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"Tatort"-Kritik: Die tote Blenderin im Phoenix-See

Das Dortmunder "Tatort"-Team bleibt chaotisch: Faber rastet aus, Daniel und Nora genießen ihr Liebesglück, Bönisch räumt in ihrer Ehe auf. Nebenbei lösen sie einen Fall - den besten seit Langem.

Von Carsten Heidböhmer

Peter Faber (Jörg Hartmann) rastet auch in der neuen "Tatort"-Folge aus

Peter Faber (Jörg Hartmann) rastet auch in der neuen "Tatort"-Folge aus

Genau in der Mitte des neuen Dortmunder Falls ist es wieder so weit: Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) rastet aus. Er zertrümmert ein Waschbecken und übergibt sich anschließend - im Dienst, auf dem Polizeiklo. Damit bleibt klar, dass der schwer traumatisierte Ermittler auch weiterhin im Zentrum dieses "Tatorts" steht.

Das ist keine Selbstverständlichkeit, denn das Dortmunder Team ist das einzige in der Krimireihe, das aus vier Personen besteht. Dadurch entfaltet sich eine ganz eigene Dynamik: Denn die vier Ermittler ziehen nicht an einem Strang, sondern gehen in verschiedene Richtungen. Während Faber den Vollzeit-Irren gibt, schweben Nora Dalay (Aylin Tezel) und Daniel Kossik (Stefan Konarske) auf Wolke sieben und genießen ihr junges Liebesglück so offensichtlich, dass auch ihre Kollegen davon Wind kriegen. Und Martina Bönisch (Anna Schudt) verschmäht ihren Callboy, den sie sich für schöne Stunden im Hotel bucht, und sucht endlich das klärende Gespräch mit ihrem Ehemann.

Voller explosiver Energie

Viel Privates also, das in den Fall um eine ermordete Schülerin mit reinschwappt. Doch anders als bei den meisten "Tatorts" nehmen diese Szenen kein Tempo aus dem Krimi, sondern produzieren eine Energie, die direkt in den Fall geleitet wird. Wenn Faber und Bönisch den Mord nachspielen, sich dabei schlagen und an den Kragen gehen, dann geht das weit über die berufliche Praxis hinaus. Hier strömen Aggressionen aus anderen Bereichen mit ein und machen diese Situationen hochexplosiv.

Bei Nora fließen dagegen Energien der anderen Art: Im Liebesrausch versprüht sie eine starke erotische Ausstrahlung. Das nutzt sie für eine Undercover-Recherche der besonderen Art: Sie gibt sich als junges Mädchen aus, mischt sich unter die Schulfreunde des Mordopfers und macht den Männern schöne Augen - während ihr gehörnter Lover draußen warten muss. Auch wenn das Liebesglück der beiden anfängt zu nerven - hier war es intelligent in die Geschichte eingewoben.

Aus dem hässlichen Entlein wird ein schöner Schwan

Die Geschichte spricht ein spannendes Thema an: Denn Nadine, die ermordete 16-jährige Gymnasiastin, kommt aus einer sozial schwachen Familie - und hat in den vergangenen Monaten alles getan, um ihre Herkunft zu verschleiern. Sie verkehrt jetzt nämlich in einer Clique von wohlhabenden Bürschchen, Anwaltssöhnen und höheren Töchtern. Da ist ihr die Familie - Mutter Friseuse, Vater auf Schicht - einfach nur peinlich. Wie der große Gatsby erfindet sie sich kurzerhand neu. Schickt ihren marokkanischen Freund Tarek in die Wüste, borgt sich den schicken Fummel von der besten Freundin, und legt ein neues Facebook-Profil an. So einfach geht das. Und es funktioniert. Aus dem hässlichen Entlein ist ein schöner Schwan geworden. Sie verkehrt nun in einer Nobel-Disko und gehört zur Dortmunder Schickeria - "Leute, die Würstchen mit Messer und Gabel essen", wie Kommissarin Bönisch bissig anmerkt.

Blöd nur, dass sie ihre Reize zu großzügig einsetzt. Sie flirtet mit dem Partner ihrer besten Freundin. Der versteht die Signale falsch und vergewaltigt sie. Vor Eifersucht rasend stößt ihre Freundin sie später in der Nacht in den Phoenix-See, wo sie ertrinkt.

Die Wahrheit kommt letztlich durch die gemeinsame Arbeit aller Kommissare ans Licht. Das ist umso bemerkenswerter, als die vier Ermittler kaum noch als Team auftreten. Insbesondere Faber erweist sich als nicht integrierbar. Er hat den Verlust von Frau und Kind noch immer nicht verarbeitet. In dieser Folge hat er Hinweise erhalten, dass seine Frau nicht bei einem Unfall ums Leben kam, sondern vor ihrem Tod möglicherweise vergewaltigt und anschließend ermordet wurde. Diese Geschichte wird also weitergehen. Mit Erfolg versucht sich der WDR hier an horizontalen, also Folgen-übergreifenden Erzählformen, wie sie in US-Serien üblich sind. Nicht nur deshalb war dies die beste "Tatort"-Folge seit langer Zeit.