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"Tatort"-Kritik: Ernstfall für Dick und Doof

Der Münster-"Tatort" ist wegen seines Dialogwitzes und der Klamaukeinlagen besonders beliebt. Doch im Fall eines Entführungsopfers, das an posttraumatischer Belastungsstörung leidet, stieß der Humor an seine Grenzen: Die Stimmung kippte.

Von Carsten Heidböhmer

Bei der Wahl der beliebtesten "Tatort"-Teams landet das Münsteraner Gespann um Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und den Gerichtsmediziner Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) regelmäßig auf den vorderen Rängen. In der stern.de-Abstimmung, an der sich rund 20.000 Leser beteiligt haben, führen Thiel/Boerne das Feld sogar mit deutlichem Vorsprung an. Und das mit gutem Grund: Ihr Dialogwitz ist einmalig, voller scharfer Pointen und schlagfertiger Erwiderungen. Die Slapstick-Einlagen erinnern an die besten Zeiten von Dick und Doof, und um die beiden Ermittler hat sich ein ganzes Sammelsurium schräger Vögel etabliert: die zwergwüchsige Pathologie-Assistentin Silke Haller (Christine Urspruch), genannt Alberich, die transenhafte Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann) und Thiels dauerbekiffter Taxi-fahrender Vater Herbert (Claus D. Clausnitzer). Zusammen ergeben sie ein Gespann, das jeden "Tatort" in eine unterhaltsame Krimi-Komödie verwandelt, die den eigentlichen Fall schnell in den Hintergrund treten lässt.

Doch was passiert, wenn der Fall eine Dramatik, eine Abgründigkeit entwickelt, vor der jeder Humor kapitulieren muss? Lange ergötzte man sich bei der passend "Höllenfahrt" betitelten Folge an den gewohnt gut gesetzten Witzen. Daran änderte auch der Fund mehrerer Leichen nichts: Zu einem "Tatort" gehören eben ein paar Tote, davon lassen wir uns doch die Stimmung nicht verderben. Auch, dass mehrere Menschen mit Foltermalen tot aufgefunden werden, fiel zunächst nicht weiter ins Gewicht.

Schluss mit lustig

Und doch kippte der Film in der Schlussviertelstunde. Spätestens als Frank Thiel in die Gewalt des Mörders geriet, vor ihm auf dem Boden kniete und exekutiert werden sollte, war klar: Jetzt ist Schluss mit lustig. Unter Tränen flehte Thiel um sein Leben. Der Mörder erzählte währenddessen furchtbare Geschichten von Folterszenen während einer Sahara-Entführung, die er nicht mehr aus dem Kopf kriegt. Und deswegen anfängt, nach dem Muster zu morden, das er bei den Folterern in der Sahara kennengelernt hat.

Natürlich wurde der Kommissar noch rechtzeitig gerettet. Doch da hatte man schon in den Abgrund geblickt. Kann man anschließend einfach wieder zur Tagesordnung übergehen?

Boerne konnte, und so durfte Jan Josef Liefers in der Schlussszene noch einmal auf einem Golfturnier sein komödiantisches Talent ausspielen. Doch heitere Stimmung mochte beim Zuschauer nicht mehr aufkommen. Zu tief der Schrecken und das Grauen, das man gemeinsam mit Thiel durchlebt hatte.

"Höllenfahrt" brachte ein hervorragendes Thema aufs Tapet: Das Problem posttraumatischer Belastungsstörung ist gesellschaftlich höchst relevant. Ein Land, das Tausende Soldaten in Kriegsgebiete schickt, muss sich Gedanken machen, welche psychischen Belastungen diese Menschen mit heimbringen. Insofern war dieser an die wahre Geschichte von 31 in der Sahara entführten Motorradtouristen angelehnte Fall lobenswert. Man hätte diese Geschichte nur besser einem anderen Team anvertraut. Ein kühler und humorloser Charakter wie Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) wäre da die bessere Wahl gewesen.

Den Münsteranern wünscht man dagegen wieder absurde Fälle in reichen Fabrikanten-Milieus oder schlagenden Verbindungen, die fern der Lebenswelt des Zuschauers angesiedelt sind. Dann erfreut man sich umso mehr an den Sprüchen des Gerichtsmediziners Boerne, der randalierenden Radfahrern nachruft: "Man sieht sich immer drei Mal - spätestens auf meinem Tisch."