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"Tatort"-Wiederholung: Warum die Til-Schweiger-Hasser Unrecht haben

Kaum ein "Tatort" hat so viel Hass entfacht wie der mit Til Schweiger. Dabei ist "Willkommen in Hamburg" ein solider Action-Krimi. Der Fall lief am Montagabend als Wiederholung in der ARD - und ist gar nicht so übel.

Von Sophie "Schimanski" Albers

Zwar trägt Til Schweiger keine rosa Roben mit Spitzbusen, doch erlebte der "Kokowääh"-Macher in den Wochen vor seinem "Tatort"-Debüt Ähnliches wie Hollywoodstar Anne Hathaway: Egal, was er tut, es wurde großflächig gepöbelt. Schon eine Woche vor Ausstrahlung des "Tatorts" von Regisseur Christian Alvart ("Antikörper", "Pandorum") wurde "Willkommen in Hamburg" verbal zusammengetreten, und das erstaunlicherweise gern, ohne über den "Tatort" als solchen zu berichten. Lenkt ja nur vom Hassobjekt ab. Dabei ist der schnoddrige Schweiger einfach nur Schweiger, so wie die liebreizende Hathaway einfach nur Hathaway ist.

Deshalb eine Frage zur Klärung vorab: Muss man eine Meinung zu Schweigers Patchwork-Plüschtier-Oeuvre haben, um einen Krimi genießen zu können? Wenn Sie die Frage mit Ja beantworten sollten, dürfen Sie sich auf Facebook auskotzen. Für die Neinsager kann es endlich losgehen mit der "Tatort"-Kritik.

Zuallererst einmal "fuck"

Nick Tschillers erster Auftritt ist eine Schießerei mit drei Toten, bei der der neue Kommissar und Ex-SEK-Mann nicht nur alle Regeln, sondern auch den Hamburger "Kiezfrieden" bricht. Der Tritt ins Wespennest ist ein Klassiker des Actionkinos, immer wieder aufregend. Und natürlich kommt er dem Rechtsempfinden entgegen, schließlich ermitteln Tschiller und seine Kollegen gegen eine Menschenhändler-Mafia, die Mädchen aus dem Osten in die Prostitution prügelt. Das Böse ist so böse wie möglich, der Held so korrekt wie unbedingt nötig.

"Lethal Weapon" hat Regisseur Alvart als Inspiration genannt. Und Drehbuchautor Christoph Darnstädt hat dem Neuen gleich zu Beginn eine richtungsweisende Hommage an den Alten mitgegeben: Tschillers erstes Wort ist "Fuck", so wie das von Schimanski bei dessen erstem Auftritt vor knapp 32 Jahren "Scheiße" war. Die Weichen sind gestellt, das hart erarbeitete Erbe wird dankend angenommen. "Popcorn-'Tatort'" heißt das ab sofort.

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Til Schweigers Unfähigkeit zum Weichei

Aus dem Actionkino wissen wir auch, dass der harte Kerl eine weiche Seite braucht, damit man ihm das Mitgefühl für die Opfer abnimmt. Gefühle zeigen ist schließlich nicht so sein Ding. Auftritt Schweigers Real- und Filmtochter Luna ("Schutzengel"), für deren Erziehung (natürlich ist Tschiller geschieden) das Raubein gerade seine Arbeitsstelle vom Main an die Elbe verlegt hat. Der renitente Teenager steht zum Frühstück auf Weicheier, aber die kriegt Papa eben einfach nicht hin. Das ist übrigens der Humor von "Willkommen in Hamburg".

Der bezieht sich auch immer wieder auf die aktuelle Diskussion, was nicht wirklich schmückt, aber auch nicht schadet, allerdings die Gefahr birgt, in die Koketterie abzurutschen. Sogar der Streit um den Vorspann, den Schweiger "outdated" findet, hat Eingang gefunden. Am Lustigsten ist immer noch der wörtlich genommene Schwanzlängenvergleich auf dem Büroklo zwischen Kommissar Tschiller und Kommissar Falke (Wotan Wilke Möhring), dem anderen Neuen. Pures Kerle-Kino.

Der Partner im Krankenhausbett

Nicht nur die nölige Tochter erklärt dem Zuschauer, wo dieser Tschiller eigentlich herkommt, auch dessen schlimmster Feind: Max Brenner (herrlich fies: Mark Waschke). Der Ex-Kollege hat die Seiten gewechselt (noch so ein Klassiker) und will nicht nur verhindern, dass sein Kinder-Prostituierten-Ring auffliegt, in ihm lodert auch ganz persönlicher Hass auf Tschiller, der einst mit seiner Freundin (Marvie Hörbinger) ins Bett gegangen ist. Gegenentwurf zum teuflischen Brenner wiederum - ja, so ausgewogen ist das Skript - ist Tschillers Kollege Yalcin Gümer (Fahri Yardim), der sich bei Tschillers erstem Einsatz eine Kugel im Bein gefangen hat, und der seinen neuen Kollegen seitdem vom Krankenhausbett aus mit Computer und dummen Sprüchen unterstützt.

Der Bettlägerige ist der einzige, dem Tschiller traut, deshalb versteckt er die Zwangsprostituierte Tereza (Nicole Mercedes Müller), die ihn zu Brenner führen soll, in Gümers Wohnung. Doch schon sind die widerwärtigen Mafiaschergen wieder da. Es ist eine Pest. Genauso wie die Tatsache, dass die Mädchen GPS-Chips unter die Haut gespritzt kriegen. Dass die Kunden, die Kinder missbrauchen, angesehene, hohe Tiere sind, die ihren Frauen erzählen, sie seien ohne Handy beim Angeln. Und dass selbst Tschiller die Mafiabrut nur schwächen, aber ihr Nest nicht endgültig ausheben kann. Es gibt viel zu tun. Was für ein Glück, dass drei weitere Tschiller-"Tatorte" in Arbeit sind.

Denn, ja: "Willkommen in Hamburg" macht alles richtig. Alvart stellt (wie auch schon mit dem Gruselschocker "Borowski und der stille Gast") einen neuen "Tatort" in die alte Reihe. Die Action wird konsequent durchgezogen, das Thema ernst genommen, ohne dass sich der Krimi selbst zu ernst nimmt. Dieser "Tatort" fährt die Gefühls-Achterbahn einmal ab und entlässt seine Zuschauer gut unterhalten in die neue Woche. Und darum geht es schließlich im "Tatort".

Die ARD zeigte diese "Tatort"-Folge am 28.12. um 21.45 Uhr als Wiederholung.