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"Tatort"-Kritik: Die Chemie stimmt nicht

Unglaubwürdige Charaktere, wenig überzeugende Schauspielleistungen, verworrener Fall: An diesem "Tatort" stimmte fast gar nichts.

Von Carsten Heidböhmer

Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) erscheinen völlig overdressed beim Geburtstagsfest ihres Chefs.

Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) erscheinen völlig overdressed beim Geburtstagsfest ihres Chefs.

Kleiner Gag zu Beginn: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) stehen völlig overdressed auf der Party ihres Chefs Ernst Rauter. Kann man machen. Und doch sorgt schon der Einstieg für Verwunderung: Als die Figur eingeführt wurde, war Bibi Alkoholikerin. Jetzt schlürft sie Champagner, als sei nie etwas gewesen.

Es war leider nicht das einzige an diesem "Tatort", das lieblos und egal wirkte. Die ganze Konstellation war viel zu statisch, die Charaktere wirkten merkwürdig unmotiviert und blutleer. Etwa der Witwer, der mit Wut auf den Tod seiner Frau reagiert, später seinen nachvollziehbaren Angriff aber damit rechtfertigt: Er sei müde gewesen. Der Chef eines gigantischen Konzerns, der nicht souverän und entschlossen auftritt, sondern wankelmütig und zerknirscht hinter seinem Schreibtisch hockt. Und das Kraftzentrum des Falls stellte ein Mann hinter Gittern dar, der seine Emotionen mit eiserner Disziplin unter Kontrolle hält. Vor allem aber war die ganze Geschichte (Buch: Verena Kurth, Regie: Robert Dornhelm) von vorne bis hinten unplausibel. Ganz so, als habe die bei dem Chemieunfall am Anfang des Films freigesetzte Säure den kreativen Prozess gelähmt.

Wiener Variante von Lady Macbeth

Bei besagtem Säureunfall verlor eine Frau ihr Leben - der Schutzanzug war fehlerhaft. Hergestellt wurde er von einer Tochterfirme der Wendler-Werke, und hier wird die Geschichte kompliziert: Peter Wendler (Anian Zollner), der Eigentümer dieser Firma, sitzt im Gefängnis, wohin ihn die Falschaussage seines Freundes und Geschäftspartners Viktor Perschawa (Michael Masula) gebracht hat. Der hat sich nämlich in Wendlers Ehefrau Sabrina (Maria Köstlinger) verliebt und sich so seines Nebenbuhlers Die verfolgt wiederum ganz andere Interessen: Sie möchte den Firmenbesitz ihres Mannes schnell verkaufen und sich ins Ausland absetzen. Im Stil einer Wiener Variante von Lady Macbeth intrigiert und lügt sie, um ihre Ziele zu erreichen.

Doch einer ist noch intriganter, noch gerissener: ihr Ehemann. Aus dem Knast heraus plant er ein mörderisches Komplott: Er gibt den Mord an Viktor Perschawa in Auftrag und sorgt gleichzeitig dafür, dass der Verdacht auf Sabrina Wendler fällt. Die Ermittler fallen drauf rein.

"Gier is a Hund"

Eisner und Fellner stolpern zwischen Gefängnis, Firmenzentrale und der Wendler-Villa hin und her, ohne den Vorgängen auch nur ansatzweise auf den Grund zu kommen. Kein Wunder, dass keiner der hier aufgeführten Schauspieler auch nur ansatzweise zu Hochform aufläuft: Es wirkt alles wie eine Kopfgeburt. Dass sie der wahren Mörderin doch noch auf die Schliche kommen, verdanken die beiden nicht ihrer Ermittlungsarbeit, sondern einer himmlischen Eingebung, die sie am Donaukanal ereilt. Sabrina Wendler darf ihre Zelle verlassen, nur um wenig später in ihrer Villa erwürgt zu werden. Von ihrem Ehemann, der - wie der Zufall es will - am selben Tag aus der Haft entlassen wurde.

Man könnte sich jetzt natürlich fragen, wieso dieser intelligente Mann, der aus seiner Zelle souverän die Strippen gezogen und Morde organisiert hat, seine frisch erlangte Freiheit durch eine so dumme Tat aufs Spiel setzt. Doch nein, als Zuschauer wundert man sich bei diesem "Tatort" schon lange über nichts mehr.

"Gier is a Hund", sag Bibi an einer Stelle über die Geschäftspraktiken der Wendler-Werke. Denn - in guter volkhochschulischer Tradition enthält der "Tatort" einen Exkurs über den globalen Kapitalismus. Nach 90 Minuten kann man aber mit gutem Grund urteilen: "Dieser Fall is a Schmarrn."

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