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"Tatort" aus Ludwigshafen: Die verlorenen Jugendlichen von Oggersheim

Lena Odenthal und ihre Kollegin Johanna Stern müssen den Mörder eines Kneipenbesitzers finden. Dabei treffen sie auf ein Trio Jugendlicher, die eigentlich ihr ganzes Leben vor sich haben, aber jeder Perspektive beraubt wurden.

"Tatort: Leonessa" aus Ludwigshafen

Die Freunde Samir, Vanessa und Leon (v.l.n.r.)

ARD
  • 3 von 5 Punkten
  • Sozialdrama über verwahrloste Jugendliche, das nicht gerade gute Laune macht

Worum geht's?

Hanne und Hans Schilling führen den "Saloon", eine Country-Kneipe in Ludwigshafen. Dort haben die Hocker an der Bar die Form eines Sattels und über dem Tresen hängen Revolver. Eines Morgens liegt Hans Schilling tot in seiner Bar, niedergestreckt mit einem Kopfschuss. Der Erste am Tatort ist der junge Samir (Mohamed Issa). Doch warum brauchte er zehn Minuten, um die Polizei zu alarmieren. Und was wissen seine Freunde Leon (Michelangelo Fortuzzi) und Vanessa (Lena Urzendowsky)? Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und ihre Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) finden heraus, dass der Wirt nicht überall beliebt war. Manche der Anwohner nennen ihn aggressiv, andere gar ein Arschloch. Schilling führte nicht nur den "Saloon", sondern verstand sich offenbar auch als Sheriff, der aufräumt und Dingen auf den Grund geht. Was also hat er entdeckt, das ihn am Ende das Leben kostete?

Warum lohnt sich dieser "Tatort"?

Die Handlung spielt im Ludwigshafener Stadtteil Oggersheim, viele Jahre der Wohnsitz des 2017 verstorbenen Altkanzlers Helmut Kohl. Doch staatsmännisch ist nichts in diesem Film. Vielmehr zeigt er eine Betonsiedlung, in der nicht nur die Wohnverhältnisse katastrophal sind, sondern auch die Menschen nichts kennen außer Verwahrlosung, Misshandlung und Gewalt. Oder wie die Frau des ermordeten Hans' zu Lena Odenthal sagt: "Der Dreck, die Assis, die Drogen. Es muss erst einer sterben, dass ihr da seid." Im Mittelpunkt steht ein Trio Jugendlicher, die eigentlich ihr ganzes Leben vor sich haben, aber jeder Perspektive beraubt wurden. Da ist Samir, dessen Bruder wegen eines Überfalls im Gefängnis saß. Leon, der früher ein guter Schüler war und allein mit seiner Mutter lebt. Die hat zwar einen Doktortitel in Literaturwissenschaften, doch inzwischen sammelt sie als Alkoholikern nur noch die leeren Flaschen hinterm Sofa statt Bücher im Regal. Und schließlich Vanessa, die gerade so den Hauptschulabschluss geschafft hat, und von ihren Eltern nichts mehr wissen will. "Mit 13 hat sie beschlossen, dass es uns einen Scheiß angeht, was sie macht", sagt ihre Mutter, die ihre Tochter längst aufgegeben hat.

Was stört?

Die größte Schwäche des Films ist leider die mangelnde Spannung. Es geschieht ein Mord und nach einer Stunde fragt man sich: Was ist eigentlich in der ganzen Zeit passiert? Die Antwort: endlose Routine-Maßnahmen wie Zeugenbefragung, Tatortbegehung und Observation. Klassische Polizeiarbeit, die allein aber noch keinen Krimi trägt. Die ganze Tragik, die sozialen Dramen, entfalten sich leider erst in den letzten Minuten. Erst zu dem Zeitpunkt kommt Dynamik in die Handlung und der Film zeigt seine Stärken. Doch dann ist auch schon Schluss. Schade, diese Chance ist vertan.

Ulrike Folkerts spielt seit 30 Jahren die Kommissarin im Ludwigshafener Tatort

Die Kommissare?

Lena Odenthal ist und bleibt die zentrale Figur der Ludwigshafener "Tatorte". Ihre Kollegin Johanna Stern wirkt stets wie eine laienhafte Assistentin, nicht wie eine Partnerin auf Augenhöhe - vor allem mit ihrer oberlehrerhaften, stets korrekten Art. Odenthal ist hingegen aufbrausend wie in ihren Anfangstagen. In einer Szene wirft sie sogar einen Apfel nach ihrer Kollegin - nachdem sie die Frucht zuvor mit bloßer Hand halbiert hat. "Ich kann machen, was ich will", rechtfertigt die Kommissarin ihre Attacke.

Ein- oder Ausschalten?

Wer in Zeiten von Corona, Flüchtlingsdramen und Politikkrisen noch mehr deprimierende Bilder ertragen kann, sollte einschalten. Alle anderen lassen den Fernseher lieber aus.

Kommissarin Lena Odenthal ermittelte auch in diesen Fällen: