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Drei Fragen zum "Tatort": Was taugt der Uralt-Schampus wirklich?

Luftröhrenschnitt mit einem Kugelschreiber - geht das? Verändert Knochenmark die Blutgruppe? Und ist 180 Jahre alter Champagner genießbar? Wir beantworten die wichtigsten Fragen zum Münster-"Tatort".

Isolde (Sunnyi Melles) und Ewald Schosser (Uwe Preuss) haben sechs Flaschen Champagner für 250.000 Euro erstanden. Taugt der was?

Isolde (Sunnyi Melles) und Ewald Schosser (Uwe Preuss) haben sechs Flaschen Champagner für 250.000 Euro erstanden. Taugt der was?

Der aktuelle Fall des Münsteraner "Tatort"-Teams holte 13,01 Millionen Zuschauer und ist damit der mit Abstand meistgesehene Sonntagabendkrimi des Jahres. "Erkläre Chimäre" lieferte wieder jede Menge skurriler Szenen. Ein Luftröhrenschnitt mit einem Kugelschreiber. Zwei Menschen mit identischer DNA - und eine Kiste 180 Jahre alten Champagners. Wir beantworten die drängendsten Fragen zum "Tatort".

Mit einem Kugelschreiber Leben retten - ist das möglich?

In einer Szene zu Beginn der "Tatort"-Folge verschluckt sich Kommissar Thiel an einem Schnittchen, ringt nach Luft, hustet und droht zu ersticken. Boerne ist gleich zur Stelle und versucht, den Brocken mit einer speziellen Technik, dem sogenannten Heimlich-Manöver, zu lösen. Der Versuch misslingt jedoch, Thiel fällt in Ohnmacht, und Boerne greift beherzt zu einem Küchenmesser, stößt es in die Luftröhre des Kommissars und steckt eine Kugelschreiberhülle in die Wunde. So rettet er ihm das Leben. Funktioniert das tatsächlich?

"Diese Szene hat mit der Realität nichts zu tun", sagt Peter Sefrin, Bundesarzt beim Deutschen Roten Kreuz (DRK). Das fange schon beim eigentlichen Schnitt an, der mit einem herkömmlichen Messer nicht durchführbar sei - denn dafür brauche es ein scharfes Skalpell, mit dem sich der Schnitt exakt setzen lässt.

Außerdem besteht die Gefahr, dass bei einem solchen Eingriff die großen Blutgefäße neben der Luftröhre verletzt werden, die das Gehirn mit Sauerstoff versorgen. "Fällt der Schnitt zu breit aus, kann der Patient im Anschluss verbluten", so Sefrin.

Notärzte werden in speziellen Kursen auf die Besonderheiten einer solchen Intervention vorbereitet. Im Ernstfall steht ihnen ein sogenannter Tubus zur Verfügung - eine Art Schlauch, den sie in die Wunde stecken können. An diesen lässt sich ein Beatmungsgerät anschließen, um den bewusstlosen Patienten mit Sauerstoff zu versorgen. Dass eine schmale Kugelschreiberhülle denselben Effekt haben kann, hält Peter Sefrin für ausgeschlossen.

Zu dem gleichen Schluss kommen Forscher aus Großbritannien. Sie hatten getestet, ob Kugelschreiber sich als Hilfe für den Notfall eignen - mit ernüchterndem Ergebnis. Die Mehrheit der getesteten Stifte war ungeeignet, ihr Durchmesser schlicht zu schmal, um den Patienten ausreichend mit Sauerstoff zu versorgen.

Übernehmen Stammzellenempfänger tatsächlich die Blutgruppe des Spenders?

Nach dem Mord an einem brasilianischen Champagnerverkäufer finden Thiel und Boerne Blutspuren des Opfers am Tatort - und sind überrascht, als sie kurz darauf an einem weiteren Tatort erneut frisches Blut des Brasilianers finden. Zu diesem Zeitpunkt ist dieser allerdings schon seit Tagen tot. Die Ermittler können zudem ausschließen, dass er einen Zwillingsbruder hatte.

Rechtsmediziner Boerne folgert daraus, dass das Mordopfer im Laufe seines Lebens Blutkrebs gehabt haben muss, der mit einer Stammzellenspende behandelt wurde. Nur so sei es möglich, dass zwei Menschen dieselben Blutmerkmale tragen würden. Doch stimmt das?

Für eine Stammzellenübertragung werden die Zellen aus dem Blut des Spenders gefiltert oder aus dem Beckenkamm entnommen. Ärzte übertragen sie im Anschluss direkt in den Blutkreislauf des Leukämie-Patienten.

Glückt die Behandlung, bilden die Stammzellen neue Blutkörperchen, und der Empfänger übernimmt das Immunsystem und die Blutgruppe des Spenders. "Die Darstellung im Tatort war völlig richtig", sagt Klaus Ludwiczak von der Deutschen Knochenmarkspenderdatei (DKMS). "Allerdings übernimmt der Empfänger nur die Gewebemerkmale des Blutes, die DNA des Körpers bleibt unverändert."

Kann man Champagner aus dem Jahr 1829 trinken – und was wäre eine Flasche wert?

Boernes Erbonkel Gustav reist aus Florida nach Münster. Er hat vor Kuba eine Kiste Champagner aus dem Jahr 1829 geborgen – und möchte sie nun verkaufen. Doch ist so alter Schaumwein überhaupt noch genießbar? Und was ist er wert? Die Drehbuchautoren Stefan Cantz und Jan Hinter haben sich hier an einem wahren Fund orientiert: 2010 bargen Taucher aus einem Wrack vor Finnland 162 Flaschen Champagner, die 170 Jahre am Boden der Ostsee gelegen hatten. 79 Flaschen waren noch genießbar. Die Lagerung auf dem Meeresgrund war ideal: Durch den konstanten Druck, die niedrigen Temperaturen von 4 bis 6 Grad und die Dunkelheit hat der Schaumwein die lange Zeit unbeschadet überstanden.

Önologen, die den Champagner kosten durften, waren von der Qualität begeistert. 2012 wurden elf Flaschen aus dem Fund versteigert – für 125.500 Euro. Das ergibt einen Preis von rund 11.400 Euro pro Flasche. Das entspricht zwar nicht ganz der im "Tatort" gehandelten Summe von 40 bis 50.000 Euro, aber Finnland ist ja auch nicht Kuba.

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