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"Tatort" aus Kiel: Der tödliche Neid auf die Nachbarn

Wie kommt eine ganz normale Frau dazu, eines Tages ihren Nachbarn umzubringen? Der neue "Tatort" aus Kiel liefert eine beeindruckende Studie über die feinen sozialen Unterschiede und die zersetzende Kraft des Neids.

Tatort aus Kiel

Borowski (Axel Milberg) stattet Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) einen Besuch im Supermarkt ab.

ARD
  • 4 von 5 Punkten
  • Zwar ist der Kriminalfall ist in seiner Auflösung recht trivial. Doch darum geht es in diesem "Tatort" gar nicht: Der Film ist eine beeindruckende Sozialstudie.

Worum geht's?

Ganz Kiel kennt nur ein Gesprächsthema: den prall gefüllten Lottojackpot. Die Supermarktkassiererin Peggy Stresemann (Katrin Wichmann) beobachtet, wie ihre Nachbarn eine offenbar gute Nachricht feiern. Sie glaubt, das Ehepaar habe das große Los gezogen und den Jackpot geknackt. Voller Neid bricht sie in das Haus ein, um den Lottoschein zu suchen. Als sie der Hausbesitzer überrascht, kommt es zum Unglück. Die kurz darauf heimkehrende Ehefrau Victoria Dell (Sarah Hostettler) ruft die Polizei - und gilt als Hauptverdächtige, zumal sie auf den Tod ihres Mannes extrem unterkühlt reagiert. Vor allem für Kommissarin Mila Sahin (Almila Bagriacik) kommt nur die "Eiskönigin" als Täterin infrage. Für Borowski (Axel Milberg) ist der Fall dagegen nicht so eindeutig.

Warum lohnt sich dieser "Tatort"?

Sie leben auf verschiedenen Seiten der gleichen Straße - und doch trennen sie Welten. Hier die Stresemanns, die sich ihr bescheidenes Eigenheim hart erarbeitet haben - sie als Kassiererin, er als Elektroinstallateur. Dort das Ehepaar Dell in seiner Villa - jung, schön und erfolgreich. Die "Tatort"-Folge "Borowski und das Glück der Anderen" (Buch: Sascha Arango) ist eine Studie über die feinen gesellschaftlichen Unterschiede - und die zerstörerische Kraft des Neids. Denn die beiden Paare trennt deutlich mehr als das Einkommen. Es ist die ganze Existenz. "Die im Dunkeln sieht man nicht" heißt es in Bertolt Brechts "Dreigroschenoper" - und genau so fühlt sich Peggy Stresemann: "Wenn ich an der Kasse sitze, bin ich unsichtbar für die meisten. Ein Niemand. Einfach nur Luft."

Die gesellschaftliche Zurückweisung führt dazu, dass sie permanent ihr Glück anzweifelt. "Wir sind glücklich, oder? Wir haben alles was wir brauchen", vergewissert sie sich immer wieder bei ihren Ehemann. "Mehr wäre unanständig", antwortet der. Er bezeichnet sich zwar selbst als "normal-langweilig", doch wenn er abends zufrieden sein Dosenbier trinkt, fehlt ihm nichts. Eine Haltung, die Peggy auf die Palme bringt: "Warum willst du nicht auch mal was? Warum nicht mal wir? Warum haben wir nicht mal Glück?" Es ist dieser Neid, der sie zur Mörderin werden lässt.

Was stört?

Der Zuschauer kennt die Täterin von Anfang an. Auch Borowski hat schon bald den richtigen Verdacht. Doch wie er darauf kommt und letztlich den Fall löst - das erschließt sich dem Zuschauer nicht.

Die Kommissare?

Ähnlich wie die Kassiererin unterliegt auch Borowski einer falschen Interpretation. Weil Mila Sahin mit blauem Auge erscheint, glaubt der Kommissar es mit einem Fall häuslicher Gewalt zu tun zu haben. Zumal seine Kollegin als Erklärung nur "von privat" angibt. Am Ende rückt sie mit der Erklärung raus - die einmal mehr zeigt, wie leicht man doch ein vorschnelles Urteil fällt.

Ein- oder Ausschalten?

Wer einen guten Film darüber sehen möchte, wie subtil soziale Ausgrenzung funktioniert, sollte diesen "Tatort" auf keinen Fall verpassen. 

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