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TV-Kritik "Let's Dance": Neues aus der Anstalt

Therapiestunde statt Tanzshow: bei "Let's Dance" wird dieses Mal gelacht, geheult, geschrien. Schlimmer kann es im Irrenhaus auch nicht zugehen. Immerhin: Einer konnte entkommen.

Von Sophie Lübbert

Es gibt schöne Momente, an die man sich noch lange erinnern will. Und es gibt Momente wie diesen hier: Eine dicke Frau im blauen Blümchenkleid steht im Raum und weint. Sie zieht die Nase hoch und schnauft und schnieft und schluchzt, ihre Augen sind rot und sie sieht aus, als sei ihr eine ganz schlimme Tragödie zugestoßen. Schließlich reißt sie sich zusammen, schluckt sichtbar und stammelt dann: "Ich bin so froh, dass ich die Hebefigur geschafft habe. Und ich fühle mich schön heute Abend". Nach diesem Geständnis schluchzt sie wieder.

Was klingt wie eine Therapiestunde ist leider eine TV-Show: "Let's Dance", die Tanzsendung für Z-Promis. Und die deprimierte Dame ist Schauspielerin Manuela Wisbeck. Sie hat gerade einen Wiener Walzer getanzt und ist davon nun emotional so ergriffen, dass sie sich nicht mehr halten kann und heulen muss. Schön für sie, schade für den Zuschauer: Frau Wisbeck ist kein Einzelfall. Denn RTL hat sich diesmal wohl vorgenommen, alles ganz emotional und gefühlvoll anzugehen. Das soll etwas Spannung in die Show hinein bringen. Und ist genau so schlimm, wie es sich vermuten lässt: es gibt sehr viel Psychologie und sehr wenig Paso Doble zu sehen.

Alles ist unfassbar "geil"

Denn außer Frau Wisbeck zeigen sich auch die anderen Promi-Kandidaten mental auffällig. Also, noch mehr als sonst: Ex-Stabhochspringer/Ex-Frau Balian Buschbaum hat nicht nur den verdächtigen Tick, immerzu betont männlich eine Augenbraue hochzuziehen, sobald eine Kamera auf ihn gerichtet ist. Sondern er redet auch von Zeichen, die er überall sehe und die ihm etwas mitteilten. Aha. Ballermann-Barde Jürgen Milski kreischt und kichert wie irre und versichert dann, dass er gar nicht fassen könne, wie unfassbar "geil" alles sei. Hm. Und Schauspieler Manuel Cortez sagt Dinge wie "Das Schreien im Paso Doble ist cool, weil es mir Kraft gibt". Er sieht weggetreten aus.

Aber vielleicht muss das so sein, wenn man bei einer Sendung wie "Let's Dance" mitmacht - einer Sendung, bei der auch die Jury teilweise wirkt, als brauche sie dringend psychologische Betreuung. Besonders Jorge Gonzalez, mit dem üblichen Glitzer-Strampelanzug angetan, scheint gerade erst aus der geschlossenen Anstalt ausgebrochen zu sein: Er lacht hysterisch ("Harrharr!"), redet plötzlich Spanisch und springt kreischend auf, wenn er eine Tanz-Vorführung bewerten soll.

Esoterik-Exkurse von Balian Buschbaum

Apropos Tanzen: ein paar Minuten Paso Doble und Wiener Walzer gibt es natürlich auch. Und zusätzlich zu dem einen üblichen Tanz müssen alle Paare sogar gemeinsam einen "Discofox Marathon" aufs Parkett legen, also fünf Minuten lang am Stück tanzen. Das sieht alles wirklich nett aus, besonders bei den üblichen Verdächtigen. Soapstar Sila Sahin ist mittlerweile klare Favoritin und legt einen fantastischen Wiener Walzer aufs Parkett. Mit-Promi Jürgen Milski brilliert beim Disco-Fox, gewinnt den Marathon für sich und hat dabei richtig Spaß. Schade, dass die Tanz-Einlagen viel zu kurz sind und dann sofort wieder irgendein Gebrabbel oder eine vermeintlich lustige Show-Einlage kommen muss.

Klar, aus RTL-Sicht ist diese Taktik verständlich: Immerhin sind es nur noch sieben Kandidaten, aber immer noch über zwei Stunden Sendezeit (inklusive kostbarer Werbeunterbrechungen), die gefüllt werden wollen. Und irgendwas muss da kommen, um zu verstecken, dass das Ganze auch in einer knappen Dreiviertelstunde über die Bühne gehen könnte. Um die Zeit rumzubringen, laufen dann eben sehr lange Einspieler und es kommen dramatische Heulkrämpfe à la Manuela Wisbeck oder die Esoterik-Exkurse von Balian Buschbaum. Der fliegt übrigens am Ende mitsamt hochgezogener Augenbraue raus. Jetzt sind nur noch sechs Paare im Wettbewerb - das lässt nichts Gutes für die nächste Sendung vermuten.