Kollegen, sondern ausschließlich für "das Publikum, das den Fußball liebt".

Mit Uli Hoeneß verbindet Dich mehr, als Dir vielleicht lieb ist. Ihr beide seid die großen Polarisierer der Bundesliga: Entweder man mag Euch, oder man hasst Euch. Für etwas dazwischen lässt einem keine Wahl. Denn man kann Dich nicht gleichgültig betrachten, schon gar nicht ignorieren. Dafür warst Du immer zu laut und ein bisschen zu groß. Deine Lockenpracht füllte den Bildschirm komplett aus, und Deine Augen standen so weit hervor, dass der Zuschauer Angst hatte, sie sprängen ihn an. Du warst einfach too much - in jeder Hinsicht.

"Michael, wir haben beide am 26. September Geburtstag"

Auch Deine Art, Spiele zu kommentieren. Vor lauter kindlicher Begeisterung drohte sich Deine Stimme ständig zu überschlagen. Das hatte immer was von einem Teenager, der zum ersten Mal auf eine Party eingeladen ist. Bei Interviews bekam man den Eindruck, Du wolltest in Dein Gegenüber hineinschlüpfen, so sehr drängtest Du dich auf. Um Komplimente warst du nie verlegen, Otto Rehhagel rühmtest Du noch vor zwei Jahren, wie toll er mit 70 aussehe. Gern suchtest Du Gemeinsamkeiten, wie etwa neulich beim Interview mit Michael Ballack: "Michael, wir kennen uns doch so lange, haben beide am 26. September Geburtstag und sind beide Waagen."

Am Samstag kommentierst Du Deine 1444. Partie, einen Tag später wirst Du 60. Und nutzt diesen Anlass, um in Frühpension zu gehen. Denn Du musst seit langem gespürt haben, dass Deine Zeit vorbei ist. In einer Welt, wo Sportreporter immer mehr zu geschniegelten Verkäufern eines "Premiumproduktes" verkommen, störst Du bloß. Spätestens seit den 90ern wirst Du die Zeichen der Zeit erkannt haben. Als Sat.1 die Bundesligaberichterstattung in eine grelle Ball-Show verwandelte. Als Männer wie Reinhold Beckmann oder Johannes B. Kerner das Raue, Dreckige und Emotionale des Sports in seichtem Dauergeplänkel erstickten. Als Bratwurstesser oder heulende Kinder auf den Rängen interessanter wurden als das Geschehen auf dem Rasen.

Spätestens da war klar: Deine Uhr ist abgelaufen. Denn Du entstammst einer ganz anderen Ära. Du verströmst noch den Geruch von Schweiß, Bier und Asche. Dein fußballerisches Credo - "Nass werden, ne Bratwurst und ne Bierdose in der Hand" - hat sich in Zeiten von vollüberdachten Großarenen mit VIP-Logen überholt.

Rolf Töpperwien, das Stehaufmännchen

Wir haben Dir unzählige unvergessliche Erlebnisse vor dem Fernseher zu verdanken. Etwa am letzten Spieltag 1984: Gerade war der VfB Stuttgart Meister geworden. Du wolltest dir gleich nach dem Schlusspfiff den VfB-Trainer Helmut Benthaus schnappen. Hattest aber nicht bedacht, dass Dein Mikro an einem meterlangen Kabel hing, verheddertest Dich und machtest Dich lang. Doch das machte Dir nichts aus: Du bist ein Stehaufmännchen.

Und so haben Dir auch Deine Affären nicht wirklich geschadet. Weil Du dafür von vielen insgeheim bewundert wurdest. Wer wäre nicht gerne so dreist gewesen, eine überhöhte Bordellrechnung mit dem Briefpapier seines Arbeitgebers zu reklamieren? Ganz zu schweigen von der coolen Begründung, weswegen 4000 Mark für ein paar Stunden Spaß einfach zu viel sind: "Ich bin kein Marathonmann."

Das Schelmenstück mit Elton John

Etwas weniger gelungen die Erklärung für das in deinem Blut nachgewiesene Kokain, nachdem du dich unter Mithilfe einer Flasche Strohrum beinahe selbst abgefackelt hättest. Die Ausrede, Dir hätte jemand Ecstasy ins Bier getan, kannten wir schon - da hättest du Dir wirklich etwas Besseres einfallen lassen können. So wie damals, in den 70er Jahren. Elton John hatte gerade den englischen Club FC Watford gekauft. Irgendwie hast du ihn zu der Aussage gebracht, er wolle Borussia Mönchengladbach kaufen. Ein Schelmenstück, dass am Niederrhein für Aufregung sorgte.

Jetzt beendest Du also Deine sportliche Karriere und widmest dich ganz Deinem vierjährigen Sohn Louis. Eine sinnvolle Beschäftigung, zu der man Dir nur gratulieren kann. Ein kleines bisschen übel nehmen wir Dir aber doch, dass Du uns ab sofort im "Aktuellen Sportstudio" mit dem braven Poschi, Kathrin "Reichsparteitag" Hohenstein und dem schönen Michael Steinbrecher alleine lässt. Aber die sind ab Sonntag nicht mehr Dein Problem.

Alles Gute,

Carsten Heidböhmer