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TV-Kritik zur Show aus Offenburg: Der Moment, als "Wetten, dass..?" beerdigt wurde

Veronica Ferres und Annette Frier hätten wohl nicht gedacht, dass sie Zeugen eines historischen TV-Moments werden: dem Moment, als "Wetten, dass..?" starb. Dabei war die Show so miserabel nicht.

Von Sylvie-Sophie Schindler

Toast Hawaii, blauer Frotteeschlafanzug, Schlagersendung gucken: Kindheitserinnerungen von Hape Kerkeling, wie er sie am Samstagabend bei "Wetten, dass..?" ausplauderte. In anderen Kindheiten kam es vor, dass der Schlafanzug aus Baumwolle und gestreift gewesen ist. Und statt ein "Bett im Kornfeld" holte man sich einen Frank Elstner oder Thomas Gottschalk ins Wohnzimmer. Die künftige Generation wird nun erwachsen werden müssen ohne die kleinen und großen "Wetten, dass..?"- Momente. Grund genug, um sentimental zu werden? Oder eher ein Anlass, ein Fass aufzumachen? Es war 22.56 Uhr, die letzte Minute in der gestrigen 212. Ausgabe der ZDF-Show in Offenburg, da verkündete Markus Lanz: "Wir sehen uns wieder am 4. Oktober in Erfurt, gehen jetzt in die Sommerpause, sehen uns wieder am 4. Oktober, mit den letzten drei Ausgaben von "Wetten, dass..?" Das war's."

Witzmaschine Markus Lanz

Nicht schonend musste der Moderator diese Nachricht dem TV-Volk überbringen, denn die meisten wussten längst: "Wetten, dass..?" liegt im Sterben. Alles nur noch eine Frage der Zeit. Die Diagnose: sukzessiver Quotenschwund. Schalteten bei der ersten Sendung mit Lanz im Oktober 2012 noch gut 13,5 Millionen Zuschauer ein, waren es zuletzt nur noch 5,85 Millionen. Zu Grabe getragen wird die legendäre Unterhaltungsshow am 13. Dezember, mit ihrer letzten Ausgabe aus Nürnberg. "Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass sich die Sehgewohnheiten auf dem Fernsehmarkt verändert haben", so Programmdirektor Norbert Himmler in einer Stellungnahme des Senders. Aber liegt es ausschließlich am Konzept? Hätte denn ein anderer, ein für das Format passender Moderator das Ruder nicht noch herumreißen können? Oder geht da die Fantasie mit uns durch?

Hape Kerkeling beispielsweise gehört zu diesen Lichtgestalten. Einer, der "Wetten, dass..?" einst hätte moderieren können. Und uns - bitte, bitte - in den rosaroten Samstagabendshow-Himmel entführt hätte? Lanz hatte ihn eingeladen, sicher nicht um neben dem Komiker eine schlechte Figur zu machen, doch wie sonst hätte er im Vergleich abschneiden können? Kerkelings größter Trumpf: Er nimmt sich selbst nicht allzu ernst. Solche Gelassenheit bei Lanz? Fehlanzeige. Immer noch. Stattdessen Streber-Attitüden, wenn es darum geht, den garantiert, haha, besten Witz zu erzählen. Auch daran hält er verbissen fest. Nebenbei gefragt: Warum ändert sich da eigentlich nichts? Auch wenn es eh schon zu spät ist. Als Hape Kerkeling meinte, er fühle sich mit seinen bald 50 Jahren wie 47, meinte Lanz: "Oder wie 4711." Und glaubte einen Witz gemacht zu haben.

"Frag mich doch endlich nach meiner Hochzeit!"

Die üblichen Lanzschen Fauxpas fielen dieses Mal kaum auf, denn so miserabel war die Sendung nicht. Streckenweise fühlte man sich sogar richtig gut unterhalten. Das Lob geht hier an Hape Kerkeling, Annette Frier, Anastacia und Außenmoderatorin Ina Müller. Dass die eingeschleust wurden, um von den Lanz-Hampeleien gezielt abzulenken, gehört vielleicht gar nicht in den Bereich der Verschwörungstheorien. Schnell anstrengend wurde es hingegen mit Cameron Diaz, hübsch zwar anzusehen, aber als Dauerpubertierende kaum zu ertragen. Dass sie mit "ihren Mädels" Klamotten tauscht, wer will das schon wissen? Veronica Ferres ist dennoch hingerissen: "What A Beautiful Woman." Wenig später schon hatte sich die Schauspielerin aus eigener Initiative einen weißen Schleier aufgesetzt, um mit Hape Kerkeling einen Hochzeitswalzer zu tanzen. Wohl, um Lockerheit zu demonstrieren: Seht her, ich bin ein Star zum Anfassen. Mehr aber noch um eine Frage zu provozieren, die Lanz denn auch brav stellte. Die nämlich nach einer Hochzeit im Hause Ferres. In diesem Jahr noch werde es dazu kommen, so Ferres.

Die Wettkandidaten nicht zu vergessen. Einer schoss mit Pfeil und Bogen auf hochfliegende Toasts, ein anderer köpfte mit einer Peitsche Frühstückseier, wieder ein anderer erkannte am Aufblinken von Autobremslichtern Songs wie "It's Raining Men". Wettkönige wurden drei Kieler, die per Salto über ein Cocktailglas sprangen, dabei jeweils einen Strohhalm im Mund, und das Glas bis zur verabredeten Markierung halbleer tranken. Zwei der Turner hätten, so Lanz, "ihre Wurzeln woanders". Und begeisterte sich: "Auch das ist Deutschland 2014".

Mit den Moderationskarten aufs Trampolin

Einen bewusst ernsten Moment, geht doch, hatte Lanz für Anastacia reserviert. Thema sollte die Brustkrebserkrankung der Sängerin sein, gegen die sie zweimal ankämpfen musste. Doch beim besten Bemühen, so viel Gefasstheit brauchte es gar nicht. Anastacia nannte ihre Erkrankung lächelnd "einen Segen", denn sie habe dadurch vielen Menschen mit ähnlichen Problemen helfen können. Ausgelassen machte die US-Sängerin dann Hula-Hoop-Übungen, mit dem eher unwilligen Lanz an ihrer Seite. Auch als alle Gäste von der Couch spontan zum "Power-Trampolin"-Springen antraten, wehrte Lanz mehrfach ab, als wäre ihm das alles einfach zu albern. "Du machst mit", sagt Annette Frier. Wenig später dann Lanz auf dem Trampolin. Mit seinen Schuhsohlen auf die Moderationskarten trampelnd. Was das soll? Auch das ist "Wetten, dass..?" 2014.

  • Sylvie-Sophie Schindler