HOME

Streaming: TV-Sender suchen Rezepte gegen Online-Rivalen

Netflix, Amazon Prime Video und Co haben das Programmangebot auf dem heimischen Bildschirm in den vergangenen Jahren deutlich belebt. Doch die etablierte Konkurrenz gibt sich nicht so leicht geschlagen.

Plattformen

Nach neuen Streaming-Lösungen wird gesucht. Foto: Rolf Vennenbernd

Serienfans und Nutzer von Videoplattformen im Internet dürfen sich 2019 auf einige Neuerungen freuen. Denn deutsche TV-Sender tüfteln an neuen Streaming-Lösungen, um den erfolgreichen US-Diensten wie Netflix etwas entgegenzusetzen.

Die Zeit drängt. Von der wachsenden Sparte wollen viele profitieren, darunter auch Apple und Disney.

Vor allem für jüngere Menschen ist es immer weniger attraktiv, sich nach der Arbeit oder dem Unterricht daheim auf das Sofa zu legen und sich vom Fernsehprogramm berieseln zu lassen. Sie wollen lieber selbst auswählen, was sie wann und wo schauen. Das Smartphone macht es ohnehin überall möglich.

Zwar erreichen die deutschen Sender mit ihren Programmen im klassischen, linearen Fernsehen noch ein breites Publikum, aber der Druck, sich digital besser aufzustellen, wächst. Zwei Drittel der 14- bis 29-Jährigen nutzen Video-Streamingdienste wie Netflix oder Amazon Prime mindestens einmal pro Woche, wie die Zahlen der Onlinestudie von ARD und ZDF zeigen. Die Mediatheken von ARD, ZDF, Sat.1 oder ProSieben rufen hingegen nur rund 40 Prozent dieser Gruppe so häufig auf.

Bei der deutschsprachigen Bevölkerung ab 14 Jahren insgesamt gelang es Netflix binnen eines Jahres, seine Nutzerschaft mehr als zu verdoppeln. Demnach schaut fast ein Drittel der Bevölkerung mindestens selten Serien und Filme des Streaminganbieters wie «House of Cards» oder «Orange is the New Black». Gegen die mächtigen Serienproduzenten aus Übersee wollen die deutschen Sender jedoch vorerst nicht gemeinsam vorgehen. Jeder verfährt lieber nach seinem eigenen Konzept, die anderen können sich gern anschließen.

Diese Vorsicht rührt auch aus vergangenen Erfahrungen: Eine geplante Online-Plattform von ARD und ZDF mit dem Titel «Germany's Gold» wurde im Februar 2014 abgeblasen, nachdem sich das Bundeskartellamt eingeschaltet hatte. Die Behörde sah kritisch, dass das Projekt die gemeinsame, entgeltliche Online-Vermarktung von Videos durch Wettbewerber mit Preisabsprachen und bestimmten Exklusivitätsvereinbarungen vorgesehen hätte.

Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm hält eine Qualitätsoffensive für notwendig, um mit den hochwertigen US-Produktionen mithalten zu können. Im Netzzeitalter sei das Eingehen von Allianzen unabdingbar, um große Budgets zu stemmen, sagte er vergangenen Dezember der Deutschen Presse-Agentur. Ein Beispiel ist das TV-Film-Projekt «Babylon Berlin», eine historische Krimiserie über einen Kölner Kommissar in Berlin im Jahr 1929, die die ARD gemeinsam mit Sky produziert.

Wilhelm schwebt eine europäische Plattform vor, an der sich öffentlich-rechtliche wie private Sender beteiligen sollen. Bei letzteren zieht die Idee jedoch nicht so richtig. RTL begrüßt zwar «die sehr klare Problemanalyse von Ulrich Wilhelm». Gerade in den vergangenen zwei Jahren haben wir gesehen, wie gefährlich es ist, wenn die Algorithmen der globalen Tech-Plattformen einen immer weiter wachsenden Einfluss auf die öffentliche Meinungsbildung in unseren Demokratien bekommen», sagt RTL-Sprecher Oliver Fahlbusch. Das Unternehmen will sich aber lieber auf seine eigene Plattform TV Now konzentrieren und diese deutlich ausbauen.

Auch Konkurrent ProSiebenSat.1 will sein eigenes Streamingangebot erweitern. Im Juni kündigten die Münchner an, gemeinsam mit Discovery eine neue Plattform zu entwickeln. Der Konzern will die Angebote 7TV, Maxdome und Eurosport Player zusammenlegen, um die «führende Streaming-Plattform für Deutschland» zu werden, wie ProSiebenSat.1-Vorstand Max Conze sagte. Ziel sei, in den ersten zwei Jahren zehn Millionen Nutzer zu gewinnen. Den Wettbewerbern rief Conze zu: «Ich lade hiermit RTL, ARD und ZDF ein, mit uns gemeinsam einen deutschen Champion zu schaffen.»

Das Bundeskartellamt gab im Juli bereits grünes Licht für die Zusammenführung der drei Angebote. Die Erweiterung der Kooperation um das ProSieben-Angebot Maxdome sowie das Discovery-Angebot Eurosport-Player als einen zusätzlichen Geschäftsbereich lasse nicht erwarten, dass das Gemeinschaftsunternehmen eine dominante Marktposition erhalte.

Neben den geplanten Neuerungen scheint ein weiterer Tech-Gigant aus den USA seine Fühler auszustrecken. Apple plane einen Streamingdienst für iPhone-, iPad- und Apple-TV-Besitzer, der kostenlos über die eigene TV-App verfügbar sein soll, wie der US-Sender CNBC herausgefunden haben will.

Zuvor hatte Apple schon eine mehrjährige Partnerschaft mit der US-Talkshow-Moderatorin Oprah Winfrey bekannt gegeben. «Winfreys Projekte werden als Teil einer Reihe selbstproduzierter Inhalte von Apple veröffentlicht», teilte der Konzern im Juni mit. Außerdem soll Apple zusammen mit der US-amerikanischen Produktionsfirma Sesame Workshop, dem Produzenten der Kindersendung Sesamstraße, Formate für Kinder entwickeln, wie mehrere US-Medien im Juni berichteten. Die Sesamstraße selbst soll aber nicht Teil des Programms werden.

Und auch der Disney-Konzern will bald mit einem eigenen Streaming-Dienst begeistern. Mehreren Medienberichten zufolge soll es Ende 2019 so weit sein. Netflix muss sich also warm anziehen.

Für Serien- und Streamingfans sind die Pläne der heimischen wie der US-amerikanischen Player zunächst eine gute Nachricht - das Angebot wächst und der Druck, höhere Qualität zu liefern, steigt.

dpa