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"Tatort"-Kritik: Eine Krabbe macht noch keinen Öko-Krimi

Eine zwielichtige Rohstoffirma, ein ermordeter Umweltaktivist und eine Wasserleiche: "Borowski und das Meer" sollte wohl ein Umweltkrimi werden. Doch das Beziehungsdrama wurde nur etwas grün verpackt.

Von Annette Berger

Das Meer ist in dieser "Tatort"-Folge nie weit weg: Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) müssen viel an die frische Luft. Hier ermitteln sie gerade am Strand.

Das Meer ist in dieser "Tatort"-Folge nie weit weg: Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) müssen viel an die frische Luft. Hier ermitteln sie gerade am Strand.

Eine Krabbe hastet über den Meeresboden, eine rote Anemone bewegt sich im Spiel der Wellen - die Kamera führt den Zuschauer auf einem Tauchgang durch die bunte Zauberwelt des Meeres. Schön ist es hier. Die neue "Tatort"- Folge "Borowski und das Meer" beginnt wie "Expeditionen ins Tierreich", mit einer Szene, die gar nicht zu einem Krimi passt - und die auch nicht von den "Tatort"-Machern gedreht wurde. Der kurze Unterwasserfilm in den ersten Sekunden dieses Sonntagskrimis ist ein Werk des Kieler Meeresforschungszentrums Geomar, das an der neuen "Borowski"-Folge mitwirkte.

Nach diesen ersten Augenblicken scheint der Rahmen für die Handlung gesetzt: Der Zuschauer stellt sich auf einen Umweltkrimi ein, einen Mord im Milieu der eiskalten Naturzerstörer.

Es wird viel im Wasser gestorben

Ein Mord? Gleich zwei gibt es, und sie haben beide mit Wasser zu tun: Erst wird ein Naturschützer in einem Schwimmbad ertränkt. Und wenig später stürzt der Jurist Jens Adam (Andreas Patton) in die Ostsee und verschwindet im Meer, nachdem er spektakulär auf einem Schiff in Kiel erschossen wurde.

Das Mordmotiv im letzteren Fall scheint klar: Der Jurist konnte seine Arbeit bei einer Abbaufirma von Seltenen Erden nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren. Und beim ersten Mord? Dass böse Rohstoff-Ausbeuter mutigen Umweltaktivisten nach dem Leben trachten, dürfte zum Krimi-Basiswissen zählen.

Geht ja gut los. Jetzt könnte man den Umweltkrimi weiterspinnen. Leider aber entpuppt sich dieser "Tatort" nach dem Drehbuch von Christian Jeltsch rasch als Erzählung von Liebe und Ehebruch, die mit einer Öko-Rahmenhandlung nur am Rande zu tun hat. Die Geschichte des Juristen Jens Adam, der seinen eigenen Tod inszeniert, um mit seiner Geliebten ein neues Leben anzufangen, könnte in jedem Milieu spielen. Als Zuschauer wird man den Eindruck nicht los, dass die Macher des Films zwar das Thema "Raubbau an der Natur" spannend fanden - aber keine Idee hatten, aus dem Stoff ein tragendes Krimithema zu machen.

Ermittlungen an der frischen Seeluft

Doch diese "Tatort"-Folge unter der Regie der Österreicherin Sabine Derflinger heißt nun einmal "Borowski und das Meer". Das Ermittlerduo Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) wandert ständig irgendwo an der Ostsee herum und sinniert über die Lösung des Falles. Um ihn aufzuklären, muss der knorrige Borowski sogar in einem kleinen U-Boot den Meeresgrund absuchen, auch dieses eine Leihgabe von Geomar. Und immer wieder ist von Seltenen Erden die Rede. Das sind Rohstoffe, die man für den Bau von Handys braucht - und bei deren Förderung unter anderem der Meeresboden zerstört wird.

Man kann die 90 "Tatort"-Minuten mit so viel Meerwasser fluten, wie man will: Die Krimihandlung und das Umwelt-Thema laufen seltsam nebeneinander her, ohne sich wirklich zu berühren. Dass der verliebte Jurist, der scheinbar erschossen in die Ostsee fiel und dabei nur seinen Tod inszenierte, am Ende tatsächlich ermordet wird, weil er seinen ehemaligen Arbeitgeber anprangerte, wirkt konstruiert. Und auch der Auftritt von Erfolgsautor Frank Schätzing ("Der Schwarm") in einer Gastrolle kann das Öko-Thema nicht recht in den Vordergrund rücken. Es hilft nichts: In diesem Krimi geht es um Liebe und Beziehungen.

Die Ermittler sind ironisch - und verknallt

Dennoch - es gibt eindringliche Momente, die den Film sehenswert machen. Man schaut dem Ermittlerduo gern zu, vielleicht weil Borowski und Brandt so völlig unterschiedlich und dabei ähnlich einfühlsam sind. Ihre Dialoge sind witzig und ironisch, und beide sind ein bisschen verknallt. Nicht ineinander. Brandt flirtet per Videoübertragung mit einem neuseeländischen Staatsanwalt. Und Borowski gefällt eine der vielen Mordverdächtigen dieses Falles: die Ehefrau des Juristen. Nicolette Krebitz in der Rolle der melancholisch-masochistischen Marte Adam ist großartig.

"Borowski und das Meer" ist sicher nicht die beste Folge mit dem beliebten Ermittlerduo, enthält aber ein paar gute Momente. Außerdem hat der Krimi viel Atmosphäre. Das liegt wohl an der frischen Seeluft.