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"Tatort"-Kritik: Auf der Jagd nach dem roten Faden

Gut gemeint ist nicht gut gemacht: Der Berlin-"Tatort" möchte in Manier gefeierter US-Serien horizontal erzählen, ist aber viel zu kompliziert geraten. So ist der Zuschauer heillos überfordert.

Tatort Berlin

Hauptkommissarin Nina Rubin (Meret Becker) und Hauptkommissar Robert Karow (Mark Waschke)

Man stelle sich vor, von einer der hochgelobten US-Serien, sagen wir "House of Cards", würde nur alle sechs Monate mal eine neue Folge ausgestrahlt. Der Zuschauer hätte große Probleme, der Handlung zu folgen. Gut, Frank Underwood und seine Frau Claire - an die könnte man sich wohl noch erinnern. Aber warum musste nochmal diese Journalistin sterben - und was hat es mit dieser ominösen Stripperin auf sich?

Ein bisschen ist es so mit "Ätzend", dem zweiten Einsatz des Berliner "Tatort"-Teams. Schnell entsteht das Gefühl, nicht alle Informationen parat zu haben, um die Folge vollends begreifen zu können. Denn weite Teile der Handlung greifen auf die erste Folge sowie auf Geschehnisse zurück, die sich noch früher zugetragen haben.

Gleich der Beginn könnte verworrener nicht sein: Kommissar Karow (Mark Waschke) sitzt mit einem nicht näher vorgestellten Mann in einem Café, es geht um den Tod von Karows Partner Maihack, eine Kugel und einen "klassifizierten Bericht". In einer zweiten Szene spricht der Ermittler mit einer Psychologin - auch hier geht es um einen Polizeieinsatz, der ebenfalls in der Vergangenheit liegt. So weit, so verwirrend.

Doch die Folge wird noch kruder: Es folgt ein Dialog zwischen Karow und seiner Kollegin Nina Rubin (Meret Becker), der sich um den bereits abgeschlossenen ersten Fall dreht. Ausgestrahlt wurde der Film im März dieses Jahres. Wer kein Elefantengedächtnis besitzt, wird auch hier im Dunkeln tappen.

Zwei Verbrechen

Es dauert zehn Minuten, bis die Folge in der Gegenwart ankommt: Auf einer Baustelle werden zwei Leichen gefunden: eine in einem Säurefass, eine im Boden verscharrt. Wie sich herausstellt, handelt es sich hier um zwei voneinander unabhängige Verbrechen. Das eine hängt mit Karows dunkler Vergangenheit zusammen. Wie genau - das wird bis zum Schluss nicht aufgeklärt.

Dafür kann der zweite Strang für sich reklamieren, wenigstens ein gesellschaftlich relevantes Thema aufzugreifen: Es geht um das Schicksal von in Deutschland lebenden Flüchtlingen. Bei dem Toten handelt es sich um den Iraner Ferad Merizadi. Dessen Identität hat sein Bruder Saed angenommen, der mit seiner Familie keine gültige Aufenthaltsgenehmigung besitzt. Durch den Leichenfund fliegt alles auf. Wie der Abspann verrät, stellen die Merizadis zwar einen nachträglichen Asylantrag, doch der wird abgelehnt. So wird die komplette Familie, obwohl gut integriert, abgeschoben.

Der andere Fall aber bleibt ungeklärt. Dafür geht es Karow an den Kragen. Er wird am Ende verhaftet -  er soll seinen Kompagnon getötet haben. Irgendwer in den Reihen der Polizei arbeitet gegen ihn und streut Gerüchte: Er solle eine Affäre mit der Frau seines Kollegen gehabt haben. Ob das stimmt? Zumindest beim Zuschauer werden Zweifel geweckt, denn offenbar scheint der Ermittler eher auf Männer zu stehen.

Kompliziert und überfrachtet

Dass der zumeist konventionell erzählte "Tatort" aus dem engen 90-minütigen Korsett ausbrechen will, ist lobenswert. Und wie der Dortmund-"Tatort" mit Jörg Hartmann zeigt, kann das eine Zeit lang durchaus funktionieren. Allerdings nur dann, wenn man den horizontalen Erzählstrang nicht überfrachtet.

Der Berlin-"Tatort" bricht schon in der zweiten Folge (Buch: Stephan Wagner und Mark Monheim, Regie: Dror Zahavi) unter der Komplexität der Informationen zusammen, die der Zuschauer parat halten muss. Wenn im kommenden Jahr der dritte "Tatort" folgt, dürfte es noch schwieriger werden, durchzublicken.

"Was haben diese Kugel und Bielefeld gemeinsam?", fragt Karows ominöser Gesprächspartner zu Beginn. "Beide gibt es nicht", antwortet der. Ob ein roter Faden existiert - das wird die Zukunft zeigen. Wenn die Zuschauer nicht vorher kapituliert haben.