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"Tatort"-Kritik: Schlagerparade mit Bienenstich

Der Münster-"Tatort" fuhr große Geschütze auf: Giftspinnen, Bienenvölker, tätowierte Groupies und Roland Kaiser als Wagnerianer. Das Ergebnis war köstlicher Nonsens - der auch in der Wiederholung noch Spaß macht.

Von Carsten Heidböhmer

Bis zum 10. März 2013 waren die Münsteraner "Tatort"-Ermittler Thiel und Boerne die Quotenkönige am Sonntagabend. Bis zu zwölf Millionen Zuschauer wollten ihre humorigen Fälle sehen - doch dann kam Til Schweiger und entriss ihnen die Krone. Nur zwei Wochen später traten die Münsteraner zur Revanche an. Dafür boten sie alles auf, was ihre Folgen so liebenswert macht: witzige Wortgefechte, Situationskomik, skurrile Szenen und eine herrlich-überdrehte Krimihandlung - auch als Wiederholung noch sehenswert.

Gleich der Einstieg trägt die typisch Münstersche Handschrift - und setzt das Team in größtmöglichen Kontrast zu dem harten Großstadtkrimi à la Hamburg. Während Til Schweiger bei seinem Debüt gleich in den ersten Minuten in einen äußerst bleihaltigen Einsatz verwickelt war, sehen wir Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) mit Silke "Alberich" Haller beim Schnäppcheneinkauf auf dem Großmarkt, wo der Gerichtsmediziner mit Blick auf seine kleinwüchsige Assistentin doziert, Bananen seien gut fürs Wachstum. Dass direkt um die Ecke eine Leiche gefunden wurde, bringt Boerne nicht aus der Ruhe: Wen interessiert schon eine Tote, wenn man gerade ein paar Cent beim Einkauf gespart hat?

Erzwungener Umzug

Daheim wartet dann das nächste Problem auf den Professor: Zwei Giftspinnen krabbeln aus seiner Bananenkiste und machen es sich in seiner Wohnung gemütlich. Weil "Sparschwein" Boerne auch bei den Handwerkerkosten auf den Pfenning schaut, klafft in der Wand zur Nachbarwohnung von Hauptkommissar Thiel (Axel Prahl) ein großes Loch, es herrscht "offener Grenzverkehr" - den die Spinnen ausgiebig nutzen. So müssen sich die beiden Protagonisten vorübergehend ein neues Quartier suchen. Und weil Münster eben - zumindest im "Tatort" - ein kleines Dorf ist, führt sie der erzwungene Umzug mitten ins Herz des neuen Falls.

Während Thiel in die Gartenlaube seines Vater zieht und zwischen einem Bienenvolk und allerlei Gerümpel auf dem Sofa schlafen muss, steigt Boerne im besten Hotel der Stadt ab - wo auch der angesagte Schlagersänger Roman König residiert. Großartig, wie Roland Kaiser diesen Künstler verkörpert, der durchaus Parallelen zu seiner eigenen Karriere aufweist und doch weit darüber hinausgeht: König ist ein bisschen Kaiser, ein bisschen Kachelmann, ein bisschen Kunstfigur. Ein Liebeshungriger, der sich eine ganze Reihe an Geliebten hält, die nichts voneinander wissen, aber alle das gleiche Erkennungszeichen tragen: eine tätowierte Tulpe. Gleichzeitig ist der Schlagerfuzzi aber glühender Anhänger der Musik Richard Wagners. Eine Leidenschaft, die ihm nachts im Hotel die Freundschaft Boernes einbringt.

Künstliches Klein-Universum

In dieser Folge treibt der Münster-"Tatort" sein Erfolgsrezept auf die Spitze, das da heißt: Mache die große Welt ganz klein. Nur in diesem künstlichen Klein-Universum können der Snob Boerne und der Schlagersänger König beste Freunde werden. Ständig laufen sich hier die Protagonisten über den Weg, und alles hängt mit dem Fall zusammen. Bei "Vaddern" trifft Thiel einen abgerockten Musiker, der sich später als Erpresser des Schlagersängers erweist. Das vor Boernes Hotel kampierende Groupie (Fritzi Haberlandt) bricht wiederum bei Thiel senior ein, um die Tonbänder zu entwenden, mit denen König erpresst wird. Und beim Konzert Roman Königs treffen sie sich dann alle: Thiel, Boerne, Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) und Königs Managerin Ina Armbaum (Ulrike Krumbiegel).

Die erträgt die zahlreichen Affären ihres Schützlings irgendwann nicht mehr und erstickt ihn in seinem Hotelbett. Zu dem Zeitpunkt war er bereits durch einen Bienenstich geschwächt. Das Insekt stammt - natürlich - aus dem Garten von Thiels Vater. In Münster scheint man selbst die Bienen mit Namen zu kennen.

Punktsieg für Münster

Der Fall selbst ist mal wieder herrlich sinnfrei, ganz so, wie es der Titel "Summ, Summ, Summ" vermuten lässt. Und niemand in Deutschland kriegt diesen Nonsens besser hin als Thiel und Boerne. So wie Schweiger derzeit der Chef bei deutschen Action-Krimis ist.

Wer ist nun der "Tatort"-König? Nach dieser Folge muss man sagen: Münster. Warum? Hier dürfen selbst die Giftspinnen überleben. Und: Niemand kocht hier weiche Eier.


Die "Tatort"-Folge "Summ, Summ, Summ" wurde erstmals am 24. März 2013 ausgestrahlt.